Putin und Erdoğan: Optimistische Gespräche in Sankt Petersburg

Es gibt große Fortschritte in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit.

Es gibt große Fortschritte in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit.

kremlin.ru
Zum ersten Mal seit einigen Monaten trafen sich der russische und der türkische Präsident wieder zu Gesprächen. Diese liefen besser ab, als die meisten Experten erwartet hatten. Doch es bleiben Baustellen.

Am Dienstag trafen sich Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan zu Gesprächen in Sankt Petersburg – zum ersten Mal seit dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die türkische Luftwaffe im November 2015. Die Analysten, die von dem Treffen große Fortschritte in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern erwarteten, lagen richtig.

Wie der türkische Präsident auf der Pressekonferenz bekannt gab, werden die wichtigsten bilateralen Projekte im Energiebereich wiederaufgenommen und fertiggestellt: der Bau des russischen Kernkraftwerks „Akkuyu“ und die Verlegung der Gasleitung Turkish Stream über den Grund des Schwarzen Meeres. Der Umfang der Projekte betrage mehrere Milliarden US-Dollar, fügte Russlands Präsident Putin hinzu.

Die Experten sind positiv überrascht

Der Bau des Turkish Stream ist für Russland von besonderem Interesse. Diese Pipeline gilt als mögliche Alternative zur Route durch die Ukraine für den Transit von russischem Gas nach Europa. Bisher wird allerdings über den Bau von zwei statt der ursprünglich vier geplanten Röhren verhandelt, die zunächst nur die Türkei und keine weiteren europäischen Länder mit Gas versorgen werden.

Darüber hinaus kündigte Putin an, die Beschränkungen für türkische Unternehmen, die in Russland tätig sind, allmählich aufzuheben. Er sagte zudem, dass der Flugverkehr zwischen Russland und der Türkei bald wiederaufgenommen werden würde. Daran ist vor allem die türkische Tourismusbranche interessiert.

Die Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Beziehungen ging noch schneller voran, als es unter solchen Bedingungen möglich schien, stellt Jelena Suponina, Beraterin des Direktors des Russischen Instituts für Strategische Studien, fest. Die beiden Länder könnten am effektivsten bei den Handelsbeziehungen anknüpfen, deshalb seien diese so wichtig, ergänzt Wladimir Sotnikow vom Institut für Orientalistik der Russischen Akademie der Wissenschaften.

„Ohne Romantik und Illusionen“

Einige Experten bemerken jedoch, dass eine vollständige Rehabilitierung der Beziehungen noch viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Allein in der Bauindustrie hätten türkische Unternehmen 40 bis 45 Milliarden US-Dollar infolge nicht realisierter Verträge verloren. Vieles davon könne nicht mehr rückgängig gemacht werden, sagt Wiktor Nadejin-Ranewski vom Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen an der Akademie der Wissenschaften. Es sei auch nicht ausgeschlossen, dass das Niveau der Beziehungen, das Moskau und Ankara bis November 2015 hielten, nie wieder erreicht wird.

Nach dem Abschuss des Fliegers werde es von der russischen Seite jedenfalls keine Illusionen oder Romantik in Bezug auf die russisch-türkischen Beziehungen mehr geben, meint Wladimir Awatkow, Turkologe und Direktor des Zentrums für Orientalistik, internationale Beziehungen und öffentliche Diplomatie. Jetzt gehe es allein um die Durchsetzung der eigenen Interessen.

Politische Probleme bleiben ungelöst

Im Gegensatz zu den wirtschaftlichen Angelegenheiten sind die politischen Probleme zwischen Russland und der Türkei nicht ganz so einfach zu lösen. Es ist bezeichnend, dass Fragen zu Syrien nicht behandelt wurden. Erst nach der Pressekonferenz sprachen die Präsidenten dieses Thema an. 

Moskau erwarte von Ankara die Schließung der türkisch-syrischen Grenze, damit die Islamisten nicht von türkischem Territorium aus versorgt werden können, erklären die Experten. Unstimmigkeiten wie diese ließen sich nicht leicht klären, meinen die Beobachter. Es sei jedoch möglich, einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Darüber hinaus meint der Turkologe Awatkow, dass Putin und Erdoğan nicht nur Probleme zu Syrien besprechen, sondern auch grundsätzliche Sicherheitsfragen klären sollten. Die Staatschefs müssten Mechanismen finden, Vorkommnisse wie im November künftig zu unterbinden. Davon, so glaubt der Experte, hänge die Zukunft der russisch-türkischen Beziehungen ab.  

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