Terrorgefahr: IS ruft erneut zum Dschihad in Russland auf

Der Kreml bekräftigt seine Entschlossenheit im Anti-Terror-Kampf.

Der Kreml bekräftigt seine Entschlossenheit im Anti-Terror-Kampf.

Reuters
Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ ruft seine Anhänger in einer Videobotschaft erneut dazu auf, Anschläge in Russland zu verüben. Als Reaktion darauf bestärkt der Kreml seine Entschlossenheit, den Anti-Terror-Kampf fortzusetzen. Experten indes mahnen, die Gefahr nicht zu unterschätzen.

„Putin, hörst du? Nach Russland kommen wir auch und töten euch“, droht der Maskierte, bevor er zum Dschihad in Russland aufruft. Das Video, das am vergangenen Sonntag bei Youtube hochgeladen wurde, ist laut der Nachrichtenagentur Reuters über einen Telegram-Account der Terrororganisation „Islamischer Staat“ verbreitet worden.

„Derartige Drohungen können Russlands Politik im Terrorkampf nicht beeinflussen“, kommentierte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow die IS-Botschaft. Es sei unnötig, Drohungen von Terroristen, die in die Ecke gedrängt werden, allzu ernst zu nehmen, betonte er.

Warum jetzt?

Terroristen sagen Russland gerade jetzt den Kampf an, weil der Syrien-Einsatz der russischen Luftstreitkräfte den Islamischen Staat empfindlich treffe, erklärt Nahost-Experte Wladimir Achmedow vom Institut für Orientalistik der Russischen Akademie der Wissenschaften. „Man hat den IS kräftig in die Mangel genommen“, unterstreicht der Orientalist: „Je nach Schätzung haben die Terroristen 30 bis 50 Prozent der in Syrien besetzten Gebiete verloren.“

Der Präsident des Internationalen Veteranenverbands der Anti-Terror-Einheit Alpha, Sergei Gontscharow, stimmt Achmedow zu: „Unter dem Druck der Niederlage versucht der IS seinen Terror über die Grenzen Syriens hinaus zu tragen. Ins Fadenkreuz geraten europäische Länder, die Vereinigten Staaten und möglicherweise auch Russland“, sagt der Veteran.

Wie groß ist die Gefahr?

In Russland hat der IS bislang keine großen Anschläge verübt. Die Explosion an Bord des Airbus A321 über der Sinai-Halbinsel im Oktober vergangenen Jahres war das einzige Attentat der Terrororganisation, bei dem viele Russen starben – die Tragödie forderte 224 Tote. Doch Experten appellieren, die Gefahr nicht zu unterschätzen.

„Für den IS kämpfen zwei- bis viertausend russische Bürger, meist Tschetschenen oder Angehörige anderer Nationalitäten des Nordkaukasus“, erinnert Wladimir Achmedow. „Weitere Niederlagen der Terrororganisation in Syrien und im Irak erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass die Terroristen nach Russland zurückkehren, um Anschläge zu verüben“, betont er.

Sergei Gontscharow indes relativiert die Bedrohung. Russland sei für den Terror schwerer zu treffen als Europa, weil „europäische Länder von Flüchtlingen und Migranten überflutet werden“. Unter ihnen seien auch IS-Schläfer, fügt er hinzu, „sie können jederzeit zuschlagen“. In Russland gebe es das nicht, ist der Veteran überzeugt.

Wie geht Russland gegen den Terror vor?

Russlands Spezialeinheiten hätten die Lage insgesamt im Griff, ergänzt Gontscharow. „Unsere Grenzen werden kontrolliert, die Nachrichtendienste haben viele Informationen über die Söldner und Terroristen, die in Syrien kämpfen“, sagt der Insider. „Die russischen Sondereinheiten sind in der Lage, die Rückkehr der Islamisten nach Russland zu verhindern.“

Kurz vor der Veröffentlichung der Drohbotschaft hatte der Direktor des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, Alexander Bortnikow, erklärt, seine Behörde arbeite systematisch an der Prävention von Terroranschlägen. „Die Zahl potenzieller Täter, die der FSB laufend kontrolliert, beläuft sich auf über 220 Personen“, sagte er. Dabei kooperiere der FSB im Kampf gegen den internationalen Terrorismus mit ausländischen Nachrichtendiensten, auch mit den USA.

Und der Kampf müsse trotz aller Drohungen weitergehen, bekräftigt Wladimir Achmedow. Der Einsatz in Syrien sei die einzige Möglichkeit, den IS zu zerschlagen und Anschläge zu verhindern. „Es ist wichtig, den ‚Islamischen Staat‘ nicht nur zu zerbrechen, sondern ihm auch die soziale Basis zu entziehen. Sobald die Terroristen die besetzten Gebiete in Syrien verlieren, wird ihre Popularität schwinden“, glaubt der Nahost-Experte.

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