Braucht Russlands Politik eine Frauenquote?

Frauen in leitenden Ämtern sind seit dem Zerfall der UdSSR eine Seltenheit. Foto: Ilja Pitalew/RIA Novosti

Frauen in leitenden Ämtern sind seit dem Zerfall der UdSSR eine Seltenheit. Foto: Ilja Pitalew/RIA Novosti

Walentina Matwijenko ist die Vorsitzende des Russischen Föderationsrates und gilt als eine der erfolgreichsten Frauen in der russischen Politik. Sie stellt jedoch eher eine Ausnahme von der Regel dar: Frauen in politischen Spitzenämtern sind in Russland selten.

In den vergangenen zwanzig Jahren ist der Frauenanteil in der russischen Politik von 30 Prozent auf etwa zehn Prozent zurückgegangen. Das belegen Studien der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Moskauer Staatlichen Universität MGU. „Zu Zeiten der Sowjetunion gab es Quoten, die sicherstellten, dass der Frauenanteil auf der Regierungsebene bei ungefähr einem Drittel lag. Nach dem Zerfall der UdSSR wurde diese Praxis jedoch nicht weiter fortgesetzt", erklärt Irina Kalabichina, Dozentin am Institut für Bevölkerungsforschung der MGU. Heute liegt der Frauenanteil in der russischen Politik zwischen zehn und 13 Prozent.

 

Frauenquote als Garant einergut funktionierenden Gesellschaft

Wie Natalja Korostylewa, Professorin am Institut für Personalpolitik an der Russischen Akademie für Volkwirtschaft und Staatsdienst beim Präsidenten der Russischen Föderation, sagt, gehen Wissenschaftler hinsichtlich des Frauenanteils in leitenden Positionen von einem Richtwert aus. Demnach sollten in einer gut organisierten Gesellschaft 30 Prozent der Positionen von Frauen besetzt sein.

Doch die Realität sieht anders aus, wie Korostylewa erklärt. „Die meisten Frauen in der Politik haben Ämter in gesetzgebenden Organen inne. In der russischen Staatsduma gibt es 45 Frauen unter 450 Abgeordneten, also etwa zehn Prozent", stellt Korostylewa fest. „In der russischen Regierung gibt es lediglich zwei Frauen, die stellvertretende Vorsitzende der Regierung Olga Golodez und die Gesundheitsministerin Veronika Skworzowa, insgesamt also sechs Prozent. In den unteren Ebenen der Exekutive ist der Frauenanteil dagegen mit 72 Prozent deutlich höher."

Den Frauen mangele es zumeist nicht an der Qualifikation für ein leitendes Amt, betont die Wissenschaftlerin. Dennoch würden sie selten mit einem solchen betraut. Männer seien hier deutlich im Vorteil. Nach wie vor herrsche im gesellschaftlichen Bewusstsein ein geschlechtsspezifischer Stereotyp, nach dem eine Frau in einer Führungsposition nichts verloren habe.

„Meist bevorzugen Frauen Bereiche,die schlechter bezahlt sind, aber bessere Karrierechancen bieten. Dazu gehörendie Bereiche Bildung, Medizin oder Jugendpolitik", fügt Korostylewa hinzu. Aber selbst hier nehmen leitende Positionen in der Regel Männer ein. „Nehmen wir zum Beispiel den Bildungsbereich: Es gibt in Russland nur sehr wenige Hochschulpräsidentinnen, dafür aber viele Schul- und Kindergartenleiterinnen."

 

Frauen haben keine Lobby

„In Russland gilt die augenfällige Ungleichheit zwischen Männern und Frauen nicht als großes und ernstzunehmendes Problem. Man fasst dieses

Phänomen eher als Norm auf", sagt Leonti Bysow, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften. „Obwohl Russland ein weibliches Gesicht hat: In der Psychologie des Durchschnittsrussen bestehen Familien aus starken Frauen und schwachen Männern", fügt Bysow hinzu und weist auf die russische Tradition hin. Die Frau nehme formal eine niedrigere Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie ein als der Mann, mache ihren Einfluss aber auf anderen Wegen geltend. „Nicht umsonst heißt es in Russland: Der Mann ist der Kopf, die Frau der Hals. Wohin man den Kopf wendet, wird auch sie schauen", merkt der Soziologe an.

Dennoch habe eine Frau in Chefposition in der Gesellschaft bis heute einen schweren Stand. Um dies zu ändern, sei die ganze Gesellschaft gefordert, sagt Bysow. Es reiche nicht, dass nur Frauen für ihre Rechte in öffentlichen Bereichen eintreten. „In der russischen Gesellschaft haben der Zusammenschluss von Frauen und deren kollektiver Kampf für ihre Rechte keine Tradition", erklärt der Wissenschaftler. Nach dem Zerfall der UdSSR konzentrierten sich die Frauen daher in erster Linie auf die Familie.

Mit dem Rückzug der Frauen aus der Politik wurde auch der Lobbyismus für

Frauenrechte zunehmend unpopulär. Parteien, die gezielt für die Rechte der Frauen eintreten, würden in Russland historisch gesehen von der Gesellschaft nicht unterstützt, betont Bysow: „In den 1990er-Jahren gab es im Parlament die Partei Schenschtschiny Rossii (dt.:„Frauen Russlands"), doch heute gibt es diese Fraktion nicht mehr." Ein weiteres Problem sei, dass Frauen bei Wahlen seltener für Vertreterinnen ihres eigenen Geschlechts stimmen, wie die russische und die weltweite Praxis zeige, soder Soziologe. Wenn Frauen der Sprung in die große Politik gelinge, dann mithilfe von Wählerstimmen der Männer. Es sei also die Aufgabe der ganzen Gesellschaft, die Chancen der Frauen auf eine würdige Arbeit und ein angemessenes Einkommen zu erhöhen, meint der Soziologe.

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