Nadeschda Sawtschenko: Agentin im Auftrag des Kremls?

Die ukrainische Pilotin Nadeschda Sawtschenko.

Die ukrainische Pilotin Nadeschda Sawtschenko.

Reuters
Nach ihrem Vorschlag, direkte Verhandlungen mit Vertretern der abtrünnigen Donbass-Republiken aufzunehmen, wurden der vor Kurzem begnadigten und aus russischer Haft zurückgekehrten ukrainischen Kampfpilotin in der Ukraine Verbindungen zum Kreml vorgeworfen. Ist das der Versuch etablierter ukrainischer Politiker, das Erstarken einer potenziellen Rivalin zu verhindern?

Wieder einmal erregt die exzentrische Hubschrauberpilotin Nadeschda Sawtschenko Aufmerksamkeit. Ende Mai wurde sie gegen zwei in der Ukraine verurteilte Russen ausgetauscht und kehrte in ihre Heimat zurück. Nun rief sie überraschend zu direkten Verhandlungen mit Vertretern der selbst ernannten Volksrepubliken im Osten der Ukraine auf.

Unter ukrainischen Politikern sorgte das für Aufruhr, wie Medien berichteten. Direkte Verhandlungen mit Terroristen, wie die Aufständischen in Kiew genannt werden, seien ausgeschlossen, lautet die offizielle Position.

Der lange Arm von Putin

Moskau indes ruft seit Langem zu einem direkten Dialog zwischen Kiew und dem Donbass auf. Grund genug für zahlreiche ukrainische Politiker und Experten, um hinter Sawtschenkos Erklärung die Machenschaften des Kremls zu vermuten.

Der Sprecher des ukrainischen Innenministeriums, Artjom Schewtschenko, führte die Aussage der Pilotin auf eine mögliche Einflussnahme russischer Geheimdienste während ihrer Haft in Russland zurück. Der ukrainische Politologe Alexander Palij geht von Erpressung aus: Der Kreml habe Sawtschenkos Versprechen, eine derartige Erklärung abzugeben, zur Bedingung ihrer Freilassung gemacht.

Doch schon vor Sawtschenkos „schockierender“ Erklärung unterstellten ukrainische Politiker ihr Destabilisierungsabsichten im Dienste Wladimir Putins. „Ich denke Sawtschenko ist inzwischen ein Faktor, an dem man nicht mehr vorbeikommt. Und ich bin mir sicher, dass Putin uns einen Umsturz in der Ukraine untergejubelt hat“, sagte der Rada-Abgeordnete Wadim Rabinowitsch.

Verrückte Verschwörungstheorie

In Russland werden die Versuche, Sawtschenko als eine russische Agentin darzustellen, als haltlos aufgefasst. Wiktor Militarew vom russischen Expertenrat für nationale Strategie, einem nichtstaatlichen Think-Tank, bezeichnete die Anschuldigungen gegen Sawtschenko als eine „verrückte Verschwörungstheorie“. In der Ukraine sei es inzwischen üblich, hinter jedem Ereignis „Moskaus Arm“ zu erkennen, betont der Analyst.

Pawel Swjatenkow vom unabhängigen Institut für nationale Strategie sieht das ähnlich. Die Tatsache, dass Sawtschenko zwei Jahre in russischer Haft verbracht habe, müsse ihr Immunität gegen jedwede Vorwürfe der Kooperation mit der russischen Regierung garantieren, ist er überzeugt.

Auch der oppositionsnahe, russische Politologe Stanislaw Belkowski glaubt nicht an eine russische Einflussnahme. „Diese Art von Politikern – und ich hatte im Verlauf meines Lebens mit vielen Politikern zu tun – kann nur aus Eigen- und nicht aus Fremdinteresse handeln. Daher ist sie keine russische Agentin, wie sehr ihre einzelnen Erklärungen auch mit den von Wladimir Putin erwünschten Aussagen korrelieren mögen“, sagt der Analyst.

Eine Warnung an Sawtschenko?

Die augenscheinlich absurden Vorwürfe gegen Sawtschenko würden jedoch ein durchaus konkretes Ziel verfolgen, meinen russische Beobachter. Sawtschenko sei in einer neuen Funktion in die Ukraine zurückgekehrt: Ihre Erklärung über die Notwendigkeit der Verhandlungen mit Donezk und Lugansk zeuge von ihrem Versuch, ein eigenes Profil als Politikerin herauszubilden, sagt Swjatenkow.

Mit ihrer Erklärung melde sie potenzielle Ansprüche auf eine zukünftig bedeutende Rolle in der ukrainischen Politik an. „Das, was sie vorschlägt, ist eine Alternative zum Regierungskurs Poroschenkos. Zugleich ist dies keine Rückkehr zum Kabinett Janukowitschs. In dieser Qualität ist sie für die heutige Kiewer Regierung durchaus gefährlich“, meint der Experte.

Nach Ansicht Wladimir Jewseews vom Institut der GUS-Länder ist Sawtschenko gegenwärtig „der stärkste Reizfaktor für die ukrainische Regierung. Als Gefangene war sie gefragt. In der Freiheit wird sie nicht gebraucht.“

Vor diesem Hintergrund sind die Vorwürfe gegen Sawtschenko als gewisse Vorwarnung vonseiten des ukrainischen Establishments zu sehen, wie die Analysten erklären. „Das Gerede über den angeblichen ‚Arm des Kremls‘ ist ein Versuch, Sawtschenko zurechtzuweisen, damit sie sich nicht in etwas hineinsteigert. In dieser Form lässt man sie wissen, dass sie sich von bestimmten Bereichen besser fernhält“, ist Jewseew überzeugt.

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