Islamisten töten russische Geisel in Syrien

Der im vergangenen Jahr entführte Sergej Gorbunow ist tot. Foto: Slawa Petrakina/RBTH

Der im vergangenen Jahr entführte Sergej Gorbunow ist tot. Foto: Slawa Petrakina/RBTH

Im Internet ist vor Kurzem ein Video aufgetaucht, das die Erschießung von Sergej Gorbunow, einem in Syrien entführten russischen Techniker, zeigt. Einigen Quellen zufolge handelt es sich bei den Tätern um Anhänger des aus Georgien stammenden Omar al-Schischani. Zudem wird vermutet, dass sich eine weitere russische Geisel in Gefangenschaft befindet: Konstantin Schurawljow, ein Tourist aus der Stadt Tomsk.

Sergej Gorbunow soll verschiedenen Quellen zufolge bereits im Frühjahr ermordet worden sein. Von der Tragödie zeugt ein von einer islamistischen Terrormiliz aufgenommenes Video, das die Erschießung Gorbunows zeigt. Die brutalen Aufnahmen sollen die Islamisten anderen Geiseln als Abschreckung vorgeführt haben. Der breiten Öffentlichkeit wurde das Video erst am Montag publik gemacht.

Nach Angaben der US-amerikanischen Zeitung „New York Times" wurde Gorbunow ermordet, weil er laut Terrormiliz als „unrentables Gut" galt. Übersetzt heißt das, dass es den islamistischen Kämpfern nicht gelungen war, von der russischen Regierung ein hohes Lösegeld für ihn zu erpressen. Wie die „New York Times" unter Verweis auf überlebende Geiseln berichtet, sollen maskierte Männer den Russen eines Tages überraschend abgeholt und auf die Straße gezerrt haben, wo sie ihn erschossen. Die Täter filmten die brutale Hinrichtung und zeigten das Video anschließend den anderen Geiseln als Abschreckung. „Das passiert mit euch, wenn eure Regierungen kein Lösegeld für euch zahlen", sollen sie gedroht haben, wie die Zeitung schreibt.

Bereits im Oktober des vergangenen Jahres hatten die Terroristen ein Video im Internet veröffentlicht, in dem sich ein Mann als der russische Staatsbürger Sergej Gorbunow vorstellte. In dem Video verliest der Russe einen Text, in dem er die russische und die syrische Regierung auffordert, den von syrischen Behörden festgehaltenen Saudi Haled Sulejman im Gegenzug für seine Freiheit freizulassen. Das Video zeigt einen sichtlich eingeschüchterten Mann im Alter zwischen 40 und 50 Jahren, der den Text stotternd vor Angst verliest. Er sei ein russischer Techniker und zum Arbeiten nach Syrien gekommen. Am Flughafen der naheliegenden Stadt Hama sei er entführt worden, sagt die Geisel im Video, und weiter: „Ich werde gut behandelt und bekomme zu essen. Wenn ich aber nicht binnen fünf Tagen gegen Haled Sulejman aus Saudi-Arabien eingetauscht werde, dann werden sie mich umbringen. Ich appelliere daher an die Präsidenten Syriens, Russlands und des Roten Kreuzes... Ich habe große Angst". Wie die Zeitung „Wsgljad" damals berichtete, bekannte sich die extremistische Terrorgruppierung „Kataeb al-Muhajirin" zur Entführung von Gorbunow. Der Russe soll gemeinsam mit Geiseln aus anderen Ländern in der syrischen Stadt Raqqa, der selbsternannten Hauptstadt des Islamischen Staates, festgehalten worden sein. Damaskus äußerte sich nicht zu diesem Video.

 

Die Opfer von Omar al-Schischani

Zuvor hatte die Terrormiliz ein Foto im Internet veröffentlicht, auf dem eine andere russische Geisel zu sehen ist: der Tourist Konstantin Schurawljow aus der Stadt Tomsk, der am 12. Oktober 2013 verschleppt wurde. Auf dem Foto sitzt Schurawljow in einem Sessel. Vor ihm liegt ein Blatt Papier, auf dem handgeschrieben „Saturday 19/10/2013" steht. Neben ihm sind zudem noch zwei Telefone zu sehen, eine Videokamera der Marke GoPro und

Schurawljows Reisepass, dessen erste Seite aufgeschlagen ist. Die Bildunterschrift ist auf Arabisch verfasst: „Ein weiteres Foto eines russischen Spions, der von Liva at-Tauchid aufgegriffen wurde."

Schurawljow soll per Anhalter auf dem Weg in die Ostsahara gewesen sein, wo er einen siebentätigen Meditationskurs besuchen wollte. Das letzte Lebenszeichen von Schurawljow stammt aus dem vergangenen Jahr aus der syrischen Stadt Aleppo. Unlängst sind Videoaufnahmen im Internet veröffentlich worden, die die Ermordung einiger anderer ausländischer Geiseln zeigt, darunter auch das Video von der Hinrichtung des US-amerikanischen Journalisten James Foley. Im März dieses Jahres hatte das russische Außenministerium noch bekannt gegeben, dass man weiterhin um die Freilassung von Konstantin Schurawljow und Sergej Gorbunow bemüht sei, doch die Verhandlungen gerieten ins Stocken.

Laut Medienberichten steckt die extremistische Gruppierung „Kataeb al-Muhajirin", eine mit dem IS verbündete, islamistische Gruppierung, hinter der Entführung von Gorbunow. Es handelt sich dabei um eine Terrororganisation, deren Anhänger aus anderen islamischen Ländern stammen und die besonders wegen ihrer Brutalität gefürchtet ist. Sie ist derzeit in der Gegend um die syrische Stadt Aleppo aktiv, wo die syrische Armee scharf gegen die Terrormilizen vorgeht.

„Muhajirin" bedeutet auf Deutsch „Migranten": „In dieser Gruppierung kämpfen hauptsächlich Tschetschenen, Tataren und Türken. Sie war einst

ein Teil des IS, trat später jedoch aus diesem aus", erklärte Mahmoud Hamsa, ein Vertreter des Komitees der Syrischen Revolution und der moderaten syrischen Opposition, gegenüber „Wsgljad". „Wenn Gorbunow sich in deren Händen befand, dann war er schon von Anfang an zum Tode verurteilt. Denn für diese Gruppierung kämpft nur das widerlichste Pack", so Hamsa abwertend.

Laut der US-amerikanischen Zeitung „Long War Journal" wurde die Gruppierung „Kataeb al-Muhajirin" im vergangenen Jahr von Tarchan Batiraschwili, einem Georgier, der eher unter dem Namen Omar al-Schischani (Omar der Tschetschene) bekannt ist, gegründet. Im Mai soll sich jedoch seine radikale Gruppierung mit anderen Einheiten verbündet und sich in „Jaisch al-Muhajirin wal-Ansar" (wörtlich übersetzt: „Die Armee der Migranten und Unterstützer") umbenannt haben. Heute hat sie unterschiedlichen Quellen zufolge zwischen 1 000 und 25 000 Anhänger. Batiraschwili soll auch Russland sowie Anhängern des ehemaligen Präsidenten Georgiens, Micheil Saakaschwili, unter dessen Amtszeit Batiraschwili aus der georgischen Armee entlassen wurde, mit Vergeltung gedroht haben.

 

Sie sind völlig skrupellos

Die Ermordung Gorbunows sei durchaus zu erwarten gewesen, meint Georgij Mirskij, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen an der Russischen Akademie der Wissenschaften. „Als die beiden US-Amerikaner und später ein Brite enthauptet wurden, gab es keine Zweifel mehr, was das für Menschen sind: Das sind Verbrecher und Söldner, die das Erbe Osama bin Ladens antreten

wollen und für die Schaffung eines Kalifats kämpfen, das – wie sie selbst sagen – von Andalusien bis Tatarstan reichen soll. Sie sind völlig skrupellos", so der Experte gegenüber „Wsgljad".

Die weit verbreitete Meinung, dass Islamisten keine Bedrohung für Russland seien, da das Land keiner Koalition angehöre, ist für den Historiker ein fataler Irrtum: „Schon vor 15 Jahren erklärte mir ein Mann, der die Ideologie von Islamisten studiert hatte, dass die Russen von Islamisten als Feinde angesehen werden. Denn im Kaukasus gehe man gegen jene vor, die unter dem Motto ‚Allah akbar' kämpfen." Es spiele also keine Rolle, dass Russland keiner westlichen Koalition angehöre. Früher oder später würden sich die Terroristen auch gegen Russland wenden. „Über die USA kann man vieles sagen, aber die Amerikaner werden niemals einen Selbstmordattentäter hierher schicken, um die Moskauer U-Bahn in die Luft zu sprengen – die Islamisten hingegen schon", so Mirskij.

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