Die Welt in Russlands Medien: Frankreich, der Friedensstifter?

Hollande sei der erste westeuropäische Staatschef, der seit Beginn der Ukraine-Krise in die Russische Föderation gereist sei, betont „Kommersant“. Foto: Reuters

Hollande sei der erste westeuropäische Staatschef, der seit Beginn der Ukraine-Krise in die Russische Föderation gereist sei, betont „Kommersant“. Foto: Reuters

Russische Medien analysieren den Besuch des französischen Staatspräsidenten bei Wladimir Putin. Wird Frankreich eine Schlüsselrolle als Vermittler zwischen Russland und dem Westen spielen und werden die Sanktionen bald aufgeweicht? Russische Experten sind sich uneins.

Kommersant“: Reicht Frankreich Russland die Hand?

Der „Kommersant“ berichtet vom Staatsbesuch des französischen Präsidenten François Hollande in Moskau. Hollande sei der erste westeuropäische Staatschef, der seit Beginn der Ukraine-Krise in die Russische Föderation gereist sei, betont „Kommersant“. Nach Auffassung der Zeitung ist Frankreich das einzige „europäische Schwergewicht“, das den Dialog mit Russland wiederaufleben lassen könnte. Nach seinem Gespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin hat Hollande laut „Kommersant“ mit Bundeskanzlerin Angela Merkel telefoniert. Die Zeitung wertet dies als Zeichen, dass Deutschland sich den französischen Vermittlungsversuchen anschließen wolle.

Dem „Kommersant“ zufolge gehen französische Medien davon aus, dass sich Europa und Russland in der Ukraine-Krise näher gekommen seien. Demnach beabsichtige Moskau, Druck auf die Aufständischen in Donezk und Lugansk auszuüben, die EU wolle im Gegenzug auf die ukrainische Führung einwirken. Als nächsten Termin für konkrete Gespräche in dieser

Richtung nannte der „Kommersant“ das Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe in Minsk am morgigen Dienstag. Bei dem Treffen soll es laut der Zeitung vor allem darum gehen, ein Ende der Kampfhandlungen im Donezbecken herbeizuführen. Es gehe zudem nicht um neue Vereinbarungen, sondern um die Frage, wie die bisher getroffenen Vereinbarungen realisiert werden könnten, so der „Kommersant“.

Andrej Fjodorow, der Direktor des Zentrums für politische Forschung, erklärt in der Zeitung: „Der Versuch, sich auf einen Waffenstillstand zu einigen, ist nur eine Bestätigung dessen, dass die Parteien eine Pause zur Regelung innerer Probleme brauchen.“ Nach Ansicht des Experten muss Poroschenko zunächst weiter Personalfragen in der Regierung klären. Poroschenko wolle zudem sicher nichts riskieren, denn in der Werchowna Rada werde bereits über ein Amtsenthebungsverfahren diskutiert, so Fjodorow. „Eine militärische Niederlage könnte fatale Folgen für Poroschenko haben“, betont er.

 

Nesawisimaja gaseta“: Nur Frankreich kann vermitteln

Die „Nesawisimaja gaseta“ widmet sich ebenfalls dem Besuch des französischen Staatspräsidenten. Eine der wichtigsten Botschaften, die Paris nach Moskau sandte, ist laut „Nesawisimaja gaseta“ die nie zuvor so deutlich formulierte Beteuerung, dass Frankreich den Beitritt der Ukraine zur Nato nicht unterstützen werde.

Von der Zeitung befragte Experten sehen Frankreich in der Rolle als Vermittler zwischen Russland und dem Westen. Frankreich wolle eine Schlüsselrolle bei der Überwindung der Krise spielen, erklären sie in der „Nesawisimaja gaseta“. Der Direktor des französisch-russischen Analysezentrums Observe bei der Französisch-Russischen Industrie- und Handelskammer, Arnaud Dubien, betont, dass sich François Hollande auf dem G-20-Gipfel gegenüber Putin mit Angriffen zurückgehalten habe. Frankreich fühle sich von Russland im Gegensatz zu vielen anderen Staaten nicht von Russland bedrängt. Im Gegenteil, Frankreich gefalle die derzeitige Situation überhaupt nicht, so Dubien.

„Andere Länder außer Frankreich, die für die Rolle eines Vermittlers infrage kämen, gibt es nicht“, konstatiert Dubien gegenüber der Zeitung. Putin habe zunächst auf Deutschland als verlässlichen Partner gesetzt, doch da habe sich der russische Präsident nach Meinung Dubiens verkalkuliert. Er erinnert daran, dass Bundeskanzlerin Merkel eine sehr harte Position gegenüber Moskau eingenommen habe.

 

Moskowskij komsomolez“: Wie wird sich das russisch-europäische Verhältnis entwickeln?

Der „Moskowskij komsomolez“ lässt russische Experten zum Treffen von Putin und Hollande zu Wort kommen. Oleg Kudinow, Generaldirektor des Zentrums für politische Bildung und Beratung, erklärte demnach im „MK“: „Europa wurde von der Nachricht über das Aus für die Pipeline South-Stream erschüttert.“ Er behauptet, es sei sehr lange darüber gefeilscht worden, dass Russland den Bau alleine stemme, während die Rohre dem Westen gehören. „Nun wird es keine Rohre geben“, konstatiert Kudinow in der Zeitung. Daher müsse wieder der Transit durch die Ukraine sichergestellt werden und dafür sei Voraussetzung, dass der Krieg dort endet, erklärt er. 

Kudinow gehe davon aus, dass bald mit einem schrittweisen Abbau der Sanktionen gegen Russland begonnen werde, schreibt die Zeitung. „Russland wird beschuldigt, den Krieg in der Ukraine zu befeuern. Doch man glaubt auch, dass Russland diesen Krieg beenden kann. Krieg in der Ukraine betrifft ganz Europa. Daher warte ich darauf, dass die EU ihre unnachgiebige Position gegenüber Russland aufgibt, wenn dadurch eine humanitäre Katastrophe verhindert werden kann“, erklärt er. Putins Worte über die territoriale Integrität würden dazu passen, fügt Kudinow hinzu.

Jewgenij Mintschenko, Generaldirektor des Internationalen Instituts für politische Expertise, sagte dem „MK“ hingegen, dass er nicht von einer Besserung des Verhältnisses zwischen Russland und Europa ausgehe. „In den nächsten drei bis vier Jahren wird die Beziehung zu Russland sich verschlechtern, unabhängig von russischen Handlungen. Die negative Stimmung, die gegenüber Russland aufgebaut wurde, wird sich so schnell nicht ändern“, glaubt er.  

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland