„Wir warten auf eine offizielle Entschuldigung der Türkei“

Der Botschafter der Russischen Föderation in der Türkei Andrej Karlow.

Der Botschafter der Russischen Föderation in der Türkei Andrej Karlow.

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Der Botschafter der Russischen Föderation in der Türkei Andrej Karlow erzählt im Interview mit der Nachrichtenagentur Ria Nowosti, was die Türkei nach der Verschlechterung der Beziehungen erwartet, welches Schicksal gemeinsame Energieprojekte haben und wie Ankara die Situation korrigieren könnte.

Über die Zukunft der russisch-türkischen Beziehungen

„Präsident Wladimir Putin hat von Anfang an deutlich gemacht, was wir von der Türkei erwarten. Wir warten auf offizielle Entschuldigungen der Türkei, eine Bestrafung der Schuldigen und eine Entschädigung für den Schaden, der unserem Staat entstanden ist. Die Stellungnahmen von türkischer Seite, dass man den Vorfall bedauere, reichen eindeutig nicht aus.“

„Die wirtschaftlichen Beziehungen zur Türkei entwickelten sich sehr erfolgreich, der Warenumsatz lag bei mehr als 26 Milliarden Euro, bis zu 4,5 Millionen russische Touristen haben die Türkei jährlich besucht. Aber es gibt eine Reihe von Ländern, mit denen sich unsere Beziehungen seit vielen Jahrzehnten nicht weiterentwickeln. Alles verharrt im Status Quo. Ein ähnliches Verhältnis werden wir auch zur Türkei haben, wenn Ankara seine Position nicht ändert.“

Über die Vorwürfe einer Verletzung des türkischen Luftraums durch russisches Militär

„Jedes Mal bitten wir die türkische Seite, objektive Beweise für eine Verletzung des Luftraums vorzulegen. Ich kann eigenverantwortlich erklären: Wir erhalten die Daten nicht. Selbst dann nicht, wenn unser Flugzeug vernichtet wird.“

„Im letzten Fall, am 29. Januar, hat die türkische Seite erklärt, die Nato habe die Verletzung des Luftraums zuerst festgehalten. Wir haben eine Anfrage an die Nato bezüglich objektiver Daten gestellt und wieder nichts erhalten. Wenn diese Daten angeblich geheim sind, dann fragen wir uns: Vor wem werden sie geheim gehalten? Der Vorwurf der Grenzverletzung wird öffentlich gemacht, während man die angeblichen Beweise zur Geheimsache erklärt. Das können wir nicht nachvollziehen.“

Über wirtschaftliche Folgen für die Türkei

„Vielen türkischen Lieferanten wird es schwerfallen, irgendwann wieder auf dem russischen Markt Fuß zu fassen. Vielleicht wird es ihnen nie gelingen, weil ägyptische, israelische, aserbaidschanische und iranische Lieferanten ihren Platz eingenommen haben.“

„Nach den letzten Angaben des Forschungsinstituts Turkish Social, Economic and Political Research Foundation könnte die Türkei beinahe 10 Milliarden Euro wegen der Verschlechterung der Beziehungen zu Russland verlieren. Man kann uns nicht vorwerfen, dass diese Zahlen übertrieben seien. Schließlich stammen sie von der türkischen Seite.“

Über Projekte im Energiebereich

„Das Projekt zum Bau des Kernkraftwerk Akkuyu ist von unserer Seite aus nicht gestrichen, und die Perspektiven einer Realisierung des Projektes sind momentan mehr von der Türkei abhängig. Es gibt eine lange Liste mit Leistungen, die von der Türkei erbracht werden müssen. Was von Russland in der Vorbereitungsphase abhängig war, ist so gut wie erledigt.“

„Russland möchte auch das Pipeline-Projekt Turkish Stream nicht absagen, da aber liegt der Ball in noch höherem Maße auf der türkischen Seite. Wegen der politischen Spannungen und zwei Parlamentswahlen in der Türkei im vergangenen Jahr konnte die türkische Seite die Verhandlungen zu einer Regierungsvereinbarung nicht beginnen. In der jetzigen Situation kann man die Zukunft des Projektes nicht vorhersagen.“

Über Russen, die sich dem Islamischen Staat anschließen wollen

„Die Türkei lehnt eine vollumfängliche Zusammenarbeit mit uns ab. Deshalb können wir keine konkreten Aussagen zu Festnahmen russischer Bürger an der türkisch-syrischen Grenze treffen. Ich kann nur von den Zahlen ausgehen, die der türkische Innenminister Efkan Âlâ genannt hat. Nach seinen Angaben wurden im vergangenen Jahr insgesamt 2 783 Ausländer aus 89 Staaten in der Türkei wegen des Verdachts eines Beitritts zum IS festgenommen. Türkische Medien haben unter Berufung auf eigene Quellen berichtet, rund 100 von diesen kämen aus Russland. Ich glaube, diese Zahl kommt der Wahrheit nahe.“

„Sehr oft wurden Staatsangehörige der Russischen Föderation, denen man einen Beitritt zum IS vorgeworfen hat, von der Türkei nicht nach Russland sondern in solche Drittländer abgeschoben, mit denen wir entweder keine diplomatischen Beziehungen pflegen, wie Georgien, oder bei denen die Beziehungen sehr angespannt sind, wie der Ukraine. Wenn ein Verdächtiger in diese Länder abgeschoben wurde, haben wir keine Möglichkeit, ihn festzunehmen.“

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