Orenburg: Die Verbindung von Europa und Asien

Orenburg bei Nacht. Foto: Geophoto

Orenburg bei Nacht. Foto: Geophoto

Sie liegt nur fünf Flugstunden von Deutschland entfernt und ist das Tor nach Asien: Orenburg. Nicht nur die Stadt ist sehenswert, auch ihre Umgebung, die so manche Überraschung bereithält.

Das Gebiet Orenburg ist eine eigentümliche geografische Brücke zwischen Europa und Asien. Es liegt nicht nur an der imaginären Grenze zwischen den beiden Kontinenten, hier stoßen auch verschiedene Landschaftszonen aufeinander: Wälder und Steppen, die russische Ebene und das alte Uralgebirge.

Orenburg wurde Ende des 18. Jahrhunderts gegründet. Die Stadt sollte den Aufbau von Handelsbeziehungen mit asiatischen Ländern fördern und eine Festung gegen Nomadenvölker bilden. Die in der Stadt ansässigen Kosaken verteidigten nicht nur die Grenze, sondern waren meist auch Händler. Im Winter wurden Salz und gefrorener Fisch in Zügen nach Moskau und Sankt Petersburg geschafft.

 

Die Stadt

Anders als in den meisten anderen Städten Russlands ist in Orenburg der Herbst sehr mild. Minustemperaturen setzen erst Ende November ein. Der frühe Oktobermorgen empfängt die wenigen Passanten auf Orenburgs Straßen mit einem hellroten Schimmern aus Sonnenstrahlen, das die Dächer des Handelshauses und der Synagoge in sein sanftes Licht taucht. Die morgendliche Atmosphäre in den menschenleeren Straßen eignet sich besonders gut für einen ersten Spaziergang durch die Stadt.

Den historischen Teil von Orenburg kann man ohne Mühe zu Fuß erkunden. Von den Bauwerken des vorrevolutionären 18. und 19. Jahrhunderts ist kaum etwas übrig geblieben. Die vier zentralen, mit Pflastersteinen bedeckten Straßen erzählen die ganze Geschichte Orenburgs. Zu sehen sind der backsteinerne Hof der Artillerie, die schneeweißen frühklassizistischen Bürgerhäuser von Pjotr Rytschkow und Jegor Timschew und das einstöckige gelbe Gebäude des Militärkrankenhauses mit seinem weitläufigen Park, der sich im Herbst in voller Farbenpracht präsentiert. Diese Bauwerke wurden im 18. Jahrhundert, der Zeit der Stadtgründung, erbaut und sind weitestgehend erhalten geblieben.

Der in Gips gemeißelte Lenin und die gusseisernen Vordächer funkeln in der Morgensonne. Den Kern der historischen Altstadt von Orenburg bilden einige Bauwerke aus dem 19. Jahrhundert: Die aus Ziegelstein gemauerte Festung der früheren Hauptwache, in der heute das Museum für Stadtgeschichte untergebracht ist, das Haus der Adelsversammlung, ein reich mit Reliefen bestücktes Gebäude des Spätklassizismus und die eindrucksvolle Karawanserei mit achteckiger Moschee in Form einer baschkirischen Jurte.


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In Orenburg leben viele Nationalitäten nebeneinander. Mit ihren 119 Nationalitäten kann die Stadt mit der kulturellen Vielfalt Europas locker mithalten. Hier sind, so scheint es, alle wichtigen Weltreligionen vertreten. Es gibt über 30 russisch-orthodoxe Kirchen, ein katholischer Dom aus dem 19. Jahrhundert wurde rekonstruiert, die Stadt beherbergt acht Moscheen, eine Synagoge mit einem Vertreter des Hauptrabbinats von Russland, evangelisch-lutherische Kirchen und – in der russischen Provinz eine große Seltenheit – sogar Gotteshäuser der Siebenten-Tags-Adventisten.

Die Stadt wurde nach einem Generalplan erbaut, den Peter der Große abgesegnet hat. Sie ist eine der ersten Städte, die nach Plänen professioneller Städtebauer entstand.

Während des Großen Vaterländischen Kriegs war Orenburg eines der Zentren, in die industrielle Anlagen und ganze Betriebe evakuiert wurden. Orenburg war der Produktionsstandort von Jagdfliegern des Typs Jakowlew und ballistischer Raketen. Nach dem Krieg wurden viele Fabriken umgerüstet für die Fertigung von Staubsaugern, Brutanlagen und Maschinen für die Fleischverarbeitung, die im ganzen Land Absatz fanden. Russen aber verbinden mit Orenburg vor allem das Lied über den „Orenburger Schal", jenes seidige und außerordentlich warme Kleidungsstück aus Ziegenwolle der Region.

Schal für die belgische Königin

 

Im Frühjahr 1958 fand in Brüssel erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg und nach 18-jähriger Unterbrechung die internationale EXPO-Messe statt. Der sowjetische Pavillon wurde damals mit der höchsten Auszeichnung gewürdigt: mit dem goldenen „Stern".

Das Gebiet Orenburg präsentierte in ihm die berühmten Orenburger Schals, die die Große Silberne Expo-Medaille erhielten. Es war ein schneeweißer Orenburger Schal, den man nach dem Ende der Ausstellung der belgischen Königin als Geschenk überreichte. Mitarbeiter der Orenburger Historischen Museums machten den Schal aus der Serie des legendären Jahres 1958 ausfindig. Er ist heute ein Exponat der Dauerausstellung.

 

Die Umgebung der Stadt

In der Umgebung der Stadt gibt es fast mehr zu sehen als in ihr selbst. 70 Kilometer von Orenburg entfernt liegt das Städtchen Sol-Ilezk, direkt an der Grenze zu Kasachstan. Hier befindet sich das weltweit größte Vorkommen von Steinsalz. Sol-Ilezk ist bekannt für seine Salz- und Moorseen. Die Salzseen frieren selbst im tiefen Winter nicht zu. Zwei bis drei Meter unter der Wasseroberfläche bis zum Grund hat das Wasser das ganze Jahr hindurch angenehme Temperaturen. Die Salzkonzentration im Seewasser ist ähnlich hoch wie im Toten Meer. Es gibt hier keine Lebewesen und keine pflanzliche Vegetation.

Moorseen haben anders als Salzseen ganzjährig hohe Wassertemperaturen. Wer tiefer als zwei Meter hinabtaucht, läuft Gefahr, sich zu verbrennen. Sol-Ilesz ist ein berühmtes Moorheilbad, das zu allen Jahreszeiten von Touristen aus Russland und benachbarten Ländern besucht wird.

Ganz in der Nähe von Orenburg befindet sich Orsk, eine durch die fiktive Grenze zwischen Europa und Asien geteilte Stadt. Ihr historischer Teil liegt im asiatischen Teil Russlands, ihre neueren Bezirke sind dem europäischen Teil des Landes zuzuordnen. Vor den Grenzen der Stadt, am Berg

Polkownik, wird der in ganz Russland bekannte bunte Jaspis-Stein gewonnen, der fast alle Farben außer Blau enthält. Erzeugnisse aus dem Orsker Jaspis sind in der Petersburger Eremitage zu sehen, mit dem Stein wurden die Decke des Zarenschlafraums im Moskauer Kreml verkleidet und er schmückt die Moskauer Metrostation Majakowskaja.

In den Dörfern Saraktasch und Scholtoje, hundert Kilometer von Orenburg entfernt, werden die berühmten Orenburger Schals hergestellt. Man kann sie bei einzelnen Meisterinnen dieser Handarbeit oder von industriellen Anbietern kaufen. Wer dem Ökotourismus zugeneigt ist, darf sich keinesfalls den Orenburger Sapowednik entgehen lassen, der direkt an der Grenze zwischen den Ausläufern des Uralgebirges, die zu den ältesten Bergen der Welt zählen, gelegen ist. Die Landschaft ist überwiegend von Steppen geprägt. Man kann das Naturschutzgebiet in einer geführten Gruppe besuchen, Zutritt haben sonst nur freiwilliger Helfer.

 

Souvenirs aus Orenburg

Die bekannten Orenburger Schals werden aus der Wolle einer in der Region beheimateten Ziegenrasse hergestellt. Ein echter Orenburger Schal lässt sich durch einen Fingerring ziehen. Die Schals sind außerordentlich dünn und werden als Schmuck getragen. Es gibt auch „Winterausführungen" mit langem Haar.

Zudem gibt es Schmuck aus buntem Jaspis, der im benachbarten Orsk hergestellt wird.

 

Reisezeiten

In Orenburg herrscht ein ausgeprägt kontinentales Klima. Man kann also Temperaturschwankungen zwischen – 40 Grad Celsius und +40 Grad Celsius messen – und spüren. Der wärmste Monat ist der Juli, am tiefsten sinken die Temperaturen im Januar. Die angenehmste Reisezeit für Orenburg ist Ende Mai bis Anfang Juni, wenn die Steppe blüht.

 

Geografische Lage

Das Gebiet Orenburg liegt im südlichen Ural auf demselben nördlichen Breitengrad wie Deutschland und die Niederlande, etwas nördlicher als Belgien. Seinen Längengrad teilt das Gebiet mit Ländern wie Iran, Kasachstan und Usbekistan. Nach Orenburg gibt es Direktflüge aus Düsseldorf, die Flugzeit beträgt fünf Stunden. Aus anderen europäischen Städten gelangt man über Moskau nach Orenburg.

 

Berühmte, mit Orenburg verbundene Personen

 

Jemeljan Pugatschow, Don-Kosake und Anführer des bekannten Bauernaufstands am Ende des 18. Jahrhunderts, war eine für die russische Geschichte außerordentlich wichtige Figur. Er verteidigte Orenburg bei der Belagerung von 1773 bis 1774.

Alexander Puschkin, berühmtester russischer Dichter und Schriftsteller, unternahm im Jahr 1833 eine Reise nach Orenburg und befasste sich dort mit der Geschichte des Pugatschow-Aufstandes. Nach seiner Reise schrieb Puschkin einen historischen Aufsatz mit dem Titel „Geschichte des Pugatschowschen Aufruhrs" und den Roman „Die Hauptmannstochter". Der Roman wurde in viele Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt, unter anderem von dem Regisseur Viktor Tourjanskij im Jahr 1934 mit „Volga en flammes".

Juri Gagarin, erster Mensch im Weltraum und wahrscheinlich der berühmteste Sohn Orenburgs aus dem 20. Jahrhundert. Der sowjetische Pilot mit Auszeichnung ließ sich an der Ersten Woroschilow-Luftwaffenschule in Orenburg ausbilden.

Mstislaw Rostropowitsch, sowjetischer und russischer Cellist, Pianist und Dirigent, Humanist und Person des öffentlichen Lebens. Die Familie Rostropowitsch wurde 1941 nach Orenburg evakuiert. Hier starb der Vater des Dirigenten, der berühmte sowjetische Cellist Leopold Rostropowitsch. Er fand in Orenburg seine letzte Ruhestätte.

Garri Bardin, russischer Zeichentrickfilmer, geboren in Orenburg. Seinen Schwerpunkt hat er in der Knet- und Puppenanimation. Bardin wurde auf dem Filmfestival in Cannes 1988 mit der „Goldenen Palme" für den Kurzfilm „Fioritures" ausgezeichnet, in dem alle Figuren aus Draht konstruiert sind.