Englischer Stil prägte Moskauer Neugotik

Der gotische Baustil ist für die russische Architektur relativ untypisch, was auch mit seiner vergleichsweise späten Blüte zusammenhängen mag. Die ersten gotischen Gebäude entstanden im 19. Jahrhundert. Liebhabern dieses Architekturstils empfehlen wir folgenden Spaziergang durch Moskau.

Die Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis der Heiligen Jungfrau Maria  Malaja Grusinskaja Uliza, 27, Gebäude 13. Foto: Lori, Alamy / Legion Media, RIA Novosti, ITAR-TASS

1. Station: Die Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis der Heiligen Jungfrau Maria

  Diese Kathedrale wurde im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts errichtet und ähnelt mit ihrer Fassade der gotischen Kathedrale Westminster Abbey. Der Innenausbau dauerte einige Jahre und wurde 1917 abgeschlossen.

Im Jahre 1938, als die sowjetische Anti-Religions-Kampagne ihren Höhepunkt erreichte, wurden alle kirchlichen Besitztümer in der Kathedrale konfisziert. Der Innenraum wurde daraufhin in vier Stockwerke eingeteilt, auf denen man ein Wohnheim einrichtete. Später, im Jahre 1956, zog dann das Forschungsinstitut „Mosspezpromprojekt" in die Kathedrale ein, was einen noch radikaleren Umbau des Gebäudes nach sich zog.

Erst im Jahre 1990, nach einer sechzigjährigen Pause, wurde erstmals wieder ein Gottesdienst gefeiert und zwar auf den Stufen der Kathedrale. Heute stehen die Türen der Kathedrale für jedermann offen. Man kann also nicht nur die äußere Pracht genießen, sondern auch einem Gottesdienst beiwohnen. Dieser wird in der Kathedrale übrigens mehrsprachig wie beispielsweise in Englisch, Französisch, Spanisch, Koreanisch und Vietnamesisch abgehalten. Zusätzlich dazu finden innerhalb der kirchlichen Mauern jährlich mehr als 100 Konzerte für Kirchen- und klassische Musik statt. Tickets für dieses Ereignisse der besonderen Art kann man ganz einfach entweder im Internet (leider aber nur auf Russisch) oder eine Stunde vor Konzertbeginn an der Kasse in der Kirche erstehen.

 

2. Station: Das Herrenhaus von Sawwa Morosow

Das Herrenhaus von Sawwa Morosow (Uliza Spiridonowka, 17)  Foto: Lori, Alamy / Legion Media, RIA Novosti, ITAR-TASS

Um das extravagante Leben des Sawwa Morosow, einer der berühmtesten Mäzene des reichen Unternehmergeschlechts der Morosow, ranken sich in Moskau einige Legenden. So soll angeblich sein Herrenhaus in der Spiridonowka Straße, welches im neugotischen Tudor-Stil eines englischen Schlosses errichtet wurde, eine wesentliche Rolle bei der Erlangung seines Ruhms gespielt haben.

Morosow, der in seinen Jugendjahren Chemie in Cambridge studiert hatte, war von der englischen Gotik begeistert. Im jungen Architekten Fjodor Schechtel, der von der Romantik des Mittelalters äußerst angetan war, fand er einen Gleichgesinnten. Er beauftragte ihn mit der Planung eines Herrenhauses als Geschenk für seine Frau Sinaida.

Der Bau des Hauses dauerte mehrere Jahre. Schon bald nach der Fertigstellung dieses in Moskau noch nie dagewesenen Kunstwerks wurde es zu einer der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt und verhalf Schechtel zu Ansehen und Erfolg. Jahre später, nach dem Selbstmord Morosows, der die Revolution von 1905 nur schwer ertragen hatte, verkaufte seine Frau Sinaida das Herrenhaus.

Morosows Anwesen ging nicht nur in die Architektur-Geschichte ein, sondern hatte auch für die Geschichte der Literatur eine Bedeutung. Man glaubt nämlich, dass Michail Bulgakow dieses Herrenhaus in seinem Roman „Der Meister und Margarita" beschreibt, und zwar in jener Szene, wo die Romanheldin sich in einen Hexe verwandelt und aus einem Fenster im zweiten Stock fliegt.

Heutzutage dient das Herrenhaus als Gästehaus Empfangshaus für das Außenministerium, in das vor allem die politische Elite eingeladen wird. Daher ist es für Menschen, die nichts mit großer Politik zu tun haben, leider nicht mehr möglich dieses zu besichtigen. Früher war es nämlich noch auf der Liste jener Gebäude und Museen, die man am Tag der Museen besuchen konnte, doch mittlerweile ist es für die Öffentlichkeit längst nicht mehr zugänglich.

 

3. Station: Die lutherische St. Peter-und-Paul-Kathedrale (Starosadskij Pereulok, Haus 7, Gebäude 10)

Die lutherische St. Peter-und-Paul-Kathedrale (Starosadskij Pereulok, 7, Gebäude 10). Foto: Lori, Alamy / Legion Media, RIA Novosti, ITAR-TASS

Eine weitere Perle des „gotischen Moskaus" ist die evangelisch-lutherische St. Peter-und-Paul-Kathedrale in der Gasse Starosadskij Pereulok. Sie ist eine der zwei noch funktionierenden lutherischen Kirchen sowie eine der ältesten lutherischen Gemeinde-Kirchen Russlands. Der Bau des gotischen Gotteshauses begann im Jahre 1817 und wurde vom preußischen König Friedrich Wilhelm III sowie von Zar Alexander I finanziert. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Kathedrale mehrmals umgebaut. So wurde sie beispielsweise mit der steigenden Zahl an Gemeindemitgliedern immer wieder ausgebaut. 1936 kam es jedoch dazu, dass die Gottesdienste eingestellt wurden, und nur drei Jahre danach ließ man in den Räumlichkeiten der Kirche ein Kino einrichten. Die Folge davon war, dass der gesamte Innenraum des Gebäudes zerstört und seine Turmspitze zurückgebaut wurde.

1991 wurde der Kirche, genau wie vielen anderen Gotteshäusern in Russland, wieder neues Leben eingehaucht. Man begann mit umfassenden Restaurationsarbeiten an der Fassade des Gebäudes, die bis 2010 andauerten, sowie mit der Rekonstruktion des Interieurs, die bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Aus diesem Grund werden zwischen den Orgelkonzerten, die dort regelmäßig veranstaltet werden, immer wieder Pausen eingelegt. Interessierte können auf der russischen Webseite die Konzerttermine eingesehen und Tickets, die zwischen 15 und 30 Euro kosten, erstehen.

 

4. Station: ZUM 

Das Einkaufszentrum ZUM (Uliza Petrovka, 2). Foto: Lori, Alamy / Legion Media, RIA Novosti, ITAR-TASS

Wer seine Besichtigung gotischer Architektur in der Hauptstadt mit einer entspannenden Shoppingtour kombinieren möchte, der sollte auf jeden Fall das in Moskau zu den berühmtesten Einkaufzentren zählende „Zentralny Universalny Magasin" ZUM besuchen.

Das sechsstöckige Gebäude an der Ecke Petrowka Straße und Teatralny Ploschad wurde 1908 von den Kaufleuten Andrew Muir und Archibald Mirrielees speziell für ihr Handelsunternehmen „Muir and Mirrielees" errichtet. Bei dessen Bau wurde eine neugotischen Fassade zu Werbezwecken verwenden. Das Einkaufszentrum ZUM (manchmal auch TSUM genannt) sollte sich dadurch nicht nur von den umliegenden Gebäuden, die im klassischen Stil erbaut wurden, abheben, sondern sollte seinen Kunden auch für immer im Erinnerung bleiben.

Interessant ist auch, dass bei der Errichtung des ZUM erstmals in Russland Stahlbeton verwendet wurde. Diese neue Bauweise ermöglichte es den Architekten, durch dünnere Wände mehr Gewerbeflächen zu schaffen und durch neuartige Metallfenster eine bessere Beleuchtung der Räumlichkeiten zu gewährleisten.

Doch das Bauwerk überzeugt auch mit Beständigkeit. In seiner Geschichte verlor das Einkaufszentrum nämlich niemals seine wirtschaftliche Bedeutung. Das heißt, dass in ihm auch während des Zweiten Weltkriegs eingekauft werden konnte. Heute zählt das ZUM zu den wichtigsten Modemeilen der Stadt – im Einkaufszentrum sind über 1000 Mode-, Parfum- und Juweliermarken vertreten.

 

5. Station: Die Anglikanische Kirche des Heiligen Andreas (Wosnesenskij pereulok, 8, Gebäude 2)

Die Anglikanische Kirche des Heiligen Andreas (Wosnesenskij pereulok, 8, Gebäude 2). Foto: Lori, Alamy / Legion Media, RIA Novosti, ITAR-TASS

Die erste anglikanische Kapelle in Moskau wurde erst im Jahre 1827 erbaut. Viele Jahre später, 1884, errichtete dann der britische Architekt Richard Knill Freeman an deren Stelle eine einschiffige Kirche aus Ziegelsteinen, die noch bis heute in der Gasse Wosnesenskij pereulok bestaunt werden kann. Auf das Drängen der Schotten hin, die zu dieser Zeit die geachtetsten und reichsten Mitglieder der britischen Gemeinde in Moskau waren, wurde die neue Kirche zu Ehren des heiligen Apostels Andreas, des Nationalheiligen der Schotten, geweiht.

Zur Zeit der Oktoberrevolution von 1917 diente der Kirchturm den Bolschewiken dazu, mittels dort aufgestellten Maschinengewehren das Vorankommen der Truppen zu verhindern, welche für die Übergangsregierung kämpften. Nach der Oktoberrevolution ereilte die Räumlichkeiten und deren Reliquien ein schwerer Schlag: sie wurden fortan als Lager und Wohngemeinschaften benutzt. 1960 richtete man dann dort noch das Tonstudio „Melodija" ein. Erst 1991 durften in der Kirche wieder Gottesdienste abgehalten werden.

Heute finden dort die Gottesdienste nur in englischer Sprache statt. Dafür werden aber jeden Donnerstag und Sonntag in der Kirche Orgelkonzerte veranstaltet, die einem wohltätigen Zweck dienen und für alle Interessierten zugänglich sind. Und obwohl die Orgel, mit der sich die Kirche einst, vor der Oktoberrevolution, rühmte, die sowjetische Epoche nicht überstanden hat, ist der Kirche zumindest ihre einmalige Akustik erhalten geblieben. Diese wird von Solisten der Philharmonie und des Bolschoi Theater, die dort vor den Gemeindemitgliedern und zahlreichen anderen Gästen in musikalischer Begleitung einer elektronischen Orgel auftreten, hoch geschätzt. Wer sich Tickets für die musikalischen Highlights in der Moskauer St. Andrew's Anglican Church sichern möchte, der kann das auf der englischen Webseite machen.