Studie zur Krim: Ist die Euphorie vorbei?

Die Krim-Euphorie ist verflogen, zeigt die Studie des Lewada-Zentrums. Foto: Michail Mokruschin/RIA Novosti

Die Krim-Euphorie ist verflogen, zeigt die Studie des Lewada-Zentrums. Foto: Michail Mokruschin/RIA Novosti

Die Euphorie über die Eingliederung der Krim ist verflogen. Das hat eine aktuelle Studie des Lewada-Zentrums ergeben. Während Soziologen wenig überrascht sind, sehen Politologen darin erste Anzeichen für eine kritische Bewertung der Regierungsentscheidungen des vergangenen Jahres.

Das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum hat die Studie „Die Krim und die Erweiterung der russischen Grenzen" vorgestellt. Unter anderem haben die Soziologen darin untersucht, ob und wie sich die Einstellung der Russen zur Eingliederung der Krim in die Russische Föderation im Laufe des vergangenen Jahres verändert hat. Die Mehrheit betrachtet das Ereignis demnach immer noch als große Errungenschaft, deren positive Folgen noch in der Zukunft sichtbar sein werden. Doch im Vergleich zum Vorjahr sind es nur noch 69 statt 79 Prozent, die davon überzeugt sind.

Immer mehr Menschen (14 statt neun Prozent im Jahr 2014) glauben, die Ereignisse des letzten Jahres zeugten von einer wachsenden Risikobereitschaft der russischen Regierung, die damit bezwecke, die Russen von den tatsächlichen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen abzulenken. „Großmacht"-Bestrebungen unterstellen nur noch 72 Prozent der Befragten (2014: 79 Prozent). Sie gehen davon aus, dass Russland durch die Eingliederung der Krim seine Interessen im postsowjetischen Raum geltend machen wollte. 57 Prozent der Befragten sprechen sich allerdings gegen eine Erweiterung der russischen Grenzen aus (2014: 32 Prozent).

Für die Soziologen sind das keine nennenswerten Schwankungen. Alexej Graschdankin, Vize-Direktor des Lewada-Zentrums, nennt die Veränderungen „nicht wesentlich". Zwar seien inzwischen mehr Menschen der Meinung, dass die Eingliederung auch Probleme mit sich gebracht habe, und vor allem Menschen mit überdurchschnittlicher Bildung und höheren Einkommen unterstützten die Entscheidungen der russischen Regierung weniger. Dennoch sei es verfrüht, daraus generell ein Schwinden der Unterstützung abzuleiten, so Graschdankin. „Die veränderten Umfrageergebnisse hängen mit einem Abflauen der anfänglichen Euphorie unmittelbar nach der Eingliederung der Krim zusammen. Das war bereits im Sommer letzten Jahres zu beobachten. Seitdem haben sich die Ergebnisse nicht mehr wesentlich verändert."

 

Politologen wittern Regierungskritik

Konstantin Kalatschew, Leiter der „Politischen Expertengruppe", sieht die Ergebnisse der Lewada-Studie kritischer. Er ist der Ansicht, dass sie einen deutlichen Vertrauensverlust in die Regierung zeige. Nicht nur die anfängliche Euphorie sei verschwunden, nun gebe es noch „obendrauf die Wirtschaftskrise", so Kalatschew. „Es scheint, als hätten die Bürger wenig Lust, für Entscheidungen der Regierung zu zahlen, wenn sie selbst weniger Geld in der Tasche haben." Er geht davon aus, dass sich die Haltung zur Krim noch mehr zum Negativen verändern wird, wenn einmal mehr Menschen dort gewesen sein werden. „Wer schon einmal in Ägypten oder in der Türkei in Urlaub war, der wird auf der Krim enttäuscht sein von der Qualität des Services", glaubt Kalatschew.

Die Soziologen des Lewada-Zentrums sind weniger pessimistisch. Sie sehen eher in den positiven Werten des Jahres 2014 eine Anomalie. „Die Eingliederung der Krim hat die Idee der Wiedererrichtung der Sowjetunion reanimiert, zumindest aber die Idee der Einbeziehung einiger Republiken in den Orbit Russlands", erklärt Graschdankin. Daher hätten sich im Jahr 2014 auch nur 32 Prozent der Befragten gegen die Erweiterung der russischen Grenzen ausgesprochen.

Der Gedanke an einen Zerfall der Ukraine habe sich in den Köpfen der Menschen weiter gefestigt, fährt Graschdankin fort. Einer solchen Entwicklung steht mittlerweile jeder dritte Befragte positiv gegenüber – 2014 war es nur jeder vierte. Der Soziologe sieht den Grund dafür in den Massenmedien, die diese Frage breit und lang diskutierten: „In den russischen Medien wird eine Föderalisierung bis hin zu einem Zerfall des Nachbarlandes als Lösung für die Probleme dort angesehen."

Der Politologe Kalatschew meint, viele Russen hätten sich mit der Ukraine ein neues Feindbild geschaffen. „Viele sind von dem Verhalten des ‚jüngeren Bruders' gegenüber dem ‚älteren' empört und sagen deshalb beleidigt, er solle eben einfach zerfallen", erklärt Kalatschew. Er glaubt aber, dass sich diese Einstellung wieder ändern wird. Viel hänge davon ab, ob Reformen erfolgreich umgesetzt werden könnten. Kalatschew erinnert die Lage an die Abspaltung des Baltikums in den neunziger Jahren – auch damals hätten viele Russen nicht an ein Überleben der Staaten geglaubt.

 

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