Nemzow-Mord: Ermittler geben Drahtzieher bekannt

Reuters
Als Drahtzieher bei der Ermordung des Oppositionspolitikers Boris Nemzow im Februar dieses Jahres machen die Ermittler einen Kämpfer des tschetschenischen Bataillons „Sewer“ aus. Einen politischen Mord schließen sie aber aus. Nemzows Familie indes zweifelt an der offiziellen Version.

Das Ermittlungskomitee der Russischen Föderation hat Ergebnisse zum Mord an dem Oppositionspolitiker und Ex-Vizeministerpräsidenten Boris Nemzow veröffentlicht. Demnach gilt Ruslan Muchudinow, ein Kämpfer des tschetschenischen Bataillons „Sewer“, das den Polizeistreitkräften des russischen Innenministeriums angehört, als Drahtzieher. Am 27. Februar dieses Jahres wurde Boris Nemzow auf der Großen-Moskwa-Brücke in Moskau erschossen. Bereits seit November wird international nach Muchudinow gefahndet. Den Ermittlern zufolge befindet er sich auf der Flucht und hält sich derzeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten auf.

Daneben wurden mehrere Mittäter angeklagt, insgesamt sechs Personen aus Tschetschenien und Inguschetien. Ihnen droht eine lebenslange Freiheitsstrafe. Als mutmaßlicher Mörder gilt Saur Dadajew, ehemaliger stellvertretender Kommandeur des Bataillons „Sewer“. Einer der Angeklagten, Chamsat Bachajew, soll ein Informant gewesen sein und seinen Mittätern nach der Tat Unterschlupf geboten haben. Ein weiterer Angeklagter, Temirlan Eskerchanow, spürte dem Politiker am Tag seiner Ermordung nach.

Des Weiteren sind die Brüder Ansor und Schadid Gubaschew angeklagt, ihre Rolle im Mordfall wurde aber noch nicht festgestellt. „Sie alle stehen im Verdacht, an der Ausführung eines organisierten Auftragsmords beteiligt gewesen zu sein, sowie Feuerwaffen illegal erworben, getragen, transportiert und besessen zu haben“, berichtet das Ermittlungskomitee. An der Täterschaft bestehe kein Zweifel: Berichte der über 70 komplexen Gerichtsgutachten, Zeugenvernehmungen, Verhöre sowie Protokolle der Videoüberwachung, darunter auch von den Kameras am Tatort, belasteten die Angeklagten schwer.

Wie die Ermittler betonten, bestehe zwischen dem Mord des Politikers Boris Nemzow und seiner politischen und öffentlichen Tätigkeit kein Zusammenhang. Zuvor hatte die Tochter des Ermordeten Schanna Nemzowa vergeblich das Ermittlungskomitee aufgefordert, die Anklage von gewöhnlichem „Mord“ in einen „Angriff auf das Leben eines Staatmanns oder einer Person des öffentlichen Lebens“ umzuwandeln.

Zweifel an der offiziellen Version

Laut russischen Medien ist Ruslan Muchudinow ein Moskauer Fahrer von Ruslan Geremejew, dem stellvertretenden Kommandeur des Bataillons „Sewer“, gewesen. Germejew stand ebenfalls eine Zeit lang unter Verdacht, Boris Nemzow ermordet zu haben. Er ist mit dem Senator der Russischen Föderation von Tschetschenien und dem Abgeordneten der Staatsduma verwandt.

Den Ermittlungen zufolge trägt Muchudinow den Beinamen Russik, den der mutmaßliche Mörder Saur Dadajew in seinen ersten Aussagen erwähnte. Damals hatte er behauptet, der Politiker sei wegen seiner Position bezüglich des Terroranschlags in der Redaktion der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ ermordet worden. Russik hätte die Waffe und das Auto für die Tat besorgt.

Doch Nemzows Familie glaubt nicht an die offizielle Version. Der Auftraggeber sei nicht Muchudinow, betonte der Anwalt der Tochter, Wadim Prochorow. Er wirft den Ermittlern vor, den wahren Täter zu decken. „Diese Nachricht ist doch nichts anderes als ein Weihnachtsgeschenk für Ramsan Kadyrow“, sagte Prochorow. Der Anwalt hatte vergeblich versucht, Tschetscheniens Präsident sowie andere hochrangige Beamte über den Mord des Politikers zu verhören. Muchudinow sei ein Bauernopfer: „Er ist nicht mehr als ein privater Fahrer und Gehilfe von Ruslan Geremejew. Er kann keine eigenen Motive für den Mord an Nemzow gehabt haben“, sagte der Anwalt der Zeitung „RBK“.

Was verbirgt sich hinter „Sewer“?

Das Bataillon „Sewer“ wurde 2006 vom tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow gebildet. Unter anderem gehören Anti-Terror-Einheiten, aber auch ehemalige Schläger der Organisation an. Diese wurden nach 2003 auf Kadyrows Seite gezogen – das Bataillon war eine Art Rehabilitation für viele Ex-Schläger. Die Kampfeinheit „Sewer“ ist in den Medien als das persönliche Bataillon von Ramsan Kadyrow bekannt.

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