Iwan Sasurski: „Die Medienindustrie steht unter großem Druck“

Iwan Sasurski: "Eine Unabhängigkeit vom Eigentümer, obwohl das Gesetz über Massenmedien sie als Norm voraussetzt, gibt es in Russland praktisch nicht – und selbst in Medienkreisen würde das wohl kaum jemand bestreiten wollen." Foto: Grigorij Sysoev / RIA Novosti

Iwan Sasurski: "Eine Unabhängigkeit vom Eigentümer, obwohl das Gesetz über Massenmedien sie als Norm voraussetzt, gibt es in Russland praktisch nicht – und selbst in Medienkreisen würde das wohl kaum jemand bestreiten wollen." Foto: Grigorij Sysoev / RIA Novosti

Der russische Journalist Iwan Sasurski ist Leiter des Instituts für neue Medien und Kommunikationstheorie der Fakultät für Journalistik an der Lomonossow-Universität und gilt als führender Medienexperte Russlands. In einem Gespräch mit RBTH erläutert er seine Sicht auf die jüngsten Entwicklungen in der gegenwärtigen Medienlandschaft Russlands.

RBTH: Russlands Präsident Wladimir Putin hat ein Gesetz unterzeichnet, das den ausländischen Anteil an russischen Medien auf maximal 20 Prozent festschreibt. Wie wird sich dieses Gesetz Ihrer Einschätzung nach auf die russischen Medien auswirken?

Iwan Sasurski: Dieser Gesetzentwurf wird eine schärfere Grenzziehung zwischen russischen und ausländischen Verlagen zur Folge haben. Die Erstgenannten werden wahrscheinlich von lokalen Unternehmen und Holdings kontrolliert werden, während die anderen nur als Vertretungen fungieren, das heißt, sie werden nicht mehr selbstständig tätig sein können in unserem Land. 

Konkret bedeutet das, dass man gezwungen sein wird, das Unternehmen zügig zu verkaufen oder die Eigentumsstruktur zu ändern. Das wird sich wahrscheinlich negativ auf die Meinungsvielfalt in der russischen Presse auswirken, diese aber nicht gänzlich aushebeln. Schließlich bleiben noch oppositionelle Verlage, solche wie etwa die „Nowaja Gaseta“ und „The New Times“ – vorerst zumindest.

Einige Experten warnen, dass dieses Gesetz rechtswidrige Formen einer ausländischen Lenkung russischer Medien und Korruption auf den Plan rufen wird. Sind diese Befürchtungen berechtigt? Sind in Russland überhaupt viele Medien betroffen?

Vermutlich werden die neuen gesetzlichen Regelungen in diesem Fall mit einem weiteren Rückgang des Werbemarktes einhergehen. Für einen Großteil der Investoren dürfte der russische Markt heute unattraktiv geworden sein, auch wenn sie ihm aus freien Stücken wohl nicht den Rücken gekehrt hätten.

Gibt es eigentlich neue Entwicklungen bei den Printmedien? Vor zehn Jahren prophezeiten Experten einen weitgehenden Niedergang gedruckter Verlagserzeugnisse angesichts der Konkurrenz durch das Internet. Vollzieht sich in der russischen Medienlandschaft die gleiche Entwicklung wie im Westen?

Über mich persönlich kann ich sagen, dass ich eher mehr Druckerzeugnisse lese, weil sie mich nichts kosten. Die „Wedomosti“, „RBK-Daily“ und „The Moscow Times“ liegen im Café nebenan aus, „Metro“ wird sowieso überall verteilt, die „Wetschernjaja Moskwa“ ebenso, und den „Kommersant“ gibt es in einem Café in der Nähe. An die „Nesawissimaja Gaseta“ und die „Nowyje Iswestija“ komme ich über unser Institut an der Universität.

Zeitungen ringen allerdings verzweifelt darum, ihre Auflagenhöhe aufrechtzuerhalten. Andrej Miroschnitschenko, ein russischer Wissenschaftler und Publizist, hat ein Buch darüber geschrieben, wann die letzte Zeitung gestorben sein wird. Er geht davon aus, dass die letzte „Zeitungsgeneration“ sich aus den Jahrgängen bis 1980 zusammensetzt. Zeitungen mit eher wirtschaftlichem Profil haben seiner Meinung nach die höchste Lebenserwartung – also etwa der „Kommersant“ und „Wedomosti“.

Welche russischen Zeitungen könnte man als unabhängig bezeichnen? Gibt es in Russland Medien, die nicht nur vom Staat, sondern auch vom Eigentümer unabhängig sind?

Solche Zeitungen gibt es wohl tatsächlich kaum noch, wenn wir von der Blogosphäre und sozialen Netzwerken absehen – rechnen wir sie jedoch hinzu, dann kann man sagen, dass Journalismus heute in der Hand der Autoren liegt. Die Medienindustrie steht unter großem Druck, der Status unabhängiger Medien ist daher selbst unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten sehr flüchtig. 

Eine Unabhängigkeit vom Eigentümer, obwohl das Gesetz über Massenmedien sie als Norm voraussetzt, gibt es in Russland praktisch nicht – und selbst in Medienkreisen würde das wohl kaum jemand bestreiten wollen. Es gibt aber immer wieder auch Ausnahmen. Der Radiosender Echo Moskwy zum Beispiel beweist, dass es möglich ist, einer großen Holding anzugehören, dabei aber eine unabhängige Redaktionspolitik zu bewahren. Vieles hängt von der Chefredaktion und den Journalisten ab.

Ist die Beziehung zwischen Medien und Staat in Russland anders als in anderen Ländern?

Ja und nein. In der Regel lässt sich in den Mediensystemen eine Abhängigkeit zwischen großen Holdings und der Regierungsmacht oder einflussreichen politischen Kräften ausmachen, auch wenn die Ausprägung dieser Verschmelzung von Medien und Politik und die konkreten Formen der Beeinflussung jeweils unterschiedlich ausfallen. Russland bildet da leider keine Ausnahme. 

Andererseits ist in vielen Ländern und Mediensystemen in einigen Fragen ein Konsens zwischen Medien unterschiedlicher Ausrichtung zu beobachten, etwa in Bezug auf die internationale Politik. Obwohl es bei Licht betrachtet schwer nachvollziehbar ist, wie das vor allem bei umstrittenen Fragen funktioniert. Viele komplexe Themen und Probleme werden von gekauften Journalisten umgesetzt, und das in verschiedenen Ländern, darunter auch in

den USA und in Europa. Uns sind wiederum überwiegend einschlägige Fälle der Medienbeeinflussung aus vergangenen Zeiten bekannt, etwa die Geheimkampagne von Peresmeschnik, der Zentralen Aufklärungsstelle über den Einfluss auf ausländische Medien.

Es kommen heute weltweit sehr komplexe Mittel der Beeinflussung zum Einsatz, die unter dem Begriff „soft power“ zusammengefasst werden. Die von der russischen Regierung angewendeten traditionellen, offensichtlichen Methoden der Propaganda und direkten Kontrolle können aus professioneller Sicht nicht als effektiv und vom Standpunkt der journalistischen Moral als inakzeptabel bewertet werden.

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