Der müde Geist von Jalta

Churchill, Roosevelt und Stalin in Jalta wenige Monate vor Kriegs-ende (v.l.n.r.). Das Treffen wurde 1945 im eigens hergerichteten  Liwadija-Palast abgehalten. Foto: TASS

Churchill, Roosevelt und Stalin in Jalta wenige Monate vor Kriegs-ende (v.l.n.r.). Das Treffen wurde 1945 im eigens hergerichteten Liwadija-Palast abgehalten. Foto: TASS

In Jalta begann die Teilung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute wird Russland vorgeworfen, die damaligen Fehler zu wiederholen.

Während sich die sowjetischen Truppen im Februar 1945 an der Oder in Stellung brachten und die Amerikaner zur Befreiung des Rheinlandes ansetzten, rollten Züge voller Luxusgüter in Richtung Krim. Edles Tischgedeck, Möbel und feinste Delikatessen wurden nach Jalta, einem Badeort an der Schwarzmeerküste, gebracht. Dort beabsichtigten die absehbaren Siegermächte USA, Großbritannien und die UdSSR bereits vorab über die Zukunft Europas und der Welt zu verhandeln. Das Treffen in Jalta und ein halbes Jahr später in Potsdam markieren den Höhepunkt der Eintracht in der Anti-Hitler-Koalition. Das Ziel: Europa sollte endlich eine stabile Ordnung erhalten. Doch schon bald folgte der Kalte Krieg und mit ihm eine Teilung Europas in Ost und West. Angesichts dessen zweifeln heutige Geschichtswissenschaftler an der Einheit der damaligen Alliierten. War die Aussicht auf eine dauerhafte Einigung vielleicht damals schon illusorisch?

 

Der Wille zur Einigung

Nach Ansicht russischer Historiker sollte man die Suche nach einem Kompromiss zwischen den Siegermächten Anfang Februar 1945 jedenfalls nicht als bloße „Illusion" abtun. „Stalin, Roosevelt und Churchill wollten sich wirklich auf Spielregeln verständigen, auf die Welt nach dem Krieg", glaubt Michail Mjagkow, wissenschaftlicher Direktor der Russischen militärhistorischen Gesellschaft. „Ihre zentralen Aufgaben bestanden darin, die Möglichkeit einer zukünftigen Vorherrschaft Deutschlands in Europa auszuschließen, der erneuten Entstehung von Nationalsozialismus vorzubeugen, den Krieg zu beenden und so eine lange Friedensperiode herbeizuführen", resümiert Mjagkow mit Verweis auf die Einigkeit der „großen Troika" bei der Gründung der Vereinten Nationen.

Doch die Atmosphäre war bei Weitem nicht so idyllisch. Obwohl in Jalta „einzelne Kompromisse erzielt werden konnten", kamen dort nach Ansicht des deutschen Historikers Jost Dülffer „die Diskrepanzen deutlich zum Vorschein". „Die Voraussetzungen für die Einigkeit zwischen den Verbündeten waren bis 1946/1947 praktisch erschöpft", sagt er in einem Interview mit der Deutschen Welle. Seiner Ansicht nach hatte es in Jalta noch eine Chance gegeben, doch „die ideologische Konfrontation zwischen dem Kapitalismus und dem Kommunismus führte dazu, dass die jeweiligen Seiten anfingen, sich Einflusssphären nach ihrem eigenen Bilde zu schaffen".

Dabei nennt der Historiker eine weitere grundlegende Ursache für das Missverhältnis zwischen Moskau und dem Westen: „Die Sowjetunion befreite Osteuropa von Nazi-Deutschland und wollte konsequenterweise die Einhaltung ihrer Interessen auf den befreiten Gebieten durchsetzen", erklärt Dülffer. Als sich der Westen faktisch auf eine Teilung Europas in Einflusssphären einließ, habe er nicht damit gerechnet, dass „die Herrschaft der UdSSR in ihrem Einflussbereich derart absolut sein wird", ergänzt der russische Militärhistoriker Boris Sokolow. Ihm zufolge liegt die Verantwortung für eine Abkehr von Jalta und das Entfachen des Kalten Krieges bei Stalin. Westliche Vertreter hätten angenommen, in dessen Einflusssphäre werde „etwas nach dem Vorbild Finnlands entstehen, das sich die Unabhängigkeit bewahrt hat".

 

Die Fehler der Vergangenheit

Nach Ansicht einiger Historiker, die sich mit der Nachkriegsära befassen, können zwischen der damaligen Politik der UdSSR und der gegenwärtigen Strategie des Kreml gewisse Parallelen gezogen werden. Dülffers Einschätzung zufolge „erinnert die heutige Situation in Europa stark an die damalige Zeit. Putin setzt, seiner Politik und dem Wesen seines Vorgehens nach zu urteilen, die ‚Tradition Stalins' fort." So würde die Aufteilung Europas in Einflusssphären wiederhergestellt, womit nach 1989/1990 niemand mehr gerechnet hätte.

Manch russischer Experte hält den 
Ukraine-Konflikt nicht für eine Neuauflage, sondern für die Fortsetzung alter Probleme. „Auf geopolitischer Ebene war dieser Kampf um Einflusssphären, der in Jalta begann, niemals zu Ende", sagt Michail Mjagkow. Er ist überzeugt, dass „wir heute den letzten Auftakt dieses Kampfes erleben, wobei der Westen meint, er hätte alle Trümpfe in der Hand – er hatte gedacht, nach den 1990er-Jahren würde Russland sich nie wieder erheben".

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland