Russische Fallschirmjäger in der Ukraine verhaftet

Foto: Reuters

Foto: Reuters

Am Dienstag wurden in der Ukraine zehn russischer Fallschirmjäger, die über die Grenze auf ukrainisches Territorium gelangt waren, verhaftet. Ist das jetzt der Beweis, dass Russland die Aktivisten in der Ukraine militärisch unterstützt oder war es tatsächlich nur ein Versehen?

Am vergangenen Dienstag meldete die Ukraine, zehn russische Fallschirmjäger festgenommen zu haben, die die Grenze zur Ukraine überschritten haben sollen. Russland dementierte den Vorwurf nicht. Ein Mitarbeiter des russischen Verteidigungsministeriums erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Interfax, die Grenzüberschreitung sei „aus  Versehen“ geschehen. Der Mitarbeiter wird mit den Worten zitiert, dass die Soldaten an der ukrainisch-russischen Grenze patrouillierten. „Die Grenze haben sie an einer nicht gekennzeichneten Stelle wahrscheinlich versehentlich übertreten“, sagte er. Soweit bekannt sei, hätten die Soldaten bei ihrer Festnahme keinen Widerstand geleistet. 

Der russische Präsident Wladimir Putin erklärte gegenüber Journalisten, er warte noch auf einen offiziellen Bericht der Militärbehörde. Bisher wisse auch er nicht mehr, als dass es sich um eine versehentliche Grenzüberschreitung gehandelt habe. Allerdings, so bemerkte Putin weiter, würden auch in Russland regelmäßig ukrainische Soldaten aufgegriffen. Bei einer Kontrolle seien schon einmal 450 ukrainische Soldaten gezählt worden, diese hätte man einfach wieder zurückgeschickt. „Das war nie ein Problem für uns. Ich hoffe, dass auch die Ukraine in diesem Fall keine Probleme macht“, fügte Putin hinzu.

 

Die Ukraine fühlt sich provoziert

Die Ukraine geht von einem gezielten Manöver aus. In einer offiziellen Erklärung, die der Sicherheitsdienst der Ukraine auf seiner Webseite veröffentlichte, heißt es: „In der Nähe der Ortschaft Serkalnyj des Gebiets Amwrosijewskij der Region Donezk haben die vereinten Kräfte des ukrainischen Militärs und des Sicherheitsdienstes zehn Soldaten des 331. Regiments der 98. Swirskaja-Division der Luftlandetruppen der Streitkräfte der Russischen Föderation (Formation Nr. 71211) festgenommen. Die russischen Soldaten trugen ihre Ausweispapiere und Waffen bei sich.“ Die später festgenommenen Soldaten seien von ihren ursprünglichen Standorten nach Rostow am Don verlegt worden, erklärt der Geheimdienst weiter. Bei ihrer Festnahme hätten sie russische Militäruniformen und Tarnkleidung getragen, aber keine Abzeichen. Auch die Kennzeichen ihrer Fahrzeuge seien übermalt gewesen.

Die ukrainische Nachrichtenagentur Unian vermutet hinter den Fallschirmjägern eine weitaus größere Militäraktion. Ursprünglich hätten bis zu 400 Soldaten in der Ukraine landen sollen, darunter eine Artilleriedivision, ein Aufklärungstrupp und Unterabteilungen der Kampfunterstützungstruppen, behauptet die Nachrichtenagentur. Zusätzlich sollten unter anderem 30 Gefechtsfahrzeuge und 18 mobile Artilleriesysteme vom Typ „Nona“ mitgenommen werden.

Im Verhör hätten die russischen Fallschirmjäger ausgesagt, im Rahmen einer taktischen Übung in der Nacht zum 24. August in Bereitschaft versetzt worden und unter Bedingungen einer Funkstille über die Grenze in Richtung der ukrainischen Stadt Ilowajsk geschickt worden zu sein. „Wir sind nicht auf den Straßen, sondern über Felder gefahren. Ich weiß auch nicht, wo wir die Grenze überschritten haben“, sagt ein Soldat, der sich als Gefreiter des 331. Regiments der 98. Swirskaja-Division der Luftlandetruppen der Streitkräfte der Russischen Föderation Iwan Meltschakow vorstellt, in einer veröffentlichten Videoaufzeichnung des Verhörs. Dass sie sich auf ukrainischem Boden befänden, hätte er erst bemerkt, als er und seine Kameraden unter Beschuss gerieten.  

 

Trumpfkarte für Poroschenko

Der frühere Oberst und unabhängige Militärexperte Wiktor Litowkin hält eine versehentliche Grenzüberschreitung für wahrscheinlich. Er hat die Videoaufzeichnungen vom Verhör analysiert und ein mögliches Szenario entworfen. Demnach haben die Soldaten sich nach einem mehrstündigen Marsch verlaufen: „Bei einer Militärkolonne gibt es eine Vorhut, die vorausgeht, und eine Flankensicherung durch Kräfte, die seitlich neben den Haupttruppen unterwegs sind. Die Fallschirmjäger waren offenbar zur Flankensicherung eingesetzt. In der Nacht haben sie sich verirrt. Die russisch-ukrainische Grenze war nicht markiert und so sind sie auf der ukrainischen Seite weitermarschiert.“ Das sei nicht ungewöhnlich, findet Litowkin.

Alexandr Konowalow, Präsident des Instituts für Strategische Bewertung, bemerkt, die Verhaftung russischer Soldaten auf ukrainischem Staatsgebiet sei ein Geschenk für Kiew.  Kiew glaube nun, einen Beweis dafür zu haben, dass russische Truppen sich tatsächlich aktiv in die Auseinandersetzungen im Osten der Ukraine einmischten. Der Experte hält daher eine erneute Ausweitung der Sanktionen gegen Russland durch die USA und die EU für möglich. Die Ukraine werde im Westen nun wohl verstärkt auf Unterstützung beim Aufbau des Militärs und Waffenlieferungen drängen. In dieser Hinsicht sei vom Westen aber eher Zurückhaltung zu erwarten, so Konowalow. Bei den anstehenden Gesprächen der Zollunion werde der ukrainische Präsident die aktuelle Entwicklung möglicherweise zu seinem Vorteil nutzen wollen: „Poroschenko hält eine Trumpfkarte in den Händen.“

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland