Migration: Zukunft der EU oder Fluch des 21. Jahrhunderts?

Rhodes Forum
Auch in seiner 14. Auflage war das Rhodos-Forum Schauplatz kontroverser Diskussionen. Dennoch waren sich alle Beteiligten auch in diesem Jahr einig: Nur ein konstruktiver Dialog könne die Probleme unserer Zeit lösen. 


Alle Jahre wieder lädt der ehemalige Chef der Russischen Eisenbahnen, Wladimir Jakunin, zum Rhodos-Forum auf die griechische Insel an der Schnittstelle zwischen Ost und West. In diesem Jahr fand es genau zum Monatswechsel September/Oktober statt. Gemeinsam mit einem indischen Sozialwissenschaftler und einem griechisch-stämmigen US-Unternehmer hob er das „World Public Forum Dialogue of Civilizations“ vor 15 Jahren aus der Taufe, wenige Monate nach dem 9. September 2001, der Kriegserklärung des islamischen Dschihads an die westliche Kultur und Zivilisation.

Ironie des Schicksals? Schon 1998 hatte die UN-Generalversammlung das Jahr 2001 zum Jahr des Dialogs der Kulturen bestimmt. Initiator der Entscheidung war der damalige iranische Staatspräsident Mohammad Chatāmi. Spätestens seit den 1990er-Jahren formierte sich jenseits des Westens der Widerstand gegen die Weltanschauung der Aufklärung, des Materialismus und des Liberalismus.

Auch das Rhodos-Forum ist Teil der geistigen Absetzbewegung vom Hegemonialanspruch des Westens. Wobei sowohl die Konferenzthemen als auch die vertretenen Meinungen ein breites und häufig genug widersprüchliches Spektrum widerspiegeln. Das reicht vom eurasischen Infrastrukturprojekt Neue Seidenstraße bis zur Bedrohung der globalen Zivilisation durch „Neue Barbarei“ oder, wissenschaftlich ausgedrückt, soziale Regression.

Kontroverse Diskussionen bestimmen das Forum

Die Experten waren alles andere als einer Meinung. Etwa zum Thema Migration: Philippe Fargues, Gründungsdirektor des Zentrums für Migrationspolitik am European University Institute in Italien, bekannte sich als eindeutiger Verfechter außereuropäischer Zuwanderung auf den Kontinent. Ganz anders präsentierte sich Vaclav Klaus, Ex-Präsident der Republik Tschechien. Für ihn ist die Massenmigration aus dem Süden der Fluch des 21. Jahrhunderts und die zentrale Bedrohung der europäischen Kultur.

Der Dissens war symbolisch für das diesjährige Rhodos-Forum. Das verleiht dem Ereignis seine Würze. Die mehr als 200 Teilnehmer – viele sind seit Jahren Stammgäste – goutierten es offensichtlich. Das inzwischen 14. Forum führte jedoch vor Augen, in welchem Maße die Welt einen Epochenwechsel durchläuft. Überkommene Unterscheidungen der politischen Lager auf der Rechten und der Linken verlieren an Bedeutung; ursprünglich „linke“ Positionen werden von „rechten“ Politikern vertreten und vice versa.

Aus europäischer Perspektive waren die wesentlichen Themen die Migration und der Islam. Charakteristisch für die Veranstaltung, und das gilt für alle Teilnehmer, war die Zurückweisung vermeintlich universaler und unipolarer Weltanschauungen und Lösungen. Der Forumsgründer und Aufsichtsratschef der 2016 in Berlin ins Leben gerufenen Denkfabrik Dialog der Zivilisationen (DOC), Wladimir Jakunin, beschrieb dies in Bildern. So wie es bei ein und derselben Diagnose unterschiedliche Therapien gebe, so habe die Natur auch verschiedene Bäume und nicht nur einen einzigen Baum hervorgebracht.

Nur der Dialog bringt Lösungen

Wenn die Organisatoren des Rhodos-Forums auf etwas stolz sind, dann auf die multikulturelle Vielfalt der Anschauungen und Meinungen, denen die Veranstaltung als Plattform dient. Wie sehr auch die Ansichten zu politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen voneinander abweichen, so eint alle Teilnehmer die Überzeugung, dass nur der Dialog auf Augenhöhe zu Lösungen führen kann.

Das Rhodos-Forum steht an vorderster Front dieser neuen Vielfalt; der damit einhergehenden Herausforderungen und Komplikationen ist man sich durchaus bewusst. Nicht umsonst lautete das Motto des diesjährigen Forums „The Chaos of Multiplicity – an Urgent Call for Dialogue“. Die Themenstellung enthielt bereits die einzige Lösung, vielleicht auch die einzige Hoffnung in einer immer multilateraleren Welt: den Dialog der Kulturen und Zivilisationen.

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