Kurzer Kalter Krieg vor Schwedens Küste

Der schwedische Konteradmiral Anders Grenstad  während der Pressekonzerenz in Stockholm. Foto: Reuters

Der schwedische Konteradmiral Anders Grenstad während der Pressekonzerenz in Stockholm. Foto: Reuters

Wegen des Verdachts auf eine „ausländische Unterwasseroperation“ führt die schwedische Marine eine groß angelegte Suchaktion in der Schärenküste vor Stockholm durch. Medien berichteten über ein mögliches russisches U-Boot in Seenot, das russische Verteidigungsministerium widersprach den Meldungen. Am Ende war es möglicherweise ein U-Boot unter niederländischer Flagge – was bleibt, ist der Kalte Krieg in den Köpfen.

Die Meldung über das Auftauchen des U-Boots erschien zum ersten Mal in einem Artikel der schwedischen Zeitung „Svenska Dagbladet". Die Zeitung verwies auf eine Meldung aus nicht genannten Quellen, ein Signal in der Notfall-Funkfrequenz in russischer Sprache sei in den Territorialgewässern des Königreichs abgegeben worden. Das Signal ging von der Küste vor Stockholm in Richtung Kaliningrad, wo sich das Hauptquartier der russischen Ostseeflotte befindet.

Wie der Leiter der Suchoperation, Kapitän der schwedischen Marine Jonas Wickström, versicherte, sei die Information über eine ausländische U-Boot-Aktivität im Bereich von Kanholmsfjärden aus sicherer Quelle eingegangen und werde nicht angezweifelt. An der Suche des U-Boots seien Heer, Marine und Luftwaffe mit über 200 Personen beteiligt, meldete die Informationsagentur Itar-Tass unter Verweis auf ihren Korrespondenten in Stockholm. Am Sonntagabend sagte der schwedische Konteradmiral Anders Grenstad, man könne nicht bestätigen, dass es sich um ein russisches U-Boot handelte.

Zugleich erklärte das Verteidigungsministerium der Russischen Föderation, es habe keine ungeplanten oder gar Notfallsituationen mit russischen Kriegsschiffen gegeben und U-Boote hätten sich zu der Zeit nicht in der Nähe der schwedischen Küste aufgehalten. „U-Boote der russischen Marine führen, genauso wie andere Marineeinheiten, ihre Aufgaben außerhalb der Hoheitsgewässer von Staaten aus", lautete eine Meldung auf der Internetseite des Ministeriums.

 

Russisches U-Boot oder Loch Ness?

Der Präsident des Instituts für Strategische Bewertungen Alexandr Konowalow findet die Rhetorik rund um den Vorfall bemerkenswert. „Der schwedische Admiral wählte, im Gegensatz zu den Medien, sehr allgemeine und vorsichtige Formulierungen, er sprach von einer unspezifischen U-Boot-Aktivität in den schwedischen Gewässern", sagt Konowalow im Gespräch mit RBTH und führt aus: „Die einzigen publizierten Fotos waren Aufnahmen eines schwarzen Flecks auf der Wasseroberfläche, die an Aufnahmen des Seeungeheuers von Loch Ness erinnerten und unmöglich als Beweis einer russischen Aktion gelten konnten."

So hätten die schwedischen Militärs eine Vielzahl von Objekten vermutet, die die ungenannte Quelle der „Svenska Dagbladet" gesichtet haben konnte: ein U-Boot, ein Mini-U-Boot oder ein autonomes Fahrzeug für einen Marinetaucher. Doch offiziell bestätigten die Schweden überhaupt nichts, merkt Konowalow an.

Der Korvettenkapitän der russischen Marine Dmitrij Litowkin empört sich über die Vorgehensweise der schwedischen Medien: „Die schnelle Verteufelung Russlands und seiner Streitkräfte führt dazu, dass man heute jedes Szenario eines James-Bond-Films, in dem sich der Superagent der

roten Bedrohung stellt, als Realität ausgeben kann. Wenn die Boulevardpresse nichts zu melden hat, dann denkt sie sich eben eine Geschichte aus, die man gut verkaufen kann."

Darüber hinaus, so bemerkt der Experte weiter, hätte es aus technischer Sicht überhaupt kein russisches U-Boot sein können: „Der Knackpunkt der Geschichte ist das Notrufsignal in den Frequenzen der russischen Marine. Dabei wird zuerst eine Textmitteilung gesendet und anschließend ein verschlüsseltes Signal. Um aber eine solche Meldung abzusenden, muss das U-Boot auftauchen. In dieser Situation wäre das U-Boot doch sofort im Visier der Küstenwache und der Luftpatrouille Schwedens gewesen." Da das nicht der Fall gewesen sei, könne es kein russisches U-Boot gewesen sein. „Diese ganze Geschichte klingt sehr nach Kaltem Krieg – mir ist unklar, warum die schwedischen Medien diese Geschichte so aufblasen müssen", kritisiert Litowkin.

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