Terroranschlag in Istanbul: Eine Warnung an Russland?

Einige Experten meinen, der Terrorangriff in Istanbul sei die Antwort auf den Versuch Erdoğans, die Beziehungen mit Moskau zu verbessern.

Einige Experten meinen, der Terrorangriff in Istanbul sei die Antwort auf den Versuch Erdoğans, die Beziehungen mit Moskau zu verbessern.

Reuters
Der Terroranschlag am Flughafen in Istanbul ereignete sich zwei Tage, nachdem die Türkei die Normalisierung der Beziehungen zu Israel und versöhnende Worte gegenüber Russland bekannt gab. Gibt es da eine Verbindung?

Bei dem gestrigen Terroranschlag am internationalen Flughafen Atatürk in Istanbul kamen mindestens 41 Menschen ums Leben, mehr als 230 – darunter mindestens ein Russe –, wurden verletzt. Drei Selbstmordattentäter hatten mit Maschinengewehren um sich geschossen und sich anschließend in die Luft gesprengt.

Bisher hat sich noch niemand zu den Angriffen bekannt. Türkische Behörden glauben, dass hinter dem Angriff die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) steckt. Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirimsagte, alle Hinweise deuteten auf eine Verbindung zum IS hin.

Es wird auch vermutet, dass der Anschlag durch Kämpfer der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ausgeführt wurde. Diese separatistische kurdische Organisation gilt in der Türkei, in den USA und in der Europäischen Union als Terrororganisation.

Es geht nicht um Russland, sondern um Syrien

Über die Gründe für den Anschlag wird ebenfalls spekuliert. Der Leiter des Auswärtigen Ausschusses im Föderationsrat, Konstantin Kosatschow, schrieb auf seiner Facebook-Seite, der Terrorangriff in Istanbul sei die Antwort auf den Versuch Erdoğans, die Beziehungen mit Moskau zu verbessern. Experten wiegeln jedoch ab: Das Problem sei vielschichtiger.

Juri Mawaschew, Orientalist und Turkologe sowie Experte im Kaukasischen Geopolitischen Club, unterstreicht: „Der Anschlag – auch wenn kein russischer Bürger dabei umkam – kann nicht als Angriff auf die russisch-türkischen Beziehungen bezeichnet werden.“

So sieht das auch Kerim Has, Experte für Eurasische Politik bei der Internationalen Organisation für strategische Forschung (USAK), einem unabhängigen Analysezentrum in Ankara. „Ich sehe keine direkte Verbindung zwischen dem Angriff in Istanbul und den von Ankara unternommenen Schritten für die Normalisierung der Beziehungen mit Moskau“, sagt Has. Er hat eine andere Erklärung: „Der Angriff ist mit den großen Verlusten des IS in Syrien durch die Koalitionstruppen zu erklären. Die Radikalen wollen die Türkei einschüchtern.“

Gibt es eine Verbindung zu Israel?

Am Montag hatten sämtliche türkische Medien über die Normalisierung der Beziehungen zwischen der Türkei und Israel berichtet – womit eine sechs Jahre andauernde Krise zu Ende ging. Diese wurde im Mai 2010 ausgelöst: Der türkische Konvoi „Freedom Flotilla“, der humanitäre Hilfe in den abgeriegelten Gazastreifen bringen wollte, wurde beim Versuch, die Blockade zu durchbrechen, von israelischen Grenzsoldaten angegriffen. Acht Türken starben. Es wird deshalb vermutet, dass der jüngste Terroranschlag in Zusammenhang mit Israel stehen könnte.

„Es ist nicht auszuschließen“, sagt Mawaschew. „Die neue Situation hätte die Terroristen durchaus dazu bewegen können, den Flughafen von Istanbul anzugreifen. Das gilt vor allem, wenn man die frühere Haltung der Türkei gegenüber all jenen berücksichtigt, die auf der Seite Israels kämpfen. So machen die Terroristen wieder auf sich aufmerksam.“

Die Touristen bleiben trotz Versöhnung aus

Am Tag nach dem Anschlag fand das erste Telefongespräch zwischen Russlands Präsident Wladimir Putin und seinem türkischen Amtskollegen Erdoğan seit dem Abschuss des russischen Kampfjets Su-24 im November letzten Jahres statt. Dieses Ereignis hatte zur Krise in den Beziehungen der beiden Länder geführt.

Putin habe seinem türkischen Kollegen sein Beileid ausgesprochen. Laut einem Sprecher Erdoğans sei das Gespräch produktiv und positiv verlaufen. Die Seiten hätten ein persönliches Treffen vereinbart. „Moskau hatte die Gelegenheit, Ankara Mitgefühl und Solidarität auszusprechen. Das war in diesem Moment angebracht“, sagt Mawaschew.

Has glaubt, dass der Anschlag am Flughafen von Istanbul sich negativ auf das Türkeibild der russischen Bevölkerung auswirken wird. „Russland und die Türkei haben sich allmählich versöhnt. Es bestand die Möglichkeit, dass russische Touristen bald wieder in die Türkei reisen werden. Dieser Anschlag zerstörte jedoch jegliche Hoffnung“, sagte der Experte.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland