Debalzewe: Geordneter Rückzug oder empfindliche Niederlage?

Petro Poroschenko verkündete einen Abzug der ukrainischen Truppen aus der strategisch wichtigen Stadt Debalzewe. Foto: RIA Novosti

Petro Poroschenko verkündete einen Abzug der ukrainischen Truppen aus der strategisch wichtigen Stadt Debalzewe. Foto: RIA Novosti

Der Kampf um Debalzewe ist beendet, die Stadt wird von den Aufständischen kontrolliert. Die ukrainische Armee spricht von einem geordneten Rückzug, während die Aufständischen einen Sieg für sich beanspruchen. Der ukrainische Präsident fordert unterdessen eine UN-Friedensmission für sein Land.

Um die Stadt Debalzewe im Osten der Ukraine wurde in den vergangenen Wochen heftig gekämpft. Die Aufständischen scheinen den Sieg davongetragen zu haben. Die Kommandoleitung der ukrainischen Armee spricht dagegen von einem planmäßigen und organisierten Abzug der Truppen. Sie würden nun zu 90 Prozent an anderen bedeutenden Orten eingesetzt, um das Land zu verteidigen, heißt es im Hauptquartier der ukrainischen Anti-Terror-Operation. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko bestritt zudem, dass die ukrainischen Soldaten in Debalzewe von den Aufständischen eingekesselt worden seien, wie diese behaupten.

Die Aufständischen sprechen von einem großen Sieg. Bei den Kämpfen um Debalzewe sollen nach ukrainischen Angaben 22 Soldaten getötet worden sein. Alexandr Sachartschenko, Oberhaupt der selbsternannten Volksrepublik Donezk, spricht von bis zu 3 500 gefallenen ukrainischen Soldaten und erklärte den Kampf um Debalzewe am Donnerstag für beendet. Sachartschenko nannte den Kampf eine „Säuberungsaktion".

 

Widersprüchliche Aussagen der Konfliktparteien

Der russische Militärexperte Alexandr Golz rät, die Aussagen beider Konfliktparteien mit Vorsicht zu genießen, die Informationen seien „extrem unzuverlässig". Ein Abzug der ukrainischen Truppen aus der strategisch wichtigen Stadt Debalzewe sei seiner Meinung nach nur sinnvoll gewesen, wenn die ukrainischen Soldaten tatsächlich eingekesselt gewesen seien oder zumindest die Gefahr bestanden hätte. Kiew bestreitet das. Den Abzug nennt er eine „empfindliche Niederlage" der Ukrainer.

Russische Militärexperten wissen noch nicht, ob der Kampf um Debalzewe bereits endgültig entschieden ist. Igor Korottschenko, Chefredakteur der Militärzeitung „Nazionalnaja oborona", hält die Lage in der Region für undurchsichtig. Noch immer sei unklar ist, wie viele ukrainische Soldaten in der Stadt und den Randgebieten bleiben würden. Gegenüber „Ria Novosti" erklärten Vertreter aus dem Militärstab der Aufständischen, an drei Stellen am Stadtrand seien noch jeweils mehrere hundert ukrainische Soldaten eingekesselt.

Korottschenko schätzt, dass sich in dem Gebiet noch etwa die Hälfte der ursprünglichen Zahl ukrainischer Soldaten aufhalte, also 1 500 bis 2 000 Soldaten. Die Soldaten, die laut Aussagen der ukrainischen Führung planmäßig den Rückzug angetreten haben, hätten sich tatsächlich durchkämpfen müssen.

 

UN-Friedensmission für die Ukraine?

Die Lage im Frontabschnitt von Debalzewe war besonders angespannt. Nach der Eroberung der Stadt durch die Aufständischen werde die Waffenruhe „weitestgehend eingehalten", erklärten diese. Die selbsternannte Volksrepublik Donezk meldete am Donnerstag zwölf Verstöße gegen die Waffenruhe, die ukrainischen Streitkräfte 46.

Vor dem Hintergrund der Ereignisse in Debalzewe hat die Regierung in Kiew vorgeschlagen, eine UN-Friedensmission in das Gebiet zu entsenden.

Poroschenko denkt dabei an eine Polizeimission der Europäischen Union mit UN-Mandat. Dieser Vorschlag solle von den Staats- und Regierungschefs Russlands, Deutschlands, Frankreichs und der Ukraine diskutiert werden, forderte der ukrainische Präsident auf seiner offiziellen Website. Nach Vorstellung der ukrainischen Regierung sollen die Friedenstruppen zwischen den Kriegsparteien platziert werden, sowie auch an dem von den ukrainischen Streitkräften nicht kontrollierten Grenzabschnitt mit Russland.

Die russische Regierung erklärte, Friedenstruppen widersprächen dem zuvor im Rahmen des Normandie-Formats abgestimmten und durch eine UN-Resolution bekräftigten Minsker Abkommen. Dieses sehe eine solche Maßnahme nicht vor, betonte Sergej Naryschkin, Sprecher der Staatsduma.

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