Vormarsch des Islamischen Staats beunruhigt Russland

"Hielte die EU sich mit einer Militärhilfe für die Kurden zurück, wären ein Sieg der Islamisten und die Gründung eines „islamistischen Kalifats“ im gesamten Irak durchaus möglich", meinen Experten. Foto: Reuters

"Hielte die EU sich mit einer Militärhilfe für die Kurden zurück, wären ein Sieg der Islamisten und die Gründung eines „islamistischen Kalifats“ im gesamten Irak durchaus möglich", meinen Experten. Foto: Reuters

Die Lage im Irak spitzt sich weiter zu: Ein Großteil des Landes wird nach wie vor von dem „islamischen Kalifat“ kontrolliert, den die radikale Gruppierung „Islamischer Staat im Irak und an der Levante“ (ISIL) errichtet hat. Russische Medien verfolgen die Entwicklung der Lage sehr aufmerksam.

Besorgt über die momentane Situation äußerten sich der bekannte Orientalist Georgi Mirski und Alexei Arbatow, der Leiter des Zentrums für internationale Sicherheit beim Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften, in einer Sendung von Radio „Echo Moskwy“. Während die internationale Gemeinschaft aufgrund der Spannungen zwischen Russland und dem Westen gespalten sei, schreite im Nahen Osten der gewalttätige Islamismus weiter voran. Russland unterschätze diese Gefahr offensichtlich, sagten die Experten. Mirski ist überzeugt, dass der islamistische Terror aktuell die größte Bedrohung für Russland und die ganze Welt darstelle. Arbatow unterstützt ihn in dieser These: „Wenn die Amerikaner ihre Truppen aus Afghanistan abziehen und Islamisten dort und im Irak an die Macht kommen, öffnet sich ein großes schwarzes Loch von Palästina bis zum Hindukusch – eine transregionale Zone der Gewalt, des Kriegs und des Terrors.“ Die Welt hätte noch nie einer solchen Bedrohung gegenüber gestanden. Mirski und Arbatow stimmten darin überein, dass allein eine gemeinsame Machtanstrengung der gesamten Weltgemeinschaft dieser Gefahr beikommen könne.

Der Sonderkorrespondent der Zeitschrift „Expert“ Geworg Mirsajan sucht die Ursachen der heutigen Probleme des Irak in der Amtszeit des Ex-Premiers Nuri al Maliki. Die von dem Schiiten al-Maliki durchgesetzte Politik einer aggressiven Verdrängung sunnitischer Führer aus der politischen Machtelite des Landes, die auch vor strafrechtlicher Willkür nicht Halt

machte, habe, so Mirsajan, in den sunnitischen Provinzen große Unzufriedenheit entstehen lassen. Einige von den Sunniten unterstützten nun die islamistischen ISIL-Truppen. Angesichts des offensichtlichen Scheiterns von al-Maliki und dessen Kurs wandten sich seine beiden wichtigsten Bündnispartner – die USA und der Iran – von ihm ab. Das habe ihn schließlich zum Rücktritt gezwungen. Mirsajan spricht zugleich von der Illusion eines einheitlichen Irak und zitiert den amerikanischen Politologen Leslie Gelb: „Die USA sind grundsätzlich nicht dazu in der Lage, das politische Erdbeben im Nahen Osten aufzuhalten“.

Diesen Standpunkt teilt auch der Präsident des Nahost-Instituts Jewgeni Satanowski. In einem Interview mit „Kommersant FM“ argumentierte er, der Irak stehe vor einer Spaltung, der Zerfall dieses Staates sei jedoch erst der Beginn eines Prozesses, der die gesamte Region erfassen könnte. „Die heutige arabische Welt wird perspektivisch nicht mehr als Staatengemeinschaft existieren“, so Satanowskis düstere Prognose.

 

Das Kurdische Dilemma

Auch das Vorhaben einiger westlicher Staaten, den irakischen Kurden aktive Militärhilfe zukommen zu lassen, wird von russischen Medien analysiert. In einem Kommentar für die Internetseite „Russkaja Planeta“ schreibt Konstantin Siwkow, Präsident der Akademie für geopolitische Probleme, der Westen stehe vor einem Dilemma. Hielte die EU sich mit einer Militärhilfe für die Kurden zurück, wären ein Sieg der Islamisten und die Gründung eines „islamistischen Kalifats“ im gesamten Irak und vielleicht sogar über dessen Grenzen hinaus durchaus möglich. Eine Stärkung der kurdischen Militärkräfte könnte wiederum im Falle einer Bezwingung der Islamisten neue Instabilität in die Region bringen, da auch die Kurden eine regionale Macht werden könnten. Die Kurden wollen um jeden Preis einen einheitlichen kurdischen Staat gründen. Ein solcher Staat jedoch bliebe nicht ohne Folgen für die territoriale Integrität des Irak, des Iran, der Türkei und Syriens und zöge weitere bewaffnete Konflikte nach sich. „Die EU befindet sich in einer Pattsituation“, resümiert Siwkow.

Nach Auffassung von Boris Dolgow, ebenfalls Orientalist, wären eine Stärkung der Kurden und die Gründung eines kurdischen Staates für den Westen durchaus von Vorteil: „Schon lange spricht man davon, dazu ein Referendum im Irak durchzuführen. Stimmen die wahlberechtigten Kurden für einen unabhängigen Staat, dann hätten die USA und die EU einen mächtigen Verbündeten hinzugewonnen“. Wie der Experte betonte, seien die Kurden weit entfernt von einem radikalen Islamismus und insgesamt stärker an einer Allianz mit dem Westen interessiert.

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