Russische Islam-Experten: Die Bekämpfung des IS muss zu Hause beginnen

Foto: Reuters

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Muslimische Experten und Wissenschaftler trafen sich Anfang Dezember in Moskau, um die Bedrohung durch die Terrororganisation Islamischer Staat zu diskutieren. Während sie bei der Ursachenforschung gegensätzliche Meinungen vertraten, waren sie sich bei der Gegenstrategie einig: Der gemäßigte Islam müsse in Russland noch stärker gefördert werden.

In Moskau kamen am 8. Dezember Wissenschaftler und Vertreter des Islams zusammen, um über die Ursachen der Entstehung des Islamischen Staates und möglicher Gegenschritte zu diskutieren.

 

Die Wurzeln des Islamischen Staates

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer darin, dass soziale Faktoren für die Entstehung der Organisation verantwortlich gewesen seien. „Der IS ist eine Art Metastase, entstanden aufgrund des Chaos in Syrien und Irak", meinte der Vorsitzende des Bundes gemeinnütziger Vereinigungen, Madschlis, Muchammed Saljachetdinow. Ali Wjacheslaw Polosin, stellvertretender Direktor der Stiftung für islamische Kultur, Bildung und Wissenschaft, stimmte ihm zu. Dass die Enttäuschung vieler Muslime des Nahen Ostens über den Ausgang des Arabischen Frühlings, der keine wirkliche Freiheit und Gerechtigkeit für ihre Länder gebracht habe, eine wichtige Rolle bei der Entstehung der radikalen Ideologie des IS spielte, sei offensichtlich.

Der Leiter des Forschungszentrums Russland-Islamische Welt, Schamil Sultanow, sagte hingegen, dass eine Nachfolgeorganisation irakischer Geheimdienste aus der Zeit Saddam Husseins die Grundlage für den IS gelegt habe. Sultanows Einschätzung nach bildeten ehemalige baasistische Offiziere aus dem Irak die Führung des IS. Den selbst ernannten Kalif Abu Bakr al-Baghdadi bezeichnete der Experte als einen Strohmann.

 

Zuflucht für Versager oder neue politische Größe?

Die ideologische Grundlage des Islamischen Staates beschrieb Polosin als eine „Sozialutopie", die mit Begeisterung von Menschen ohne tiefgründiges Wissen über die Scharia und Fiqh sowie von bildungsfernen Außenseitern angenommen werde. Die Angehörigen des aufgeklärten Islams gingen mit der Ideologie des IS ganz anders um: „Eine derartige Einigkeit unter den muslimischen Theologen und Wissenschaftlern habe ich schon lange nicht mehr beobachtet. Den IS haben die Salafiten wie auch die Ichwaner und Traditionalisten verurteilt", merkte Polosin an.

Zugleich gab der Experte zu bedenken, dass die Islamisten sich auffällig professioneller Propaganda-Methoden bedienten. Das werfe die Frage nach ihrer Fremdfinanzierung auf. Dem stimmte der Redaktionsleiter der Nachrichtenagentur Islam News, Renat Nezametdinow, zu. Er beschrieb den IS als ein ausgefeiltes Medienprodukt. Die Erfolgschancen des IS schätzte Nezametdinow dennoch skeptisch ein. Diese Beurteilung trug Muchammed

Saljachetdinow mit. Seiner Meinung nach habe der Islamische Staat kein Entwicklungspotenzial und werde, wie auch zu ihrer Zeit die Taliban, eine Niederlage erleiden.

Schamil Sultanow mahnte hingegen, dass der IS nicht als eine beliebige terroristische Vereinigung unter vielen betrachtet werden dürfe. Dies könne sich als gefährlich erweisen. Der Leiter des Islam-Forschungszentrums verwies darauf, dass der IS ein grundsätzlich neuer politischer Faktor sei: ein Staat im Staate mit einer komplexen und effektiven Struktur unter Kontrolle religiöser Fanatiker. „Die Verurteilung der Muftis und Ulema spielt überhaupt keine Rolle. Die IS-Ideologen nutzen das Streben der Muslime nach Gerechtigkeit und bieten ihnen eine klare und greifbare Alternative zu einer ungerechten und korrupten Welt", erklärte Sultanow die wachsende Popularität des IS. Zusammen mit einer mächtigen Armee werde der IS durchaus gefährlich, glaubt der Experte.

 

Russland setzt auf die Unterstützung des gemäßigten Islams

Ungeachtet aller Streitigkeiten über das Wesen des Islamischen Staates waren sich alle Experten darin einig, dass effektive Arbeit gegen Islamismus, auch den des IS, auf der Förderung des gemäßigten Islams basieren müsse. In diesem Zusammenhang wurde mehrmals Wladimir Putin zitiert, der im Oktober 2013 in Ufa zur Entwicklung des Islams in Russland aufgerufen und den Islam als „Teil der Identität Russlands" bezeichnet hatte. Der Journalist Renat Nezametdinow betonte, dies sei ein wichtiger Schritt gewesen, zu verdeutlichen, dass Russland und der Islam Verbündete seien.

Den Dialog der Muslime Russlands mit der theologischen Gemeinschaft des Nahen Ostens bezeichnete Ali Wjacheslaw Polosin als das wichtigste Ergebnis, das seit der Rede Putins in Ufa erreicht wurde. Dies sei insofern

relevant, als dass einige muslimische Jugendliche in Russland den Muftis und Ulema aus dem Nordkaukasus misstrauten und sich ausschließlich auf die Meinung anerkannter Autoritäten aus dem Nahen Osten verließen, so der Experte.

Zugleich fehlten aber praktische Schritte bei der Entwicklung des Islams in Russland. Die Experten verwiesen darauf, dass im vergangenen Jahr noch immer kein tragfähiges Netzwerk muslimischer Kulturzentren geschaffen worden sei. Auch seien die Fragen des alltäglichen Lebens nicht überall gelöst. „In einigen Städten, darunter auch Moskau", empörte sich Nezametdinow, „ist es im Winter in den Moscheen sehr kalt. Die Menschen beten auf nacktem Boden. Sie müssen sich Zeitungen unter die Knie legen." Nach Meinung des Experten hängt der Erfolg des gemäßigten Islams als Gegenpol zum Fanatismus auch von der Lösung solcher ganz alltäglichen Fragen ab.

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