Naher Osten: Ägyptens Staatschef sucht die Nähe zu Russland

Russische Medien sehen den Einfluss der USA in Ägypten schwinden. Foto: Olessja Kurpjajewa/Rossijskaja Gaseta

Russische Medien sehen den Einfluss der USA in Ägypten schwinden. Foto: Olessja Kurpjajewa/Rossijskaja Gaseta

Als erster Staatschef außerhalb der arabischen Welt empfing der russische Präsident Wladimir Putin seinen ägyptischen Amtskollegen Abd al-Fattah as-Sisi in Moskau. Beide Länder streben eine engere wirtschaftliche und militärische Kooperation an. Die russischen Medien analysieren die Erfolgsaussichten.

Am 12. August traf Russlands Präsident Wladimir Putin sich mit seinem ägyptischen Amtskollegen Abd al-Fattah as-Sisi. Im Laufe des Treffens wurden die mögliche Einrichtung einer Sonderwirtschaftszone zwischen Ägypten und den Ländern der eurasischen Zollunion sowie eine deutliche Ausweitung der gegenseitigen Lieferungen von Agrarprodukten im laufenden Jahr diskutiert. Darüber hinaus wurde eine engere Zusammenarbeit in der Verteidigungs- und Außenpolitik erörtert.

Dass es bei dem Treffen um die Festigung der Beziehungen zwischen Moskau und Kairo gehen würde, hatten russische Medien schon vorab vermutet. So verwies die Internetzeitung „Gazeta.ru“ darauf, dass im Zusammenhang mit der rasanten Abkühlung der US-amerikanisch-ägyptischen Beziehungen nach dem Sturz Mohammed Mursis durch das Militär „Ägypten mögliche Alternativen zu der langjährigen Allianz mit den USA“ suche.

Andrej Kolesnikow, Sonderkorrespondent der Zeitung „Kommersant“ richtete das Augenmerk in seiner Reportage über das Treffen der beiden Staatsführer darauf, dass die russische Seite nichts unversucht ließ, um dem ägyptischen Präsidenten einen möglichst feierlichen Empfang zu bereiten. Dem Gast aus Ägypten wurde die neuste russische Waffentechnik vorgeführt. „Ägypten will von Russland Waffen kaufen und Russland will von Ägypten Lebensmittel. Daher beabsichtigt Russland, das Zulassungsverfahren ägyptischer Agrarerzeugnisse für den einheimischen Markt zu erleichtern“, schreibt Kolesnikow.

 

Waffen statt Lebensmittel

Dagegen sieht die Zeitschrift „Expert“ die Aussichten für eine landwirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Russland und Ägypten skeptisch. Geworg Mirsajan, Sonderkorrespondent von „Expert“, schreibt, dass „kurzfristig betrachtet, der Landwirtschaft Ägyptens ein nicht wieder gutzumachender Schaden zugefügt werden wird“. Durch die Fertigstellung des Wasserkraftwerkes im äthiopischen Abschnitt des Nils werde sich die Bewässerung der bisher so fruchtbaren ägyptischen Nilregion drastisch verschlechtern, schreibt Mirsajan.

Zudem entwarf er das, zurzeit nicht sehr wahrscheinliche, Szenario einer Verbesserung der Beziehungen zwischen Russland und der Europäischen Union. In diesem Falle würde sich auch die Zusammenarbeit mit dem Westen im Agrarbereich wieder normalisieren und Ägypten verlöre automatisch die Rolle eines privilegierten Partners. Putins Äußerungen zu der Einrichtung einer Sonderwirtschaftszone schätzte Mirsajan gar als „emotional“ und wohl nur schwer realisierbar ein.

Wesentlich positiver äußerte die Zeitschrift „Expert“ sich da schon über die Zukunft der russisch-ägyptischen Zusammenarbeit im Bereich der

Verteidigungs- und Außenpolitik. „Russland sieht in Ägypten einen langfristigen und aussichtsreichen Käufer russischer Waffentechnik, zumal Saudi-Arabien auch weiterhin diese Verträge finanzieren werde“, schreibt Mirsajan und verweist im Weiteren auf das Interesse des Präsidenten as-Sisi an einer Unterstützung durch Moskau, die die Abhängigkeit von Washington etwas verringern könnte. Außerdem unterstreicht die Zeitschrift „Expert“, dass das säkular-autoritäre Regime as-Sisis für Moskau von Vorteil sei, da es die Verbreitung des fundamentalistischen Islams, der in der Zukunft auch für Russland eine Gefahr darstellen könnte, in der Region verhindere.

 

Der Nahe Osten wendet sich vom Westen ab

Der Großteil der russischen Massenmedien konzentrierte sich im Wesentlichen nicht so sehr auf die Lieferung von Nahrungsmittel, als vielmehr auf die zukünftigen Beziehungen zwischen Moskau und Kairo im Ganzen. Die Internetseite „Swobodnaja pressa“ (zu Deutsch: Freie Presse) befragte eine Reihe Experten zur Zukunft der russisch-ägyptischen Zusammenarbeit auf politischem Gebiet. Die Meinungen gehen dabei auseinander: Semjon Bagdasarow, Politologe und Leiter des Zentrums für Nahost- und Mittelasienforschung, geht davon aus, dass as-Sisi in seiner Außenpolitik zwischen Russland und den USA pendeln werde, wobei er einen engen Kontakt zu Saudi-Arabien, seinem wichtigsten Partner in der Region, halten wird. Währenddessen äußerte Wladimir Anochin, Vizepräsident der Akademie für geopolitische Probleme, seinen Optimismus bezüglich der Zusammenarbeit mit dem Regime as-Sisis, wobei er darauf verwies, dass „sich Russland ernsthaft, grundlegend und für lange in die Region des Nahen Ostens begebe“. As-Sisi setze „das Erbe Nassers fort“. Die jüngsten Ereignisse könne man als Zeichen dafür auffassen, dass „der Nahe Osten sich vom Westen abkehrt und damit beginnt, sich Partner im eurasischen Raum zu suchen“.

Eine Parallele zwischen Abd al-Fattah as-Sisi und Gamal Abdel Nasser zieht auch der bekannte russische Orientalist Georgij Mirskij, der das Treffen der Staatsoberhäupter für die Zeitung „Wsgljad“ kommentierte. „As-Sisis Berechnung besteht darin, dass sein erster Besuch in Moskau dazu

beitragen wird, dass die Ägypter den Eindruck bekommen, er orientiere sich nicht nur am Westen und den USA, sondern dass er, wie Nasser, in Russland ein globales Gegengewicht zur US-amerikanischen Hegemonie sieht“, schreibt Mirskij. Allerdings ist Mirskij überzeugt, dass der ägyptische Präsident danach streben werde, sowohl zu Russland, als auch zum Westen normale Beziehungen zu unterhalten: „Er wird die Politik in allen Bereichen so führen, dass man ihm einerseits keine pro-amerikanische Sympathien vorwerfen kann, aber auch nicht, dass er Ägypten in den Abgrund jagt, indem er mit dem Westen bricht“. Unterm Strich bewertet Mirskij die zukünftigen Beziehungen zwischen Moskau und Kairo als positiv und bezeichnet sie als „die freundschaftlichsten seit Langem“.

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