Die Welt in Russlands Medien: Gibt es einen neuen Maidan in Hongkong?

Foto: AFP/East News

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Russische Medien berichten am 6. Oktober über den Gasstreit, die Proteste in Hongkong und die lettischen Parlamentswahlen. Die Ukraine bleibe trotz neuer Partner weiter abhängig von russischem Gas, und eine Beteiligung der USA an den Ereignissen in Hongkong halten russische Medien für unwahrscheinlich.

Gazeta.ru: Ukraine strebt Energieunabhängigkeit von Russland an

Die Online-Zeitung Gazeta.ru beobachtet die Entwicklung im Gasstreit. Die Zeitung berichtet, dass die Ukraine mit der norwegischen Gesellschaft Statoil einen neuen Lieferanten gefunden habe. Die Ukraine wolle so die Energieabhängigkeit von Russland verringern, schreibt Gazeta.ru. Nach Angaben der Zeitung verbraucht die Ukraine etwa 50 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr, wovon die Norweger jedoch nur zehn Prozent abdecken könnten. Die Führung des ukrainischen Energieunternehmens Naftogas habe den Vertrag dennoch als „Durchbruch" bezeichnet, berichtet Gazeta.ru weiter. Experten sagten der Zeitung, für die Ukraine werde sich tatsächlich wenig ändern, denn es handele sich bei den norwegischen Lieferungen um sogenannte Swap-Lieferungen. Statoil werde daher womöglich russisches Gas in die Ukraine liefern, resümiert Gazeta.ru.

 

Ogonjok: Proteste in Honkong ähneln dem Maidan

„Mit Regenschirmen bewaffnet" betitelt das Magazin Ogonjok einen Artikel, der spekuliert, ob die Ereignisse in Hongkong einen ähnlichen Ausgang nehmen werden wie die Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking im Juni 1989. Ogonjok weist darauf hin, dass die Ereignisse in Hongkong nicht nur in Peking, sondern weltweit aufmerksam beobachtet würden.

Die chinesische Regierung habe die Proteste als illegitim bezeichnet und gefordert, dass die regionalen Behörden die Kontrolle zurückerlangen, berichtet „Ogonjok". Die Demonstranten seien jedoch nur bereit, direkt mit China zu verhandeln, und forderten den Rücktritt des Hongkonger Verwaltungschefs Leung Chun-ying. „Der Verwaltungschef selbst spricht nicht mit den Demonstranten, plant aber auch keinen Rücktritt, deshalb findet kein Dialog statt", schreibt das Magazin.

Der Autor des Artikels vergleicht die Ereignisse in Hongkong auch mit den Protesten in der Ukraine. Zehntausende Menschen, die sich über Smartphones und anderen mobilen Kommunikationsgeräten austauschten, seien nicht bereit, wieder nach Hause zu gehen, und Behörden wüssten nicht, wie sie reagieren sollten, außer mit einem Polizeieinsatz, schreibt er. Es werde zudem auch darüber spekuliert, ob die Unruhen in Hongkong vom Ausland aus gesteuert würden. In welchem Ausmaß dies der Fall sei, sei unklar, doch amerikanische Medien sympathisierten in ihrer Berichterstattung deutlich mit den Demonstranten, schreibt Ogonjok.

 

Nesawisimaja gaseta: China wird in Hongkong zurückhaltend agieren

Die Nesawisimaja gaseta sieht bereits das Ende der Proteste in Hongkong bevorstehen. Als Anlass für diese Vermutung dient der Zeitung die Warnung des Verwaltungschefs von Honkong, der Staat werde eingreifen, wenn die Demonstranten sich nicht zurückzögen. Diese Ansprache, die laut „Nesawisimaja gaseta" von der westlichen Presse als Ultimatum bezeichnet wurde, sei zu einem Zeitpunkt erfolgt, als es in der Stadt zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und örtlichen Ladenbesitzern gekommen sei.

Räumungen würden nach Ansicht der Zeitung nicht durch die Armee, sondern durch die Hongkonger Polizei erfolgen. „Für China ist Hongkong ein Huhn, das goldene Eier legt. Die Volksrepublik wird innerhalb des gesetzlichen Rahmens handeln, um Investoren nicht abzuschrecken", heißt es in dem Bericht. Der leitende wissenschaftliche Mitarbeiter des Ostasien-Instituts an der Russischen Akademie der Wissenschaften, Alexandr Larin, weist in dem Artikel darauf hin, dass Peking anstrebe, „die Unruhen zu

stoppen, ohne weitreichende Zugeständnisse zu machen, denn es ist für die Führung dringend notwendig, Härte zu demonstrieren". Hongkong dürfe zu keinem Vorbild für andere Städte Chinas werden, erklärt der Experte.

Darüber hinaus berichtet die Nesawisimaja gaseta, in der chinesischen Presse werde darüber spekuliert, dass die USA hinter den Unruhen in Hongkong stecken. Larin bemerkt, dass solche Verschwörungstheorien gegenwärtig sehr beliebt seien, weist aber darauf hin, dass der Einfluss der USA allenfalls minimal sei. „Die Amerikaner haben keine Hoffnungen, dass Hongkong zu einer Hochburg der Demokratiebewegung wird und das ganze Land aufschaukelt. Für sie ist es viel wichtiger, die Beziehungen zu China nicht zu verkomplizieren", resümiert Larin in der Nesawisimaja gaseta.

 

Kommersant: Keine Chance auf Regierungsbildung in Lettland für Uschakow

Der Kommersant berichtet über die Ergebnisse der Parlamentswahlen in Lettland, bei denen die „Harmonie"-Partei (russisch „Soglasije"), die die russischen Bürger vertritt, die meisten Stimmen erhielt. Angeführt wird die Partei von Nil Uschakow, laut Kommersant einem der beliebtesten Politiker, der 2009 der erste russischsprachige Bürgermeister der lettischen Hauptstadt Riga wurde. Doch wie die Zeitung anmerkt, bedeute der Wahlsieg für Uschakow nicht, dass er sich Chancen ausrechnen könne, auch die Regierungspartei anzuführen. Experten schätzen die Chancen seiner Partei als äußerst gering ein, so der Kommersant, in Lettland sei der Fortbestand der aktuellen Regierungskoalition praktisch garantiert. Uschakow hätte gefordert, dass die Regierungsbildung dem Wahlsieger anvertraut werden solle, erinnert der Kommersant. Soglasije sei auch verhandlungsbereit, „doch einige Parteien haben Probleme, mit uns zu kooperieren", zitiert die Zeitung Uschakow.