Putschversuch: Hat Russland Erdoğan gerettet?

Arabische und iranische Medien berichten, dass der türkische Präsident vom russischen Geheimdienst gewarnt worden sei.

Arabische und iranische Medien berichten, dass der türkische Präsident vom russischen Geheimdienst gewarnt worden sei.

Reuters
Medien zufolge soll der russische Geheimdienst den türkischen Präsidenten vor dem geplanten Militärputsch gewarnt haben. Erdoğan hat zwar eine andere Version. Dennoch lässt sich den Gerüchten eine positive Botschaft entnehmen.

Am Mittwochabend berichteten Medien, dass der russische Geheimdienst den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan vor dem Militärputsch gewarnt habe. So sei es diesem möglich gewesen, die Kontrolle über das Land zu behalten. Bislang sind diese Meldungen nichts weiter als Gerüchte.

Alle Medienberichte beziehen sich auf die große iranische Agentur Fars, die sich ihrerseits auf Meldungen arabischer Medien, unter anderem der sudanischen „Al Sudan Al Youm“, beziehen. Diese wiederum geben anonyme türkische Diplomaten als Quelle an.

Demnach soll der russische Militärgeheimdienst auf der syrischen Basis Hmeimim entsprechende Nachrichten von Soldaten abgefangen und entschlüsselt haben. Der Plan der Putschisten sei gewesen, mit Hubschraubern zu Erdoğans Hotel in Marmaris zu fliegen und ihn dort gefangen zu nehmen oder zu töten. Das russische Verteidigungsministerium habe diese Information an den türkischen Geheimdienst MIT weitergeleitet, was Erdoğan zunächst zur rechtzeitigen Flucht und dann zur Übernahme der Kontrolle verhalf.

Erdoğans Version ist eine andere

Fast zeitgleich mit den Berichten über die angebliche Hilfe aus Russland erzählte der türkische Präsident im Interview mit dem katarischen TV-Sender Al Jazeera aber eine ganz andere Version. Erdogan zufolge habe ihm sein Schwiegersohn vom Putsch erzählt. Zunächst will der Präsident diese Information nicht geglaubt haben, aber nach Konsultationen mit dem Leiter des MIT habe er sich entschieden, Maßnahmen zu ergreifen. Gemeinsam mit seiner Familie habe er Marmaris mit dem Hubschrauber verlassen und sei nach Istanbul geflogen.

Tatsächlich hatte der Geheimdienst MIT bereits am Freitag, den 15. Juli, um 16 Uhr Kenntnis von dem geplanten Militärputsch, wie der Pressedienst der türkischen Streitkräfte bekannt gab – also etwa fünf Stunden vor Beginn des Putsches. Woher er davon erfahren hat, ist allerdings nicht bekannt. Eine mögliche Beteiligung von Russland kommentierten die türkischen Behörden nicht. Dmitri Peskow, Pressesprecher des russischen Präsidenten, sagte, er wisse nichts von einer Benachrichtigung durch den russischen Geheimdienst.

Alles ein politisches Spiel?

Die Wahrheit wird sich wohl nicht ermitteln lassen, meint Wiktor Nadejin-Rajewski, Turkologe am Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften: „Der Geheimdienst wird sich nicht äußern. Niemand wird etwas dementieren oder bestätigen können“, sagte Nadejin-Rajewski RBTH.

Doch für den Experten sind die Gerüchte – unabhängig davon, ob sie wahr oder falsch sind – ein Zeichen, dass die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei auf dem Weg der Besserung sind. „Zurzeit findet ein großes politisches Spiel statt. Diese Meldungen könnten in der Tat ein Teil dieses Spiels sein“, glaubt Nadejin-Rajewski. „Die Gerüchte sind ein guter Schritt für die Verbesserung der Beziehungen, da man zeigt, dass man bei wichtigen Angelegenheiten zusammenarbeitet.“

Die Beziehungen mit Russland seien für den türkischen Präsidenten gerade jetzt sehr wichtig, glaubt der Turkologe. „Erdoğan wird vom Westen isoliert. Deshalb ist er auf die Zusammenarbeit mit Russland angewiesen“, erklärt er. Ein demonstrativer Schritt seitens der Türkei sei auch die Aufnahme von Ermittlungen gegen die zwei Piloten, die am 24. November 2015 einen russischen Bomber über Syrien abgeschossen hatten.

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