Ukraine im Medienspiegel: MH17-Absturz verschärft den Konflikt

Foto: Andrej Stenin / RIA Novosti

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Auch in den russischen Medien steht am 21. Juli der Absturz von Flug MH17 im Mittelpunkt der Berichterstattung. Die Krise in der Südostukraine habe nun internationale Ausmaße angenommen. Kritisiert wird die Vorverurteilung der Volksmilizen und Russlands.

Kommersant“: Kämpfe in der Ostukraine gehen weiter

Die Zeitung „Kommersant“ berichtet, dass die Kampfhandlungen in der Ukraine auch nach dem Absturz von Flug MH17 der Malaysia Airlines weitergehen. Der Waffenstillstand zwischen der ukrainischen Armee und der örtlichen Volkswehr gelte nur auf dem Gebiet rund um die Absturzstelle. Der Versuch, eine dauerhafte Waffenruhe durchzusetzen, sei gescheitert, betont „Kommersant“. Nach Einschätzungen von Experten der Zeitung ist die Lage der ukrainischen Armee in den Krisengebieten nicht so gut, wie es die Kiewer Regierung berichte, insbesondere in den östlichen Gebieten, in denen sich die Regierung schnelle Erfolge erhofft habe. Eine Gruppe ukrainischer Soldaten sei bei dem Versuch, die Aufständischen zurückzudrängen, von diesen eingekesselt worden. Eine weitere Auseinandersetzung habe die momentane Waffenruhe verhindert. Doch die Aufständischen lehnten weiterhin alle Bemühungen, eine dauerhafte Waffenruhe zu vereinbaren, ab, so „Kommersant“.

 

Nesawissimaja Gazeta“: Kein absichtlich herbeigeführter Abschuss

„Die Welt steht an der Schwelle zur schlimmsten Zuspitzung der politischen Lage, die es in den letzten Jahrzehnten gab“, schreibt die „Nesawissimaja Gazeta“. Der Autor des Artikels befürchtet, der ungeklärte Absturz von Flug MH17 könne einen neuen Kalten Krieg auslösen.   

Der Zeitung zufolge weisen alle vorhandenen Informationen darauf hin, dass die Konfliktparteien auf beiden Seiten über das Raketenwaffensystem

Buk verfügten. Solch ein Raketenwaffensystem könne jedoch nur Ziele in einer Höhe von weniger als 50 Kilometern treffen. „Die Absturzstelle liegt 50 Kilometer von der russisch-ukrainischen Grenze entfernt. Deswegen ist es ausgeschlossen, dass eine von russischem Territorium abgefeuerte Rakete die Absturzursache war“, stellt die „Nesawissimaja Gazeta“ fest. Die Aufständischen hält die Zeitung ebenfalls nicht für verantwortlich. Sie hätten nicht das Know-how zur Bedienung eines Buk-Systems. Die Bedienung erfordere hochqualifiziertes und intensiv geschultes Personal, meint die „Nesawissimaja Gazeta“.

Die Zeitung weist hingegen darauf hin, dass die ukrainische Regierung nicht geleugnet habe, das Raketenwaffensystem Buk an der russisch-ukrainischen Grenze stationiert zu haben. Die Stationierung sei zur Abwehr russischer Aufklärungsflüge erfolgt. Laut „Nesawissimaja Gazeta“ könnte es daher möglich sein, dass die malaysische Boeing mit einem Flugzeug der russischen Luftstreitkräfte verwechselt wurde. Einen absichtlich herbeigeführten Abschuss von MH17 halten die Experten der Zeitung allerdings für unwahrscheinlich. „Die Attacke erfolgte sicher nicht mit dem Einverständnis der politischen Führung“, so „Nesawissimaja Gazeta“. Diese stünde nun aber unter enormem Druck, denn „die Unterstützung von Mördern der zivilen Bevölkerung wird den politischen Ruf vernichten“, meint die Zeitung.

 

Experte“: Baldige UN-Resolution erwartet

Die Zeitschrift „Experte“ berichtet ausführlich über die Untersuchungen an der Absturzstelle von MH17. Nach Angaben der Zeitung überwachen die Volksmilizen der selbsternannten Volksrepublik Donezk die Absturzstelle seit drei Tagen und gewährleisten die Sicherheit der von der OSZE entsandten Beobachter. 

In absehbarer Zeit sei mit der Verabschiedung einer UN-Resolution zu rechnen, die den mutmaßlichen Abschuss von Flug MH17 verurteile, so „Experte“. Im Resolutionsentwurf werde eine umfassende, eingehende und unabhängige internationale Untersuchung nach den  Standards der Zivilluftfahrt gefordert. Zudem sollen darin die Volksmilizen aufgefordert werden, jegliche Handlungen zu unterlassen, die dieses Ziel behindern könnten, erklärt die Zeitung.   

 

Wsgljad“: Anschuldigungen basieren auf „grob manipulierten Tatsachen“

Die Zeitung „Wsgljad“ berichtet, dass die Untersuchung des Absturzes von MH17 noch nicht abgeschlossen sei, die Katastrophe aber dennoch bereits durch die Staats- und Regierungschefs der Ukraine und des Westens zu Propagandazwecken ausgenutzt werde. Im Internet kursierten Mitschnitte von Gesprächen, die angeblich von Angehörigen der Volksmilizen geführt worden seien und in denen vom Abschuss eines zivilen Flugzeugs die

Rede sei, so „Wsgljad“. Diese Veröffentlichungen hätten dazu geführt, dass umgehend die Aufständischen und Russland als Verantwortliche für den Absturz beschuldigt worden seien.

In der Ukraine werde zudem die Behauptung aufgestellt, Russland habe das Raketenwaffensystem Buk den Volksmilizen überlassen. Nach den Ereignissen um Flug MH17 hätten die Aufständischen das Raketenwaffensystem über die Grenze zurück nach Russland gebracht. Die von „Wsgljad“ befragten Experten erklären, dass diese Anschuldigungen auf ungeprüften und sogar grob manipulierten Tatsachen basierten. Ohne Untersuchungen und Gutachten durchzuführen, habe die ukrainische Regierung schon viele Beweise für die Täterschaft der Volksmilizen gefunden, so die Zeitung. Wegen dieser „unbegründeten Beschuldigungen durch ausländische Staats- und Regierungschefs“ ist laut „Wsgljad“ ein „neues Niveau“ erreicht.

 

Moskowski Komsomolez“: Putin fordert auf, die Katastrophe nicht zu missbrauchen

Die Zeitung „Moskowski Komsomolez“ zitiert aus der Erklärung des russischen Präsidenten zum Absturz des Flugzeugs der Malaysia Airlines. Putin habe die Konfliktparteien aufgefordert, das Blutvergießen einzustellen

und den Dialog zu beginnen. „Die Tragödie hätte vermieden werden können“ und die 298 Passagiere von Flug MH17 könnten noch leben, wenn es „am 28. Juni keine Auseinandersetzungen im Osten der Ukraine gegeben hätte“, zitiert die Zeitung den Präsidenten. Putin habe dazu aufgerufen, die Katastrophe nicht eigennützig für politische Zwecke zu missbrauchen. „Solche Ereignisse dürfen die Menschen nicht voneinander trennen, sondern müssen sie zusammenbringen“, zitiert Moskowski Komsomolez aus Putins Erklärung.

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