Nach TV-Beitrag: US-Amerikaner muss Universitätsposten räumen

Kendrick White. Foto: aus dem persönlichen Archiv

Kendrick White. Foto: aus dem persönlichen Archiv

Russland arbeitet weiter daran, den Einfluss von Ausländern im Land gering zu halten. Ein US-amerikanischer Universitätsprorektor wurde nun entlassen, bald soll es eine „patriotische schwarze Liste“ geben.

Kendrick White, US-Staatsbürger und bislang angesehener Risikoinvestor, war bis vor Kurzem noch Prorektor für Innovationen an der Lobatschewski-Universität Nischnij Nowgorod. Wenige Tage nach der Ausstrahlung eines TV-Beitrags musste er seinen Posten räumen. Was war passiert?

Der Staatssender Rossia berichtete am vergangenen Sonntag über unerwünschte ausländische Einflüsse in Russland. In diesem Zusammenhang wurde ein Filmbeitrag über Kendrick White gezeigt, der beweise, so der für seine anti-westliche Haltung bekannte russische Moderator Dmitri Kisseljow, dass Whites Arbeit Russland schade.  

Unter anderem wurde die Aufmerksamkeit der Zuschauer darauf gelenkt, dass in den Fluren der Universität auch Porträts zweier US-amerikanischer Wissenschaftler hängen. Dafür seien die Bilder russischer Wissenschaftler verschwunden, so der Vorwurf. Zudem wurde in dem Beitrag die Frage aufgeworfen, „wie es passieren konnte, dass ein US-Bürger, ein Unternehmer aus Washington, solch einen Posten übernehmen konnte“? Das sei „bis heute unklar“.

 

Vom Experten zum Aufrührer

White wurde nun als potenzieller Kandidat für eine geplante patriotische schwarze Liste genannt. Ein solches Vorhaben werde in der Obersten Kammer des russischen Parlaments, im Föderationsrat, diskutiert, erklärte Kisseljow. Auf diese Liste sollen ausländische Organisationen und Personen gesetzt werden, die möglicherweise eine Destabilisierung Russlands zum Ziel hätten.

Eine anonyme Quelle aus dem Föderationsrat verriet, dass es für die Liste rund 20 Kandidaten gebe, darunter unter anderem Amnesty International, Human Rights Watch, Freedom House oder die Soros Foundation. Nach einer Prüfung durch die Generalstaatsanwaltschaft werden die Aktivitäten einiger dieser Einrichtungen aller Wahrscheinlichkeit nach unter Strafe gestellt werden. Jedenfalls erscheint das vor dem Hintergrund des in Russland kürzlich verabschiedeten Gesetzes über „unerwünschte Organisationen“ durchaus möglich. Das Gesetz bietet eine Legitimationsgrundlage für das Verbot unliebsamer Strukturen.

Kendrick White gründete in den neunziger Jahren als einer der ersten in Russland ein Bildungszentrum für Wirtschaftsjunioren, 2005 folgte die Gründung von Marchmont Capital Partners, einer Wirtschafts- und Investmentberatung, 2013 wurde White Prorektor für Innovationen an der Lobatschewski-Universität. In dieser Position hatte er unter anderem die Vermarktung von Technologieprojekten auf globalen Märkten vorangetrieben.

Bereits am Tag nach der TV-Ausstrahlung wurden sämtliche Informationen über White von der Universitätshomepage entfernt. Stattdessen erschien dort die Mitteilung, dass White von seinen Pflichten „aufgrund von Umstrukturierung des Innovationsmanagements an der Lobatschewski-Universität“ entbunden worden sei. Die Umstrukturierungsmaßnahmen seien mit der Notwendigkeit verbunden, das wissenschaftliche Profil des Managements zu stärken. Auf eine Anfrage von RBTH hieß es von der Universitätsverwaltung, Kendrick White sei im Urlaub und halte sich im Ausland auf.

 

Größere Skepsis infolge der Ukraine-Krise

White selbst hat sich bislang nicht geäußert. Seine Wissenschaftskollegen bezeichneten die Entlassung „nach einer propagandistischen Sendung“ als ein schlechtes Omen und äußerten die Sorge, es könne sich dabei um den Anfang einer Hetzjagd auf Ausländer handeln. Der Prorektor der Higher School of Economics Isak Frumin, bezeichnete den Vorfall in Nischnij Nowgorod gegenüber RBTH als „einen Schuss ins eigene Knie“. „Ein Land, das gerade jetzt mehr denn je einen Ausbruch aus der Isolation braucht, fängt damit an, sich selbst zu isolieren!“, empört er sich.

Frumin hat die Skepsis gegenüber Ausländern schon einmal erlebt. „Vor einem Jahr fragte eine russische Region bei mir an, ob ich sie bei der strategischen Ausrichtung ihres Bildungssystems beraten könnte. Gerade war ein sehr angesehener US-amerikanischer Kollege bei mir zu Gast, den schon viele Regierungen in dieser Frage konsultiert haben. Ich bat ihn, mich zu begleiten. Das fanden die Partner in der Region zunächst auch sehr gut, später erklärten sie, es sei  unnötig, einen Amerikaner als Berater zu Rate zu ziehen, schließlich würden strategische Fragen erörtert werden“, erzählt Frumin. Hätten ausländische Fachleute bislang zehnmal nachgedacht, ob es gut sei, eine Stelle in Russland anzunehmen, würden sie es sich zukünftig hundertfach überlegen, befürchtet er.

Als „völligen Blödsinn“ bezeichnet auch Alexej Kondraschew, Professor an der Michigan University in Ann Arbor, die Entlassung des Kollegen. „Vor fünf Jahren gab das Land Unsummen dafür aus, ausländische Fachleute ins Land zu holen, und jetzt schmeißt man sie raus. Das ist doch Wahnsinn.“ Kondraschew lebt zurzeit in Moskau und arbeitet in dem von ihm gegründeten Zentrum für Genomforschung an der Moskauer Staatlichen Universität. Auf ihn aber übe trotz seiner doppelten (russischen und US-amerikanischen) Staatsbürgerschaft niemand Druck aus. Dabei sei er eigentlich auch ein Fachmann aus dem Ausland.

Die Ereignisse rund um Kendrick White seien in der Tat unglücklich, sagt der Direktor des kremlnahen Instituts für Politikforschung Sergej Markow. Andererseits sei das, was geschehen ist, auch absolut naheliegend und unvermeidbar. „Die öffentliche Meinung verlangt von den Verantwortlichen in Russland, auch von einem Prorektor, dass sie gegenüber Menschen aus Ländern, die die Terrorpolitik Kiews unterstützen, eine größere Skepsis an den Tag legen“, erklärt er.

 

Russland bleibt auf Isolationskurs 

„Gegenwärtig erleben wir in Russland eine Tendenz hin zur Selbstisolation, zum Bau neuer Mauern zwischen Russland und vor allem dem Westen“, sagt der Direktor des Zentrums für politische Studien an der Finanzuniversität bei der russischen Regierung, der Politologe Pawel Salin mit Blick auf die patriotischen schwarzen Listen.

Isak Frumin betont, dass ausländische Professoren und Führungspersonen für eine russische Hochschule zweifelsfrei von Vorteil seien: „Das ist normal“, hält er fest und nennt ein Beispiel: „Man betrachte einmal die Moskauer Technische Universität. Sie ist aufs Engste mit dem Rüstungssektor verflochten, doch glücklicherweise stört sich bislang niemand daran, dass der MIT-Präsident (Leo Rafael Reif, Anm. d. Red.) in ihrem strategischen Rat den Vorsitz innehat.“

Und was ist mit der schwarzen Liste? Sie sei ein Versuch, das Gesetz über „unerwünschte Organisationen“ umzusetzen, meint Salin. Es sei bislang aber noch auf niemanden angewendet worden. Die Initiative geht auf den Föderationsratsabgeordneten Konstantin Kosatschew zurück. Auf einer Sitzung der Obersten Kammer erklärte er: „Wir haben kein Recht, weder moralisch noch politisch, den Zerfall unseres Landes zuzulassen.“ Daher seien „ausländische Akteure unter effektiver Kontrolle zu halten.“ Für einen Kommentar war der Abgeordnete nicht verfügbar. Es wird erwartet, dass die schwarze Liste am kommenden Mittwoch vom russischen Parlament verabschiedet wird.

Auswanderung: Immer mehr Menschen verlassen Russland