Russlands syrisches Dilemma

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Alexej Malaschenko vom Moskauer Carnegie-Zentrum für Religion und Sicherheit analysiert im Interview mit „Russia Direct“ die Syrienpolitik der russischen Regierung und spricht über das Dilemma Russlands im Kampf gegen den Islamischen Staat.

Medienberichten zufolge zeichnet sich in der russischen Syrienpolitik eine Wende ab. Es gibt Spekulationen, dass Russland den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, dessen Regime von der Terrorgruppierung „Islamischer Staat" (IS) zunehmend unter Druck gesetzt wird, fallen lässt. Sollte das Assad-Regime stürzen, rückt der IS möglicherweise näher an Russlands Grenzen heran. Das ist insbesondere vor dem Hintergrund bedeutsam, dass der IS offenbar verstärkt versucht, im muslimisch geprägten, russischen Nordkaukasus und in einigen postsowjetischen Staaten Fuß zu fassen. Alexej Malaschenko, Experte für Religion und Sicherheit am Moskauer Carnegie-Zentrum, analysierte für „Russia Direct" die Bedrohungslage durch den IS.

„Russia Direct": In den Medien wird spekuliert, dass Assads Regime ohne die Unterstützung Russlands nicht überlebensfähig wäre. Sehen Sie das auch so?

Alexej Malaschenko: Vom Standpunkt der eigenen nationalen Interessen aus betrachtet, war die russische Politik gegenüber Assad klug. Es gab weitaus geringere Verluste als zunächst befürchtet. Jede Veränderung in der russischen Syrienpolitik zeugt weniger von Flexibilität denn von Ambivalenz. Die Frage lautet: Wenn Russland Assad fallen lässt, wer hält dann Russland den Rücken frei? Sollte Russland eine dubiose (oppositionelle - Anm. d.Red.) Koalition aus Islamisten und Nationalisten unterstützen, bei der einige nur vorgeben, gemäßigt zu sein?

Am Ende könnte nicht nur Russland, sondern die gesamte Welt vor dem Dilemma stehen, sich für ein autoritäres Regime oder den Islamischen Staat entscheiden zu müssen. Einen anderen Weg gibt es nicht, denn über Demokratie im Mittleren Osten zu sprechen, ist mehr als naiv.

Russland nimmt gegenüber dem Assad-Regime eine zögerliche Haltung ein, während die Bedrohung durch den IS zunimmt. Könnten Moskau und Washington in der Syrienfrage einen Kompromiss finden?

Ein solcher Kompromiss war bislang kein Thema, es gibt keinen Grund, darüber zu spekulieren. Fakt ist: Das syrische Problem ist ein Spezifikum im gesamten Mittleren Osten. Die Vorstellung, zunächst einen Konsens bezüglich Syrien zu erzielen und dann die restlichen Probleme anzugehen, ist nicht zielführend. Syrien ist ein komplexes Problem, das komplexe Lösungen erfordert.

So wie es aussieht, weitet der IS seinen Einfluss weit über die Grenzen des Mittleren Ostens aus und zieht Menschen aus aller Welt an. Vor Kurzem entschied eine Studentin der Moskauer Staatlichen Universität, ihre Familie zu verlassen und in die Reihen des IS einzutreten. Ist das ein Einzelfall oder das Ergebnis zunehmender IS-Propaganda?

Für Russland ist das schon ein besonderer Fall. Ein Trend ist das nicht, auch wenn ähnliche Fälle aus anderen Ländern, wie zum Beispiel Frankreich, bekannt sind. Bislang gibt es keine Anzeichen dafür, dass Frauen massenweise dem IS beitreten. Bei der russischen Studentin stand eher ein psychologischer Aspekt im Vordergrund, das Verlangen nach Selbstfindung. Spekuliert wird zu diesem Thema ungeheuer viel und alle Diskussionen kommen zu dem Ergebnis, dass es notwendig sei, die patriotische Erziehung junger Leute zu stärken. Einige glauben ernsthaft, das würde die jungen Leute davon abhalten, einen Hidschab zu tragen und dem IS beizutreten.

Doch in den öffentlichen Debatten bleibt außen vor, dass es große Unterschiede zwischen einem Hidschab und einer Kalaschnikow gibt. Unklar bleibt, auf welchem Nährboden wir bei mehr als 16 Millionen russischer Muslime, die ihre Anschauungen sehr aktiv verteidigen, den Patriotismus heranbilden sollen. Dieser Umgang mit dem Problem (der IS-Bedrohung, Anm. d. Red.) ist schwerfällig und ineffizient.

Dennoch behaupten einige, von der IS-Propaganda gehe eine Bedrohung für Russland aus.

Das ist eine deutliche Übertreibung vonseiten russischer Sicherheitsbehörden und Geheimdienste. Doch natürlich sollte die IS-Propaganda auch nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Schließlich wird sie in 23 Sprachen, einschließlich Russisch, gesendet und kann Ergebnisse vorweisen: Insgesamt sind bislang 1 700 bis 3 000 Russen dem Islamischen Staat beigetreten. Einige kehrten enttäuscht zurück. Aber der Gedanke, die Rückkehrer würden für Russland eine ernst zu nehmende Gefahr darstellen, ist, wie ich schon sagte, eine Übertreibung.

Der Koalition aus USA und Staaten des Mittleren Ostens ist Russland trotz der IS-Gefahr bislang nicht beigetreten ...

Im Augenblick kommt Russland einem einsamen Wanderer gleich. Es sucht seine Rolle. Dadurch, dass es sich an dem direkten Kampf gegen den IS nicht beteiligt, kann das Land auch punkten, denn Muslime, auch die gemäßigteren, betrachten den Kampf gegen den IS als einen Kampf gegen den Islam.

Die vollständige Version des Interviews erschien in englischer Sprache bei Russia Direct

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