Schadstoffausstoß: Russland geht auf Ökokurs

Russland will bis 2030 Treibhausgase massiv reduzieren. Foto: Reuters

Russland will bis 2030 Treibhausgase massiv reduzieren. Foto: Reuters

Russland will bei der Reduzierung von Treibhausgasen mit gutem Beispiel vorangehen. Dahinter steckt nach Ansicht von Experten aber kein politisches Kalkül, das aktuell eher negative Russland-Bild zu verbessern. Russland sei schon immer bereit gewesen, sich beim Schutz der Umwelt zu engagieren.

Am 23. September fand in New York der Klimagipfel statt. Alexander Bedrizkij, Berater des russischen Präsidenten in Klimafragen, erklärte dort, dass Russland beabsichtige, den Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahre 2030 um 70 bis 75 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 zu senken. Damit bezog Russland erstmals seit der UN-Weltklimakonferenz von 2012 in Katar wieder international Stellung zum Thema Umweltschutz.

Bis 2012 fiel es Russland leicht, die Ziele des Kyoto-Protokolls zu erreichen, denn seit dem Zerfall der Sowjetunion entwickelte sich die industrielle Produktion in Russland nicht schnell weiter. Kohlendioxid, das unter anderem bei der Verarbeitung von Erdöl, Erdgas und Kohle freigesetzt wird, nahm den größten Anteil an den Schadstoffen ein. Das gilt auch heute noch. Alexej Kokorin, Leiter des Programms Klima und Energiewirtschaft beim World Wide Fund For Nature (WWF) in Russland, präzisiert: „Etwa 80 Prozent des gesamten Schadstoffausstoßes in Russland entfallen auf Kohlendioxid, die restlichen 20 Prozent bestehen aus Methan, das aus unseren Gastransportnetzen entweicht.“

Die Emissionswerte aller Schadstoffe zusammen lagen jedoch unter den zulässigen Höchstwerten. Russland profitierte dann vom sogenannten Emissionshandel. Jedes Land erhält eine bestimmte Anzahl Zertifikate, die den Ausstoß einer bestimmten Menge Schadstoffe erlauben. Wer darüber liegt, muss zahlen. Nutzt ein Land seine Emissionszertifikate nicht voll aus, hat es die Möglichkeit, diese an ein anderes Land mit höherem Schadstoffausstoß zu verkaufen. Bis 2012 war Russland nach China der weltweit zweitgrößte Anbieter solcher Zertifikate. Allerdings war die Nachfrage gering. Die meisten Zertifikate verkaufte Russland nach Tschechien, Polen, und Japan. Im Zuge der Wirtschaftskrise in Europa ging die Nachfrage jedoch weltweit stark zurück. Gegenwärtig zählen zu den aktivsten Verkäufern von Kyoto-Zertifikaten China, Indien und Brasilien. Die Hauptabnehmer sind auch weiterhin die europäischen Staaten.

„Der im Kyoto-Protokoll vereinbarte Emissionszertifikate-Handel hat zum einen den Wert der Anstrengungen zur Klimaänderung verringert, zum anderen war er aber auch ein notwendiger Kompromiss“, sagt Juri Lapin, Mitglied der Internationalen Akademie für Umweltschutz. Die Länder, die viele Zertifikate kaufen müssen, würden so erkennen, dass sie früher oder später ohnehin auf energieeffiziente Technologien setzen müssen, glaubt Lapin.

 

Russland wird das Ziel erreichen

Der momentane Schadstoffausstoß in Russland beträgt etwa 69 Prozent des Niveaus von 1990 und liegt damit innerhalb der vorgeschriebenen Grenzen. Nach Meinung von Experten, die  RBTH befragt hat, ist es für Russland kein Problem, den Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahre 2030 um die

geplanten 70 bis 75 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 zu reduzieren, vor allem, wenn mit Energieressourcen effektiv umgegangen wird. Dazu müssten alte, energieintensive Produktionsstätten in Russland stillgelegt werden und neue unter Berücksichtigung energiesparender Technologien gebaut werden, sagt Juri Lapin.  

Anton Galenowitsch, verantwortlicher Sekretär einer vom Wirtschaftsministerium und der gemeinnützigen Organisation Djelowaja Rossija gegründeten Arbeitsgruppe, erklärte dagegen in einem Interview gegenüber der Zeitung „Kommersant“, dass das verkündete Ziel einer Senkung des Schadstoffausstoßes im Widerspruch zu den Projekten der Energiestrategie bis zum Jahre 2035 stehe und es ohne gesonderte Anstrengungen zur Regelung für fossile Brennstoffe und staatliche Programme zur Verbesserung der Energieeffizienz nicht umgesetzt werden könne.

Im Ministerium für Naturschätze und Umweltschutz widerspricht man dieser Einschätzung. Eine Senkung des Ausstoßes stehe durchaus im Einklang mit der Energiestrategie Russlands, erklärt man da, diese ergänze sie sogar: „In der Energiestrategie heißt es, dass die Belastung der Umwelt durch den Brennstoff- und Energiekomplex durch die Senkung des

Schadstoffausstoßes und die Verbesserung der Energieeffizienz verringert werden könne.“

Juri Safonow, Leiter des Zentrums für Wirtschaft und Naturschutz, glaubt, dass eine stärkere Nutzung von Biokraftstoffen und der Ausbau der Solarenergie zur Verbesserung der  Energieeffizienz beitragen könnten. Andere Fachleute halten die alternative Energiewirtschaft jedoch nicht für konkurrenzfähig mit Erdöl, Erdgas und Kohle. Sie bezweifeln, dass sich die Struktur der Energiewirtschaft in Russland deutlich ändern werde.

Russland engagiert sich auch in anderen internationalen Umweltprojekten. Unlängst unterzeichnete Russland das Minamata-Übereinkommen zur schrittweisen Eindämmung von Quecksilber-Emissionen und verabschiedete Maßnahmen zur Umsetzung des Stockholmer Übereinkommens über persistente organische Schadstoffe. Dass Russland durch das verstärkte umweltpolitische Engagement sein international angeschlagenes Image verbessern will, glauben die Experten jedoch nicht.

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