David Rockefeller: Die Moskau-Reisen des US-Milliardärs

22. März 2017 Alexej Timofejtschew
Der am Montag verstorbene US-Milliardär David Rockefeller engagierte sich für eine Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen zur Sowjetunion – inmitten des Kalten Krieges. Dabei verfolgte Rockefeller zutiefst praktische Interessen: Mithilfe des Ostblocks wollte er die Präsenz seiner Bank Chase (inzwischen JPMorgan Chase) ausbauen.
David Rockefeller
Der Kalte Krieg war für den US-Milliardär kein Hindernis. Quelle:Getty Images

Im Alter von 101 Jahren starb am Montag einer der namhaftesten Milliardäre der Welt: David Rockefeller. Der Abkömmling einer der reichsten US-amerikanischen Familien war durch seine vielzähligen Kontakte mit Politikern der ganzen Welt bekannt. Es wird angenommen, dass er sich mit über 200 Spitzenpolitikern aus mindestens 100 Ländern persönlich getroffen hat.

Das, wie auch das Mitwirken Rockefellers am öffentlichkeitsscheuen Bilderberger Club, die von ihm gegründete Trilaterale Kommission und die anderthalb Jahrzehnte lange Arbeit an der Spitze des Rats für auswärtige Angelegenheiten, bilden bis heute Stoff für Verschwörungstheorien – dem Milliardär wird die Beteiligung an einer vermeintlichen, weltumspannenden Schattenregierung nachgesagt. Wonach der Milliardär aber tatsächlich strebte, illustrieren seine Kontakte zur Sowjetunion.

Dartmouth-Konferenzen

David Rockefeller eröffnete 1973 die erste Filiale einer US-amerikanischen Bank in der Sowjetunion. Seine kommerziellen Interessen stellte der Unternehmer stets über die Politik. / Getty ImagesDavid Rockefeller eröffnete 1973 die erste Filiale einer US-amerikanischen Bank in der Sowjetunion. Seine kommerziellen Interessen stellte der Unternehmer stets über die Politik. / Getty Images

In den Sechziger- und Siebzigerjahren – inmitten des Kalten Krieges – unterhielt Rockefeller aktive Kontakte zu sowjetischen Spitzenpolitikern. Damals war er, einer der Erben des mächtigen Erdölimperiums Standard Oil, gerade an die Spitze einer der größten amerikanischer Banken, der Chase Manhattan (heute JP Morgen Chase), gerückt.

Rockefeller rechtfertigte sich in seinen Memoiren „Bankier im 20. Jahrhundert“: Es sei für das internationale Wachstum einer Bank notwendig gewesen, mit Regimen zusammenzuwirken, die „Gegner demokratischer Prinzipien und des freien Marktes“ waren, jedoch über einen Großteil der Ressourcen auf diesem Planeten verfügten. Zu solchen Regimen rechnete der Milliardär auch die UdSSR.

Es gelang ihm, Beziehungen zu sowjetischen Spitzenpolitikern aufzubauen. Und so wurde die Chase die erste US-amerikanische Bank, die eine Filiale in der Sowjetunion eröffnete.

Die Chase-Dependance wurde 1973 im unmittelbaren Zentrum der sowjetischen Hauptstadt eröffnet. Dem waren zehn Jahre lang recht regelmäßige Gespräche des Milliardärs mit Vertretern der sowjetischen Öffentlichkeit und staatlichen Akteuren der UdSSR vorausgegangen.

Die Treffen fanden im Rahmen der sogenannten Dartmouth-Konferenzen statt, die in den USA und der UdSSR auf Anregung des Präsidenten Dwight D. Eisenhowers durchgeführt wurden. Sie waren dazu bestimmt, das Zusammenwirken der beiden Supermächte während des Kalten Krieges zu fördern. Anfangs dominierten die öffentlichen Vertreter das Format dieser Treffen, aber später, so erfährt man aus den Memoiren Rockefellers, fiel die Wahl auf die Experten.

Ein unverblümtes Gespräch mit Chruschtschow

Die Idee des Treffens zwischen Rockefeller und dem sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow ging, so der Milliardär, vom damaligen UN-Generalsekretär Thant aus. Das Treffen fand 1964 statt, als Rockefeller zu einer der ersten Dartmouth-Konferenzen nach Leningrad reiste. Chruschtschow lud den Milliardär und dessen Tochter zu einem Besuch des Moskauer Kremls ein.

Das Gespräch sei plakativ zum Treffen zwischen dem „Prinzen des Kapitalismus“ und dem „Zaren der ganzen Rus“ stilisiert worden, erinnert Rockefeller in seinen Memoiren. Der Milliarde hatte auch nicht vergessen, dass in der UdSSR nur wenige Jahre zuvor über ihn und seine Familie ein Buch mit dem Titel „Immer bis zu den Knien im Blut, immer über Leichen schreitend“ herausgegeben worden war.

Laut Rockefeller war das Treffen mit Chruschtschow recht ungewöhnlich – „unverblümt, zeitweise angriffslustig, sogar feindselig“. Rockefeller warf Chruschtschow die Vorbereitung und Durchführung von Systemwechseln in Lateinamerika und Asien mithilfe der dortigen Kommunistischen Parteien vor. Der sowjetische Regierungschef entgegnete gereizt, dass Revolutionen durch objektive Ursachen hervorgerufen würden und nicht etwa durch eine Einmischung von außen.

Ungeachtet seines angespannten Charakters hinterließ das Gespräch bei dem amerikanischen Bankier aber nicht das Gefühl persönlicher Antipathie seitens des sowjetischen Regierungschefs. Rockefeller verließ den Kreml mit dem „Gefühl eines großen Respekts gegenüber Chruschtschow“ und dem Gedanken daran, dass die „sowjetische Führung die finanziellen und kommerziellen Kontakte zu den USA verbessern“ werde.

Der Kongress als Störfaktor der Normalisierung

Der Vorsitzende des Ministerrats der UdSSR Alexej Kossygin (rechts) traf sich in den Siebzigerjahren mehrfach mit David Rockefeller (links). / Yuriy Ivanov/RIA NovostiDer Vorsitzende des Ministerrats der UdSSR Alexej Kossygin (rechts) traf sich in den Siebzigerjahren mehrfach mit David Rockefeller (links). / Yuriy Ivanov/RIA Novosti

Rockefeller trat für eine Normalisierung der Beziehungen zwischen den USA und der UdSSR ein. In seinem Buch „Falken und Tauben des Kalten Kriegs“ bezeichnete der sowjetische Organisator der Dartmouth-Konferenzen, das Akademiemitglied Georgij Arbatow, seinen US-amerikanischen Gegenpart als einen intelligenten und reaktionsschnellen Menschen bescheidenen Wesens und scharfen Verstandes.

Rockefeller zählte sich zu den wenigen US-Bankiers, die für eine Ausdehnung des Handels mit Moskau und dessen osteuropäischen Satelliten aussprachen, weil sie auf günstige „politische Folgen“ der Entwicklung dieser Handelsbeziehungen hofften. Dieses wurde im starken Maße, so der Milliardär, durch die 1974 vom Kongress verabschiedete Jackson-Vanik-Änderung torpediert, die die Einräumung der Meistbegünstigungsklausel im Handel zugunsten der UdSSR verhinderte.

In den Siebzigerjahren kam Rockefeller nahezu jährlich in die UdSSR und traf sich dabei mehrfach mit dem Ministerpräsidenten Alexej Kossygin. Der Bankier betonte die wirtschaftlichen Erfolge von dessen Regierung. Am meisten beeindruckte Rockefeller seinerzeit die Moskauer Metro: „Das U-Bahnsystem ist ein wahres Wunder – modern, sauber, komfortabel und preiswert.“

Kossygin wollte eine Ausdehnung der Wirtschaftskontakte zwischen den beiden Staaten und schlug aus heutiger Sicht gar revolutionäre Schritte vor. So schreibt Rockefeller in seinen Memoiren von einer Idee des sowjetischen Ministerpräsidenten, die USA den Bau eines Kernkraftwerks in der UdSSR finanzieren zu lassen, das gemeinsam von den USA und der Sowjetunion betrieben werden sollte.

Gorbatschow und die Rubelkonvertierung

Der Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU Michail Gorbatschow (links) schüttelt bei einem Empfang von Vertretern der Trilateralen Kommission im Januar 1989 dem Co-Vorsitzenden David Rockefeller die Hände. / Vyacheslav Runov/RIA NovostiDer Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU Michail Gorbatschow (links) schüttelt bei einem Empfang von Vertretern der Trilateralen Kommission im Januar 1989 dem Co-Vorsitzenden David Rockefeller die Hände. / Vyacheslav Runov/RIA Novosti

Rockefeller traf sich auch mit Michail Gorbatschow, der mit seinem Charme und seiner ungezwungenen Art einen tiefen Eindruck bei ihm hinterließ. Bei dem Treffen fragte der Bankier den Generalsekretär, wie dieser die sowjetische Wirtschaft „öffnen“ wolle und ob der Rubel konvertierbar werde. Die Antwort blieb der neue sowjetische Führer jedoch schuldig.

Mit Gorbatschow traf der Bankier sich mehrmals, unter anderem 1992, bereits nach dem Untergang der UdSSR. Wenige Jahre zuvor war Rockefeller mit Boris Jelzin zusammengekommen. Der spätere erste russische Präsident besuchte 1989 erstmals die USA und trat im Rat für auswärtige Angelegenheiten auf. Anschließend lud der amerikanische Bankier zu einem Abendessen ein. Rockefeller habe, so erinnert sich der Berater des russischen Präsidenten Lew Suchanow, Boris Jelzin sein Privatflugzeug für Reisen in die USA angeboten.

Rockefeller seinerseits besuchte das postsowjetische Russland im Jahr 2003. Ziel seines Besuchs: die Präsentation seiner Memoiren in russischer Sprache.

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