Attentat in Grosny: Kämpft der Islamische Staat im Kaukasus?

Bei einem Selbstmordanschlag in Grosny kamen am Sonntag fünf Meschen ums Leben. Foto: Said Zarnajew/RIA Novosti

Bei einem Selbstmordanschlag in Grosny kamen am Sonntag fünf Meschen ums Leben. Foto: Said Zarnajew/RIA Novosti

In Tschetschenien tötete ein Selbstmordattentäter am Sonntag fünf Menschen und verletzte zwölf. Experten halten es für möglich, dass der Islamische Staat hinter dem Anschlag steckt. Noch sei es aber zu früh, von einem Vordringen des IS außerhalb der arabischen Welt zu sprechen.

Bei einem Selbstmordanschlag in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny an einem Eingang zu einem Konzertsaal kamen am Sonntag fünf Polizisten ums Leben, zwölf weitere Personen wurden verletzt. In dem Konzertsaal sollten Feierlichkeiten anlässlich des „Tags der Stadt" stattfinden. Über Instagram ließ das Oberhaupt der russischen Teilrepublik Ramsan Kadyrow verlauten, dass die Lage in Tschetschenien trotz des Terroranschlags stabil sei und die „Strafverfolgungsbehörden alles unter Kontrolle" hätten. Er versprach, „alle zu vernichten, die an dem Anschlag beteiligt waren". Bei dem Selbstmordattentäter soll es sich um den erst 19 Jahre alten Apti Mudarow aus dem Stadtteil Staropromyslowski in Grosny gehandelt haben. Vor ungefähr zwei Monaten hatte er das Haus der Familie verlassen, seitdem haben seine Verwandten nichts mehr von ihm gehört.

RBTH hat Experten zu den möglichen Hintergründen des Anschlags befragt. Der Tag sei ihrer Meinung nach nicht zufällig ausgewählt worden. Sergei Gontscharow, Präsident der Unterabteilung „Alpha" für Terrorismusbekämpfung der Veteranenvereinigung, weist darauf hin, dass in diesem Jahr am 5. Oktober das islamische Opferfest Kurban Bayram gefeiert wurde, ebenso wie das Fest der Stadt Grosny und der Geburtstag des tschetschenischen Staatsoberhauptes. „Der Selbstmordattentäter könnte durchaus Kontakt zu Kämpfern des Islamischen Staats gehabt haben", glaubt Gontscharow. Vor Kurzem noch habe Kadyrow heftig auf die Drohungen des IS gegen Russland reagiert und erklärt, er werde Russlands Interessen verteidigen, erinnert Gontscharow. Daher hält er das Attentat für eine mögliche Antwort der Terroristen auf die Ankündigung Kadyrows.

 

Der IS führt einen Kommunikationskrieg

Wadim Kosjulin, ein Experte des Zentrums für politische Studien in Moskau, schließt eine Verbindung des Selbstmordattentäters in Tschetschenien zu den Islamisten ebenfalls nicht aus. Moderne Kommunikationsmittel ermöglichten den Terroristen, weltweit Kontakte aufrechtzuerhalten. Bereits

vor zwei Jahren seien in der arabischen Welt die gleichen Bombentypen mit drahtlosen Zündern aufgetaucht, wie sie auch in Tschetschenien schon verwendet worden seien.

„Das bedeutet, dass zwischen Tschetschenien und der arabischen Welt schon lange ein Austausch von Technologien stattfindet", glaubt Kosjulin. Zudem habe der IS Anhänger in Zentralasien, dem Kaukasus und Russland. „Islamisten sind die Bedrohung, mit der unsere Region sich in nächster Zeit auseinandersetzen muss", resümiert er. Die Terroristen könnten zudem mithilfe moderner Kommunikationsmittel überall auf die Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung reagieren, ergänzt der Experte.

„Die Islamisten führen einen PR-Krieg gegen die Macht der Anti-Terror-Koalition, indem sie im Internet auf die Aussagen bestimmter Politiker reagieren", sagt er. In Tschetschenien könnte die Intention des Anschlags gewesen sein, zu zeigen, dass Kadyrows Worte gegen den IS leere Drohungen gewesen und die Behörden tatsächlich machtlos seien.

 

IS als angesagte Brandmarke

Nikita Mendkowitsch vom Rat für auswärtige Angelegenheiten Russlands bestätigt, dass die Terroristen im Kaukasus sich über das Internet mit Vertretern des Islamischen Staats ausgetauscht haben könnten. Doch er wendet ein, dass bislang keine direkte Verbindung zwischen tschetschenischen Terroristen und den Kämpfern des Islamischen Staates nachgewiesen werden konnte. Die Spekulationen beruhten hauptsächlich auf gut zugänglichen Informationen über deren Ideologie und Aktivitäten. „Einige Extremisten verwenden die Bezeichnung ‚IS' wie eine angesagte Marke. Kürzlich gab es einen Fall, bei dem Extremisten in Usbekistan in

irgendeiner Stadt die Flagge der IS-Terrorgruppe gehisst haben, doch diese Aktion bedeutet mitnichten, dass diese Organisation tatsächlich bis nach Mittelasien vorgedrungen ist", erklärt Mendkowitsch.

Auch Sergei Markedonow, Politologe und Dozent am Lehrstuhl für ausländische Regionalwissenschaften und Außenpolitik an der Staatlichen Humanitären Universität Russlands, meint, dass es rund um das Attentat in Tschetschenien bisher viele Spekulationen gebe und es noch zu früh sei, daraus Schlüsse zu ziehen. „Es gibt wenige Informationen über die Aktivitäten des IS im Kaukasus. Ob der Anschlag in Tschetschenien ein bewusstes Signal an die Regierung der Republik oder auch an die Adresse Russlands war, ist noch nicht ganz klar." Seiner Meinung nach ist Tschetschenien im Vergleich zu den umliegenden Republiken wie zum Beispiel Iduschetien stabiler, dennoch gebe es Probleme: „Das stabilisierende Modell von Kadyrow wirkt nur oberflächlich. Viele tatsächliche Probleme werden totgeschwiegen", sagt er. Kadyrow gehe eher taktisch vor – ein Fehler, wie der Experte meint, denn das könnte früher oder später in Anschlägen wie dem vom Sonntag gipfeln. Markedonow geht allerdings nicht davon aus, dass dieser Anschlag die Stabilität Tschetscheniens ernsthaft gefährden werde.

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