Syrien-Dialog vor dem Aus: So könnte sich der Konflikt nun entwickeln

Der amerikanische Außenminister John Kerry und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow vor Gesprächen in Zürich im Januar 2016.

Der amerikanische Außenminister John Kerry und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow vor Gesprächen in Zürich im Januar 2016.

Reuters
Die USA haben den Dialog mit Russland zur Syrienfrage abgebrochen. Die Gespräche hatten zum Ziel, den Waffenstillstand zu erhalten. RBTH stellt drei Szenarien vor, wie sich die Lage in Syrien nach der Entscheidung Washingtons entwickeln könnte.

Am Montag beendete das US-Außenministerium die Verhandlungen mit Russland über eine Waffenruhe in Syrien und beschuldigte Moskau, seine Verpflichtungen im Rahmen des Waffenstillstandsabkommens nicht eingehalten zu haben. Es folgte ein Gegenschlag der russischen Seite: Laut dem russischen Außenministerium sei Washington bereit, „einen Teufelspakt“ mit islamistischen Extremisten zu schließen – ein Regimewechsel um jeden Preis. 

RBTH erklärt, wie sich die Lage nach dem Abbruch des russisch-amerikanischen Dialogs entwickeln könnte. 

Das 1. Szenario: Militärische Konfrontation zwischen den USA und Russland in Syrien

Ein Verhindern direkter militärischer Konfrontation zwischen den USA und Russland sei das wahre Ziel aller Verhandlungen über Syrien zwischen dem amerikanischen Außenminister und seinem russischen Amtskollegen Lawrow, meint Alexander Perendschiew, Wissenschaftler für Militärpolitik an der Russischen Plechanow-Wirtschaftsuniversität. Dieser Wunsch liege allen Gesprächen zugrunde. Darüber hinaus hätten die beiden Staaten im Fall Syrien nicht sehr viel gemeinsam. Die Entscheidung des US-Außenministeriums könnte einen militärischen Konflikt zwischen den USA und Russland in Syrien auslösen, glaubt Perendschiew. „Zumal dieser Konflikt indirekt schon zustande kam: Amerikaner haben Regierungstruppen bombardiert und russische Militärberater sind Teil dieser Truppen. Russland ist seinerseits militärisch gegen Gruppen vorgegangen, unter denen sich auch Amerikaner befanden“, erklärt der Politikwissenschaftler im Interview mit „Ria Nowosti“. Damit bezieht er sich zum einen auf die jüngsten Angriffe auf Truppen der syrischen Regierung, die von der US-geführten Koalition durchgeführt wurden, sowie auf Mitteilungen über russische Luftangriffe auf einen britisch-amerikanischen Militärstützpunkt in Syrien.  

Das Szenario einer möglichen militärischen Konfrontation zwischen Moskau und Washington gilt dennoch als sehr unwahrscheinlich. Obwohl die USA die Zusammenarbeit mit Russland in Syrien abgebrochen haben, bleiben die Kommunikationswege zwischen den Militärs beider Staaten erhalten. Sie dienen der Vorbeugung von Zusammenstößen amerikanischer und russischer Militärflugzeuge, erklärt Wladimir Sotnikow aus dem Institut für Oststudien der Russischen Akademie der Wissenschaften im Interview mit RBTH. Auf diese Weise versuchten die USA, jegliche Konflikte zwischen beiden Staaten zu verhindern.  

Das 2. Szenario: Der amerikanische Plan B

Der US-Außenminister John Kerry hat bereits mehrfach einen Plan B erwähnt, den er als Alternative für den in eine Sackgasse geratenen Friedensprozess sieht. Laut Alexander Schumilin, Leiter des Zentrums für die Analyse der Nahostkonflikte am Institut der USA und Kanada, sehe der Plan B „die Unterstützung der Opposition im Kampf gegen Assad und den IS“ vor. Der Politikwissenschaftler ist sich sicher, dass dabei sogar solch ominöse Gruppierungen wie die von den Vereinten Nationen und den USA als terroristisch eingestufte Al-Nusra-Front bewaffnet würden. Es wäre ein Versuch, all jene Kräfte zu mobilisieren, die sich gegen Assad stellen. Dies würde wohl aber am ehesten zu mehr Gewalt und mehr Opfern führen, weil Assads Verbündete und vor allem Russland sich nicht zurückziehen würden. Der Pressesprecher des russischen Präsidenten Dmitry Peskow hat bereits bekanntgegeben, dass Moskau trotz der Entscheidung des US-Außenministeriums seinen Kampf gegen den Terror nicht aufgeben werde und die syrische Regierung weiterhin unterstütze.  

Dieses Szenario sähe unter anderem auch einen Regimewechsel vor, den Washington wohl mit aller Gewalt umsetzen würde. Helfen könnte dabei ein Einsatz der Luftwaffe – wie schon einmal in Libyen im Jahr 2011. Damals war das lybische Staatsoberhaupt Muammar al-Gaddafi entmachtet und ermordet worden. Eine direkte militärische Auseinandersetzung mit den russischen Luftstreitkräften sei dabei unvermeidlich, meint Michail Wladimirow vom Zentrum für militär-politische Studien am Moskauer Institut für Internationale Beziehungen. Insgesamt sei dieses Szenario jedoch unwahrscheinlich, weil die USA ein solches Risiko nicht eingehen wollten: Ein offener Konflikt zwischen den Nuklearmächten Russland und USA könnte schwerwiegende Folgen haben. Zudem würde die Unterstützung der Feinde Assads mit Waffen nichts nützen, da die Opposition bereits gut mit Waffen und Geld versorgt sei. Eine zusätzliche Unterstützung würde das Kräfteverhältnis kaum beeinflussen, solange die russische Luftwaffe auf Seiten des syrischen Regimes kämpfe.   

Das 3. Szenario: Assads Truppen erzielen Erfolge

Befreit von den Beschränkungen des Friedensabkommens nach der Entscheidung Washingtons könnten die Truppen Assads mit russischer Unterstützung große Erfolge erzielen. So könnten alle militärischen Gegner aus Aleppo vertrieben werden – trotz deren Unterstützung durch die USA und deren Verbündete. Wenn die syrische Armee die Kontrolle über die wichtige Stadt übernehme, könne sie auch in der Provinz Idlib vorrücken, glaubt Wladimirow. Entscheidend für den Sieg der syrischen Truppen wird die Haltung der sunnitischen Gruppierungen sein. Wenn mindestens ein Teil dieser mit Assad kooperieren würde, dann würde sich eine Lösung des Konflikts abzeichnen. Wenn nicht, müsste Syrien mit weiteren Jahren Bürgerkrieg rechnen.