Sommer in Syrien: Was Russland in den vergangenen drei Monaten erreicht hat

Anfang August präsentierte Sergej Rudskoj, Vertreter des russischen Verteidigungsministeriums, in Moskau eine aktuelle Karte der Militärhandlungen rund um Aleppo.

Anfang August präsentierte Sergej Rudskoj, Vertreter des russischen Verteidigungsministeriums, in Moskau eine aktuelle Karte der Militärhandlungen rund um Aleppo.

AP
Gemeinsam mit der syrischen Armee hat Russland in diesem Sommer Kurs auf Aleppo genommen. Die Rückeroberung der nordsyrischen Stadt könnte den Kriegsausgang entscheiden. Derweil tritt der Syrien-Dialog auf der Stelle.

Eine Offensive gegen die IS-Hochburg Rakka im Osten Syriens starten oder die Kräfte für die Rückeroberung Aleppos – der nach Damaskus größten und wichtigsten syrischen Stadt – bündeln? Vor dieser Alternative standen die syrischen Regierungstruppen und Russland nach der Befreiung Palmyras im März 2016.

Seit 2012 kämpfen syrische Truppen gegen Rebellen und Extremisten im eigenen Land – unter anderem gegen die Dschabhat al-Nusra. Im Juni dieses Jahres startete Assads Armee eine Offensive in der Provinz Rakka. Diese blieb erfolglos und so konzentrierten Moskau und Damaskus ihre Kräfte schließlich endgültig auf Aleppo. Den Kampf um Rakka überlassen sie der US-geführten Koalition und ihren Verbündeten – den überwiegend aus Kurden bestehenden Demokratischen Kräften Syriens.

„Die syrische Armee kann nicht an zwei Fronten kämpfen“

Jewgeni Satanowskij vom Institut des Nahen Ostens ist davon überzeugt, dass sich Moskau und Damaskus richtig entschieden haben. Aleppo öffne den Zugang zum gesamten Norden Syriens und sei der Grundstein für das Kriegsende: „Zwar wird man nach der Rückeroberung der Stadt die Provinz Idlib von den Terroristen befreien und den IS aus der Region Rakka vertreiben müssen“, erklärt der Nahost-Experte. Doch in seiner strategischen Bedeutung sei Aleppo „mit Stalingrad im Großen Vaterländischen Krieg vergleichbar. Es ist die entscheidende Schlacht, die die Wende im Kampf gegen die Extremisten bringen kann“, sagt Satanowskij gegenüber RBTH.

Wladimir Achmedow vom Institut für Orientalistik der Russischen Akademie der Wissenschaften bewertet den Kurs Moskaus und Assads ebenfalls als richtig: „Die Rakka-Operation ist eine Sache der Amerikaner“, sagt der Wissenschaftler. „Durch ihre verantwortungslose Invasion im Irak 2003 haben die USA die Entstehung des IS begünstigt. Deshalb ist es naheliegend, dass sie die Lage wieder geraderücken“, urteilt Achmedow. Zudem verfüge die syrische Armee momentan nicht über die nötigen Kapazitäten, um an zwei Fronten zu kämpfen.

Ziel sind Extremisten

In Aleppo kämpften die Regierungstruppen größtenteils gegen Terroristen, allen voran die Dschabhat al-Nusra, erklärt Satanowskij. Diese stünden dem IS in nichts nach. Das betont auch das russische Verteidigungsministerium. Das russische Militär kritisierte die USA mehrmals dafür, noch immer keine konkreten Informationen über die gemäßigte Opposition bereitgestellt zu haben: „Wir hoffen nach wie vor, von unseren amerikanischen Kollegen die Positionskoordinaten der gemäßigten Opposition zu erhalten. Gerne wüssten wir auch, welche Gestalt diese Einheiten haben“, so der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu in einer offiziellen Erklärung vom 28. Juli.

Der Ausgang der Schlacht um Aleppo bleibt indes offen. Ende Juli gelang es Assads Armee, die von den Terroristen kontrollierten Stadtviertel einzukesseln und die Nachschubwege abzuschneiden. In einer Gegenoffensive schafften es die radikalen Kräfte Anfang August, den Kessel durchzubrechen. Der Kampf geht weiter.

Humanitäre Hilfe könnte Einheit bringen

Begleitend zur Unterstützung der syrischen Regierungstruppen unternimmt Russland Anstrengungen zum Schutz der syrischen Zivilbevölkerung. Nachdem Assads Truppen Aleppo eingekreist hatten, wurden auf Russlands Initiative hin humanitäre Korridore eingerichtet, sodass Hilfe in die Stadt kommen und die Bewohner Aleppo verlassen konnten. Zudem verkündete Assad nach einem Appell des russischen Verteidigungsministers eine Amnestie für alle Rebellen, die bereit seien, ihre Waffen niederzulegen.

Russland trägt auch die UN-Initiative zur Einrichtung einer wöchentlichen 48-stündigen Feuerpause mit. So soll sichergestellt werden, dass Lebensmittel und Medikamente nach Aleppo geliefert werden können. Solche Initiativen stimmten mit der Strategie Russlands in Syrien überein, erklärt Achmedow: „Moskaus zentrales Ziel ist es, die staatlichen Strukturen zu erhalten, die nach dem Kriegsende den Wiederaufbau des Landes tragen sollen“, so der Nahost-Experte. Humanitäre Vorstöße seien ein Weg, die Einheit des Landes wiederherzustellen.

Eine politische Lösung ist in weiter Ferne

Indes spitzt sich die Polemik zwischen Russland und den USA merklich zu. Die beiden Länder sind die wichtigsten Spieler der Genfer Friedensgespräche zur politischen Beendigung der Syrienkrise. Als Reaktion auf die Vorwürfe Barack Obamas, Russland unterstütze ein Killer-Regime, erklärte der russische Vize-Außenminister Sergei Rjabkow, zwischen Russland und den USA gebe es konzeptuelle Unterschiede hinsichtlich Syriens, und Washington habe in seinem Bestreben, Assad um jeden Preis zu stürzen, nichts für die Beendigung des Konflikts im Lande unternommen.

„Natürlich sind die Genfer Gespräche in einer Sackgasse. War das vorher nicht so?“, fragt Satanowskij. „Das einzige Ziel dieses Dialogs ist der Austausch von Argumenten zwischen russischen und westlichen Unterhändlern, deren Positionen diametral auseinandergehen.“ Es gehe darum, Streit zu vermeiden, und zu demonstrieren, dass man im Gespräch sei. Der Dialog zwischen Russland und den USA werde fortgesetzt, erklären die Außenministerien beider Länder.

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