Hat ein neuer Kalter Krieg begonnen?

Trotz gravierender Unterschiede zur Vergangenheit sprechen immer mehr Politiker und Experten von einem neuen Kalten Krieg. Die altbekannte Rivalität scheint dabei oft als Erklärung für die komplexe Realität der politischen Weltlage zu fungieren. Experten sind sich jedoch einig: Mit dem Konzept des Kalten Krieges lässt sich die heutige Welt nicht mehr erklären.

"Phrasen und Militärbasen: Frieden, Verteidigung, Abrüstung", ein Plakat aus der Kollektion vom Moskauer Künstler Wiktor Goworkow, 1951. / Getty Images"Phrasen und Militärbasen: Frieden, Verteidigung, Abrüstung", ein Plakat aus der Kollektion vom Moskauer Künstler Wiktor Goworkow, 1951. / Getty Images

„Die Sprache der Politiker und hochgestellter Militärs wird immer kämpferischer, die Doktrinen weisen immer schärfere Formulierungen auf… Es lassen sich alle Merkmale eines Kalten Krieges erkennen.“ Dies sagte der letzte Präsident der Sowjetunion Michail Gorbatschow in einem Interview mit der deutschen Zeitung „Bild“.

Im Ergebnis seiner Analyse des Interviews verwies der Politikwissenschaftler Fjodor Lukjanow darauf, dass die Verwendung des Begriffs „Kalter Krieg“ in unserer Zeit nicht immer gerechtfertigt sei. Der Experte relativierte jedoch: „In diesem Fall hat der Ex-Präsident Recht“.

Kalter Krieg damals und heute: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Die größte Gemeinsamkeit des alten Kalten Kriegs mit der derzeitigen Situation besteht in der Verschärfung der geopolitischen Lage in der Welt und der zunehmenden Spannung durch Konflikte in verschieden Teilen der Welt, vor allem in Syrien und der Ukraine.

Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen beiden Perioden: das Fehlen ideologischer Gegensätze zwischen den Ländern. „Damals waren beide Welten mehr oder weniger voneinander isoliert, während heutzutage auf beiden Seiten mehr oder minder die gleiche Weltanschauung vorherrscht“, sagt Mark Galeotti, leitender Wissenschaftler am Institut für Internationale Beziehungen in Prag, gegenüber RBTH.

Und noch ein weiterer Unterschied existiert zwischen der aktuellen Situation und der Lage der Welt in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. „Russland und die USA sind bis heute die größten Atommächte der Welt, aber die Rolle der militärischen Schlagkraft ist in den letzten drei Jahrzehnten in den Hintergrund gerückt,“ sagt Boris Stremlin, Professor für internationale Beziehungen, der sich mit der Geschichte des Kalten Krieges beschäftigt.

„Das Kräfteverhältnis zwischen den beiden Seiten ist nicht mehr ausgewogen, aber noch wichtiger ist, dass es im heutigen internationalen System viele Akteure gibt, die durch die USA und Russland nicht mehr effektiv diszipliniert werden können“, so Stremlin.

Russland und die USA können die internationalen Probleme also nicht mehr überzeugend auf bilateraler Ebene lösen, ohne andere Akteure mit globalem oder regionalem Einfluss einzubeziehen. Die Epoche der Lösungen durch Verhandlungen untereinander ging mit dem Auseinanderbrechen der UdSSR zu Ende. Heute müssen für eine nachhaltige Beilegung von Krisensituationen immer eine Vielzahl interessierter Parteien mit an den Tisch geholt werden. Experten glauben, dass diese Besonderheit der aktuellen Situation gegenwärtig zur Unberechenbarkeit und jenen Risiken führt, aufgrund derer die Menschen unwillkürlich über den Kalten Krieg wie über eine Art Fixpunkt sprechen.

Warum der Begriff „Kalter Krieg“ in den politischen Alltag zurückgekehrt ist

„Die Ironie der Situation besteht darin, dass – auch wenn der Westen die Klischees des Kalten Krieges wiederverwendet, um Russland als Gefahr darzustellen – das Konzept des Kalten Krieges ein palliatives Instrument zur Definition von Fixpunkten in der Welt ist. Diese Welt ist heute allerdings viel verwirrender und unverständlicher als damals“, sagt Anton Fedjaschin, Direktor des Instituts für russische Kultur und Geschichte an der Amerikanischen Universität Washington.

In der heutigen Welt, in der über allem die Terrorgefahr schwebt, „stellt die bipolare Welt des Kalten Kriegs eine Phase der relativen Stabilität dar, in der der Feind erkennbar und durch Diplomatie zugänglich war“, sagt Fedjaschin.

Ungeachtet der aggressiven Rhetorik während des Kalten Krieges hätten die USA und die UdSSR dennoch stets einen gemeinsamen Nenner gefunden, wie man gemeinsam die Welt managen konnte, glaubt Stremlin. „Jetzt liegt der Hauptgrund für das Wiederaufflammen des Konfliktes zwischen den USA und Russland darin, dass niemand weiß, wie die aktuelle Lage kontrolliert werden kann, und das führt zu Spannungen“.

Lukjanow merkt an, dass eine der aktuellsten Fragen der Gegenwart laute: Bedarf es denn wirklich einer neuen Kubakrise, um ein neues System des Eindämmens von Krisensituationen und möglicherweise gar ein neues System zur Interaktion zu entwickeln? Während aber die Wissenschaft über die Notwendigkeit der Zusammenarbeit diskutiert, setzt die Politik ihr Spiel „Kalter Krieg 2.0“ offensichtlich fort.

Die Tu-95: das lauteste Symbol des Kalten Krieges

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