70 Jahre nach dem Sieg: 
der Kampf um die Geschichte

Veteranen blicken am Tag des Sieges, 9. Mai, zurück auf die Vergangenheit. Bild: Konstantin Zavrazhin/Rossijskaja Gaseta

Veteranen blicken am Tag des Sieges, 9. Mai, zurück auf die Vergangenheit. Bild: Konstantin Zavrazhin/Rossijskaja Gaseta

Von Jahr zu Jahr sieht Russland seine Rolle als wichtigster Sieger über Hitlerdeutschland zunehmend in Gefahr. Doch auch die Aufarbeitung der eigenen Geschichte bleibt stecken.

Auch siebzig Jahre nach der Kapitulation des Dritten Reichs sieht sich manch russischer Politiker noch mitten in einem Kampfgebiet. Keinem wirklichen, sondern einem ideologischen. Von Jahr zu Jahr werden im Vorfeld der Feierlichkeiten zum Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg am 9. Mai Stimmen aus der russischen Regierung lauter, es sei wichtig, die historische Wahrheit über den Krieg zu erhalten, und notwendig, absichtlich falsche geschichtliche Interpretationen zu bekämpfen.

Besonders schmerzhaft reagiert die russische Öffentlichkeit auf Äußerungen wie die des polnischen Außenministers Grzegorz Schetyna, das Konzentrationslager Auschwitz sei von Ukrainern befreit worden. Oder jene des ukrainischen Ministerpräsidenten Arsenij Jazenjuk, der von einem „Einmarsch der UdSSR nach Deutschland und in die Ukraine“ während des Krieges sprach.

Die kremlnahe Historikerin und Leiterin des Instituts für Demokratie 
und Zusammenarbeit in Paris, Natalia Narotschnitskaja, sieht in solchen Äußerungen gar Versuche, „eine Stütze der russischen Identität“ wegzuschlagen. Auch Präsident Wladimir Putin meint, darin eine Gefahr für das heutige Russland zu erkennen: „Die Versuche, das Geschehen des damaligen Krieges zu verdrehen, zu verzerren“, zielten darauf, „die Stärke und die moralische Autorität des heutigen Russlands zu unterhöhlen, es des Status einer Siegermacht zu berauben.“

Keine offizielle Position

Einige Historiker nehmen dem Präsidenten jedoch den Wind aus den Segeln. Sie bezweifeln, dass es das Problem einer Geschichtsverzerrung gibt. Nikita Petrow, Geschichtswissenschaftler am Menschenrechtszentrum Memorial, meint, die Frage, wie Wladimir Putin sie formuliere, stelle sich in der Form überhaupt nicht.  „Niemand verzerrt wirklich die Kriegsgeschichte“, sagt der Historiker. „Ich habe noch in keiner offiziellen Erklärung des Europäischen Rats oder eines EU-Landes, geschweige denn in seriösen historischen Publikationen echte Geschichtsfälschung erlebt“, beteuert Petrow. Vielmehr würden dort bestimmte Einschätzungen abgegeben, die den meisten Russen nicht gefallen. Dabei handele es sich jedoch nicht um eine Verfälschung der Geschichte, wie der Experte bekräftigt. Die Aussagen von Schetyna und Jazenjuk bezeichnet er als „mündliche Erklärungen“ und „emotionale Aussagen“, die man nicht allzu ernst nehmen dürfe, weil sie die offiziellen Positionen der Länder und Experten, die sie vertreten, nicht widerspiegelten.

Der Historiker Oleg Budnizkij, Leiter des Zentrums für die Geschichte und Soziologie des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen an der Higher School of Economics in Moskau, meint ebenfalls, das Problem der Geschichtsverzerrung sei erfunden. Historiker im Ausland versuchten keineswegs, die Geschichte zu fälschen, sagt er. „Man sollte aus der Unwissenheit eines polnischen Ministers keinen Elefanten machen“, mahnt Budnizkij. In Russland würden solche Aussagen 
häufig zu sehr aufgebauscht, fügt der Historiker hinzu.

Meinung oder Verfälschung?

Man müsse unterscheiden zwischen Geschichtsfälschung und politischer Manipulation mittels historischer Ereignisse auf der einen Seite und Meinungsverschiedenheiten zwischen 
Historikern auf der anderen Seite, erklärt Michael Carley, Professor für Geschichte an der Universität von Montreal. Wobei Manipulationen keine Erfindung osteuropäischer Politiker seien und eine lange Tradition hätten, so der Historiker im Gespräch mit RBTH.

Was die Rolle der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg anbelangt, so hätten politisch motivierte Manipulationen bereits kurz nach der Siegesfeier angefangen. Nach 1945 wurde das 
Verhältnis zwischen den USA und der UdSSR auf offizieller Ebene zunehmend feindseliger. Das wiederum habe sich, zumindest in den USA, schwer mit der allgemeinen Sympathie in der Bevölkerung für die Sowjets vertragen. Diese Sympathie war insbesondere infolge des opferreichen Krieges, dessen Hauptlast lange Zeit von den Sowjets getragen werden musste, entstanden. „Man hat einiges unternehmen müssen, um die entscheidende Rolle der Sowjets vergessen zu machen“, meint Carley.
Dass dies gelungen sei, könne der Professor selbst an seiner Universität heute sehen: Viele seiner Studenten seien der Ansicht, die USA hätten die Hauptlast des Krieges getragen.

Angst vor der Wahrheit

In Russland vertreten Experten teils sehr gegensätzliche Positionen, wer ihrer Ansicht nach derzeit am meisten an der Geschichte herummanipuliert. Dabei sind es weniger die USA, die für Diskussionen sorgen, sondern vielmehr Russlands westliche Nachbarn im Baltikum und in der Ukraine. Der Fokus liege dort derzeit viel stärker auf den Verbrechen des Sowjetregimes, statt auf jenen des Naziregimes und der eigenen Kolloborateure, wie Alexander Djukow von der Stiftung „Historisches Gedächtnis“ bemerkt. Dies habe wenig mit einer Aufarbeitung der eigenen Geschichte zu tun. Der Historiker verweist auf die Ukraine, wo in den vergangenen Jahren „Geschichte umgeschrieben“ worden sei, insbesondere durch die Glorifizierung der Rolle ukrainischer Nationalisten im Krieg.

Memorial-Historiker Nikita Petrow sieht dagegen die übermäßige Politisierung der Kriegsthematik auf russischer Seite und nicht im Ausland. „Sobald wir ein ehrliches Gespräch über den Krieg anfangen, ohne Beschönigung und auch über die Momente, in denen das repressive Wesen des Sowjetregimes sich zeigte, kriegen wir es irgendwie mit der Angst zu tun und sagen gleich: ‚Hier wird die Wahrheit verzerrt‘“, bemängelt Petrow.

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