Syrien: Russlands Einsatz bringt Bewegung in den Konflikt

AP
Der russische Militäreinsatz in Syrien ist international umstritten. Dies liegt vor allem an der russischen Unterstützung für das Assad-Regime, das tatsächlich wieder erstarkt ist. Doch dadurch habe sich auch das Kräfteverhältnis in Syrien zum Nachteil des IS verschoben, sagen russische Politikexperten.

Vergangenen Montag erklärte Großbritanniens Außenminister Philip Hammond in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters, die Anstrengungen des Westens für eine politische Krisenlösung seien ins Stocken geraten, seit sich Russland in den Konflikt eingemischt habe. „Ein ständiger Anlass für Enttäuschung ist, dass die Russen alle unsere Anstrengungen untergraben“, erklärte Hammond. „Die Russen sagen ‚Lasst uns verhandeln‘ und danach reden alle und reden und reden.“ Das Problem bestehe aber darin, dass die Russen währenddessen weiterhin Lufteinsätze flögen und den syrischen Präsidenten Assad unterstützten, heißt es im britischen Außenministerium.

Politikexperten widersprechen den Briten. Es sei der russische Militäreinsatz gewesen, der die Kräfteverhältnisse in Syrien positiv verändert habe. Im Land sei endlich ein Verhandlungsprozess in Gang gekommen, die gesellschaftliche Stimmung habe sich gewandelt.   

In der Tat wurde das Regime Assads, das den USA, der Türkei, Saudi-Arabien und weiteren Ländern ein Dorn im Auge ist, durch Russlands Luftunterstützung wieder gestärkt. Bis zum Engagement des russischen Militärs in Syrien hatten die Regierungstruppen herbe Verluste einstecken müssen: Bis zu 70 Prozent ihrer Panzer gingen verloren, die syrischen Soldaten bildeten nach vier Jahren zermürbender Auseinandersetzungen längst keine Einheit mehr.  

Viele Gruppen profitieren 

Es sei absehbar gewesen, dass eine widererstarkte syrische Armee auch Assads Position stärken würde. Von größerer Bedeutung sei jedoch, dass erst der Einsatz Russlands die Grundlage für die Aufnahme von Verhandlungen bereitet habe, meint Alexej Malaschenko vom Moskauer Carnegie-Center. Wie lange der Prozess andauern werde, mit welchem Ergebnis die Teilnehmer den Verhandlungstisch verlassen würden, seien offene Fragen: „Eine einzige dumme Provokation würde ausreichen, um alles zu zerschlagen. Und es gibt Menschen, die zu solchen Provokationen bereit sind“, so Malaschenko.  

Seitdem die Truppen Assads in der Offensive sind, hat sich auch das Bild von Assad in der syrischen Gesellschaft gewandelt. Seit Beginn des Bürgerkrieges habe mehr als die Hälfte der syrischen Bevölkerung, elf von 22 Millionen Einwohnern, das Land verlassen, sagt der leitende wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Internationale Beziehungen und Weltwirtschaft der Russischen Akademie für Wissenschaften Wiktor Nadein-Raewskij. Mittlerweile seien viele Syrer zurückgekehrt, um in der syrischen Armee und in Freiwilligenkorps zu kämpfen.

Die Lage der Kurden im syrischen Grenzgebiet habe sich durch Russlands Einsatz ebenfalls verbessert, insbesondere nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeuges durch die Türkei. Als Reaktion darauf habe Russland in Syrien das S-400-Flugabwehrsystem stationiert: „Jetzt trauen sich die Türken nicht mehr, die Stellungen der Kurden zu bombardieren, die gegen den IS kämpfen“, sagt Nadein-Raewskij. Dem Kampf gegen den Terror hätten sich nun auch Teile der syrischen demokratischen Opposition angeschlossen – konkret die Syrische Freiheitsarmee.

Ein Schlag gegen den IS

Für den Islamischen Staat, der mittlerweile nach Schätzungen des Wirtschaftsmagazins „Forbes“ als weltweit finanzstärkste terroristische Vereinigung gilt, sei der russische Eintritt in die Kampfhandlungen ein schwerer Schlag gewesen. Erstens greife in den Reihen seiner Kämpfer Fahnenflucht um sich – ganze Bataillone streckten die Waffen. Zweitens habe Russland mindestens 1 200 Tankfahrzeuge vernichtet und damit dem IS den Ölhahn – seine wichtige Finanzierungsquelle – zumindest teilweise zugedreht. „Unseren Schätzungen zufolge gibt es zwar noch weitere neun bis zwölftausend Tankwagen. Dennoch spürt der IS die Verluste deutlich“, glaubt Nadein-Ranewskij.

Unter der Kontrolle syrischer Truppen sind bereits die Provinz Latakia und Teile Aleppos, die Provinz Daraa im Süden des Landes und die strategisch wichtige Stadt Rabija – von einem bald bevorstehenden Ende des Bürgerkriegs zu sprechen, sei jedoch zu früh, meinen die Experten. Der Krieg könnte noch mindestens zwei Jahre dauern. Die syrische Welt sei multipolar. Wenn sich Russland aus dem Konflikt zurückziehen würde, wäre das auch keine Lösung.  

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