Vom Feind zum Freund: Russland und Israel nach 25 Jahren

Benjamin Netanjahu und Wladimir Putin.

Benjamin Netanjahu und Wladimir Putin.

kremlin.ru
Israel und Russland führen beide Militäroperationen in Syrien durch, oft jedoch nicht auf derselben Seite. Und auch in der Palästina-Frage sind sich die Länder nicht einig. Dennoch haben sich die bilateralen Beziehungen in den vergangenen 25 Jahren stark verbessert.

Zuletzt im Juni traf sich der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit Wladimir Putin in Moskau – zum vierten Mal innerhalb von nur neun Monaten. Mit dem Präsidenten der USA, immerhin ein strategischer Bündnispartner Israels, traf der Premier sich dagegen lediglich einmal, und im März ließ er sogar einen Besuchstermin in Washington platzen. Im Gegensatz zu Barack Obama vermochte es Putin, hervorragende Beziehungen zu Netanjahu aufzubauen – der „Tagesspiegel“ bezeichnete sie gar als gutes Beispiel für eine „Männerfreundschaft“ in der Politik.

Moskau hat in den vergangenen Jahren die Zusammenarbeit mit Tel Aviv sehr aktiv entwickelt: Zwischen Russland und Israel wurde der visafreie Reiseverkehr eingeführt (2008) und ein Abkommen zur militärtechnischen Zusammenarbeit (2010) unterzeichnet. Russland kauft heutzutage nicht nur israelisches Obst und Gemüse, sondern auch Militärdrohnen – zu Sowjetzeiten, als der Kreml den Zionismus noch als einen seiner größten Feinde ansah, wäre so etwas undenkbar gewesen. Das bedeutet aber nicht, dass Russland und Israel in allen Punkten miteinander übereinstimmen würden.

Syrische Widersprüche

Netanjahu fliegt nicht nur dank seiner guten Beziehungen zu Putin so oft nach Moskau. Seit dem Moment, als Russland die syrische Militäroperation im September 2015 begann, prallen die Interessen mit den russischen aufeinander. Israel führt, genau wie Russland, Luftschläge in Syrien aus – deren Ziel sind jedoch vor allem die Bündnispartner Moskaus: die Hisbollah und manchmal auch die Armee von Baschar al-Assad. Das Problem besteht darin, dass die russischen Bündnispartner – Assad, die Hisbollah und der Iran – dem jüdischen Staat unverblümt drohen.

„Die Gefahr durch die Bündnispartner Assads für die israelischen Grenzen ist für Tel Aviv deutlich spürbarer als eine hypothetische Gefahr durch eine Machtergreifung der Islamisten in Syrien“, glaubt Irina Swjagelskaja, Professorin am Staatlichen Moskauer Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO) und leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Orientalistik. „Israel ist es nicht recht, dass der Iran und die Hisbollah aktiv in Syrien agieren und dabei militärische Erfahrung sammeln“, fügt die Expertin hinzu. Israel vernichtet unter anderem russische Waffen, die der Hisbollah in die Hände fallen.

Fähigkeit zum Kompromiss

Gleichzeitig versteht Israel nach Meinung Swjagelskajas das Interesse Russlands an der Bewahrung der Staatlichkeit Syriens. Israel würde es wahrscheinlich vorziehen, dass der Westen Assad stürzt, bringt seine Unzufriedenheit aber nicht zum Ausdruck. Andersherum ist es aber genauso: Russland versteht, dass die Sicherheit der Grenzen für Israel das Wichtigste ist, und interveniert deswegen nicht gegen die Vernichtung seiner Waffen, die der Hisbollah in die Hände fallen. Die Luftstreitkräfte beider Länder koordinieren ihr Vorgehen in Syrien reibungslos. 

Doch die Positionen der beiden Staaten sind nicht nur zu Syrien konträr: So unterstützt zum Beispiel Russland, wie die Mehrheit der Weltgemeinschaft, die Gründung eines Palästinenserstaates, der sich die israelische Führung vehement in den Wege stellt. Dennoch führt dies nicht zu einer Missstimmung zwischen den Ländern.

„Inzwischen sind unsere Beziehungen zu Israel derart freundschaftlich, dass wir es uns durchaus leisten können, in einzelnen Fragen miteinander nicht übereinzustimmen – und das ist auch gut so“, kommentiert Swjagelskaja. Bislang ist es Russland und Israel gelungen, für die Wahrung der guten Beziehungen die Widersprüche einfach auszublenden.

Finstere Vergangenheit

So war es aber nicht immer. Während des Kalten Krieges hingen die bilateralen Beziehungen vollständig von der Situation im Nahen Osten ab, als Russland und Israel auf verschiedenen Seiten der Barrikaden standen. Israel war der Bündnispartner der USA, die Sowjetunion dagegen unterstützte im arabisch-israelischen Konflikt die arabischen Länder und die Palästinensische Befreiungsbewegung (PLO).

1967, als Israel im Sechstagekrieg die Armeen der sowjetischen Bündnispartner Ägypten und Syrien zerschlagen hatte, brach die Sowjetunion alle offiziellen Kontakte ab. Moskau forderte von Tel Aviv die Wiederherstellung der Vorkriegsgrenzen und die Anerkennung des Rechtes der Palästinenser auf ihre eigenen Staaten, Israel lehnte dies ab. Erst 1991, nur wenige Monate vor dem Zerfall der Sowjetunion, wurden die diplomatischen Beziehungen wiederhergestellt und die Kontakte ausgebaut.

„Russische Alija“

Ein wichtiger Faktor für die Wiederherstellung der Beziehungen war die Aufhebung aller Hürden für die Repatriierung sowjetischer Juden nach Israel durch Michail Gorbatschow. Ende der Achtziger-, Anfang der Neunzigerjahre wanderten die Menschen während des Auseinanderbrechens der Sowjetunion und der Vereinigung der postsowjetischen Republiken in Scharen aus. Diese Migrationswelle wurde die „russische Alija“ (vom hebräischen Begriff für Repatriierung) genannt. Mittlerweile wohnen in Israel rund 1,2 Millionen Auswanderer aus den postsowjetischen Ländern, die mit ihren 15 Prozent Bevölkerungsanteil einen bedeutenden Faktor bilden.

Der israelische Botschafter in Russland, Zvi Heifetz, bezeichnete die russischsprachigen Bürger Israels als „lebendige Brücke“ zwischen den beiden Ländern. In Israel erscheinen Zeitungen und Zeitschriften in russischer Sprache und russischsprachige Bürger sind selbstverständlich auch in der Knesset, dem israelischen Parlament, vertreten.

Das Leben in der Diaspora

„Alle haben sich daran gewöhnt, dass viele von uns kein Ivrit sprechen, und überhaupt schmoren wir hier im eigenen Saft“, erzählt Xenia Zerkowski, eine Repatriantin aus Moskau RBTH, die im Februar nach Jerusalem gezogen ist. „Aber rein menschlich, scheint mir, hat der Durchschnittsisraeli ein recht gutes Verhältnis zu seinen sowjetischen und postsowjetischen Nachbarn“, fügt sie hinzu.

Zerkowski zählt die Vorstellungen auf, die in Israel von „den Russen“ existieren: Sie seien beflissen, arbeitsam, belastbar und anpassbar sowie in der Regel gut ausgebildet – in Israel wird die sowjetische Bildung geschätzt und russischsprachige Israelis werden gern als Nachhilfelehrer engagiert, selbst wenn sie nicht besonders gut Ivrit sprechen. Doch es gibt auch weniger schmeichelhafte Klischees: Die „Russen“ würden zu viel trinken und ständig fluchen, und die jungen Frauen seien in ihrem Verhalten zu freizügig.

Die russischsprachigen Israelis, sagt die Immigrantin, pflegten immer noch Beziehungen zu den Ländern, aus denen sie stammen, darunter auch zu Russland – denn viele haben dort immer noch Verwandte und Freunde. „In jedem, dem wir beim Abschied von der Gangway des Flugzeugs zuwinkten, haben wir ein Stück von uns selbst zurückgelassen, und ihr Schicksal ist uns natürlich nicht gleichgültig“, erzählt die Repatriantin. Dem stimmt Irina Swjagelskaja zu: „In Israel ist es einfacher, den Kontakt mit Russland aufrechtzuhalten als in jedem anderen Land. Wenn die Leute nach Israel auswandern, leben sie praktisch in zwei Staaten. Das ist sehr reizvoll.“

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