Russlands Nahost-Strategie: Eine Gefahr für den Westen?

V.l.n.r.: Der iranische Präsident Hassan Rohani, sein Amtskollege aus Aserbaidschan Ilham Aliew und Russlands Präsident Wladimir Putin. Sie trafen sich am 8. August 2016 in Baku.

V.l.n.r.: Der iranische Präsident Hassan Rohani, sein Amtskollege aus Aserbaidschan Ilham Aliew und Russlands Präsident Wladimir Putin. Sie trafen sich am 8. August 2016 in Baku.

Aleksey Nikolskyi/RIA Novosti
Russlands Präsident hat in den vergangenen Wochen einige seiner Amtskollegen im Nahen Osten besucht. Wollte er neue Allianzen schmieden, etwa gegen den Westen? Nein, sagen Experten. Russland gehe es nur darum, in der Region Flagge zu zeigen und die eigenen Ziele umsetzen zu können.

Der August war ein reger Monat für Russlands Diplomatie. Bei den vielen Treffen des russischen Präsidenten Wladimir Putin standen der Nahe Osten und die Region um das Kaspische Meer im Fokus. Am 8. August traf er sich mit Ilham Aliyev, dem Präsidenten Aserbaidschans und dem iranischen Staatsoberhaupt Hassan Rohani zum Dreiergipfel in Baku. Am 9. August empfing Putin den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Sankt Petersburg – das erste Treffen der beiden nach einer sieben Monate langen Eiszeit. Tags darauf stattete Putin Armeniens Präsidenten Sersch Sargsjan einen Besuch ab.

Im August überraschte Russland die Weltöffentlichkeit mit der Stationierung von Langstreckenbombern auf der iranischen Luftwaffenbasis Hamadan. Dies war nur ein kurzes Gastspiel, denn wegen einiger Unklarheiten mit den Iranern mussten die russischen Flieger das Feld bald wieder räumen. Doch die Signalwirkung blieb: Hamadan wurde einst von US-Streitkräften genutzt. Im Kaspischen Meer startete die Russische Föderation letzten Monat Manöver.  

Unterstützung für Syrien

Zuvor engagierte Russland sich militärisch in Syrien, nachdem es sich lange Zeit für eine ausschließlich politische Lösung stark gemacht hatte. Das änderte sich jedoch, als Syriens Präsident Baschar al-Assad um Unterstützung durch die russische Luftwaffe im Kampf gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ bat. „Russland verfolgte in Syrien mehrere Ziele. Erstens, die eigene Präsenz erhalten. Zweitens, radikale Islamisten bekämpfen“, erklärt Nikolai Koschanow, Nahost-Experte im Eurasien-Programm des britischen Thinktanks Chatham House.

Nachdem eine russische Militärmaschine während des Einsatzes in Syriens von der Türkei abgeschossen worden war, kam es zur diplomatischen Krise zwischen Russland und der türkischen Regierung. Ankara rechtfertigte den Abschuss mit der angeblichen Verletzung des türkischen Luftraums durch den russischen Kampfflieger. Moskau wies den Vorwurf zurück und zog Konsequenzen: Die Beziehungen wurden eingefroren, gegen die Türkei wurden Sanktionen verhängt.  

Moskau, Ankara, Teheran – ein neues strategisches Dreieck?

Ende Juni lenkte der türkische Präsident ein und entschuldigte sich in einem Schreiben an Wladimir Putin für den Vorfall. Es folgte das Treffen der beiden Staatsoberhäupter Anfang August in Sankt Petersburg.

Das Treffen sorgte für Spekulationen über ein mögliches neues Bündnis zwischen Russland und der Türkei. Und da beide Länder auch eine enge Verbindung nach Teheran unterhalten, wurde der Iran als Dritter im Bunde gehandelt.

Experten erteilen einer solchen Konstellation jedoch eine Absage. „Es wird kein Bündnis geben“, konstatiert Nikolai Koschanow. „Russlands Politik in der Region ist sehr pragmatisch. Moskau setzt auf einen breiten Dialog und gute Beziehungen zu allen. Die Türkei und der Iran verfolgen jeweils ihre eigenen Ziele“, meint der Nahost-Experte. Die Türkei benutze Russland, um den Europäern zu demonstrieren, dass sie sich jederzeit wieder an Moskau annähern könne. 

Auch Igor Istomin, USA-Experte vom Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen, sieht bei den Akteuren des Syrien-Konflikts unterschiedliche Interessen. Deshalb würden die Beteiligten stets lavieren und günstige Kooperationsmöglichkeiten ausloten: „Drei Mächte erheben Führungsanspruch in der Region: Iran, die Türkei und Saudi-Arabien. Moskau versteht das sehr gut“, betont der Experte. Russland versuche es zu vermeiden, sich durch zu enge Kooperation an eine der Regionalmächte zu binden. Moskau brauche keine Verbündeten im Nahen Osten, sondern wolle „auf Abstand gehen und die eigenen Ziele umsetzen“, sagt Istomin.

Keine verstärkte Präsenz im Kaspischen Meer

Im Gegensatz zum Nahen Osten betrachte Moskau die Region um das Kaspische Meer jedoch seit eh und je als eine Sphäre seiner besonderen Interessen. „Russland hat der Kaspischen Region schon immer große Bedeutung beigemessen“, sagt Alexei Fenenko vom Institut für Studien der Internationalen Sicherheit. „Das war ganz besonders in den Neunzigern so, weil Moskau glaubte, die Region sei reich an Öl und Gas. Später hat sich herausgestellt, dass es dort gar nicht so viele Ressourcen gibt.“ Bei der Sicherheit könne von einer verstärkten Präsenz Russlands in der Region keine Rede sein, weil Russland dort schon immer sehr aktiv gewesen sei, betont Fenenko.

Dennoch beobachtet der Westen die russischen Aktivitäten im Nahen Osten und im Kaspischen Meer mit großer Aufmerksamkeit. Sorgen seien jedoch unbegründet, meinen die Experten. „Für Europa ist Russlands Präsenz in der Region keine Gefahr. Wenn überhaupt, dann für die USA – aber auch nur für ihren Status und ihr Ansehen“, erklärt Igor Istomin.  

Zu einer Gefahr in der Region werde Russland allenfalls dann, wenn es ignoriert werde, bemerkt Koschanow. Man müsse mit Moskau reden und die russischen Interessen berücksichtigen. „Ein Teamplayer wird Russland nicht, aber man kann mit Moskau in vielen Fragen kooperieren.“ Das sollte der Westen berücksichtigen.

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