Kurische Nehrung: Nationalpark setzt auf Umwelt-Tourismus

Die Kurische Nehrung für Touristen erschließen und gleichzeitig als Naturparadies bewahren, das klingt nach Quadratur des Kreises. Der Nationalparkdirektor glaubt, die Gratwanderung könne gelingen.

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Still ist es um diese Jahreszeit auf der Kurischen Nehrung, nur wenige Besucher zieht es bei Eis und Schnee auf die berühmte Landsichel zwischen Ostsee und Haff. Noch weniger Gäste verirren sich jetzt in den Museumskomplex nördlich von Lesnoj. Die einstige Parteidatscha unter den alten Kiefern am Haffufer wirkt an manchen Tagen wie verlassen. Doch die Ruhe täuscht.

In der ersten Etage, Sitz der Nationalpark-Direktion, hat die neue Saison längst begonnen. Das Projekt für den seit Jahren geplanten Radweg liegt in den letzten Abstimmungen, „endlich", sagt Nationalpark-Chef Anatoli Kalina. Die Trasse soll von Selenogradsk am südlichen Ende der Nehrung, wo auch der Nationalpark beginnt, bis an die litauische Grenze verlaufen und dort an den Fahrradweg in Richtung Klaipeda anschließen - als Etappe der Internationalen Rad-Route EuroVelo Nr. 10, die einmal um die gesamte Ostsee führt.

Eigentlich sollte eine separate und sichere Strecke für Radwanderer auch auf russischer Seite der Nehrung längst fertig sein, doch das Planungsverfahren ist umständlich und zieht sich. Bauprojekte in Naturreservaten sind ein schwieriges Terrain, wenn alles seinen offiziellen Gang geht. Kalina hofft, dass das Genehmigungsverfahren in diesem Jahr zum Abschluss kommt, damit der Radweg 2014 gebaut werden kann. „Von der touristischen Seite her ist es eines unserer wichtigsten Vorhaben."

Einer gegen alle

Seit drei Jahren leitet Anatolij Kalina Russlands kleinsten Nationalpark. Anfangs machte er vor allem durch sein hartes Durchgreifen im eigenen Laden Schlagzeilen und zog sich den Zorn von Umweltorganisationen zu, als er auf einen Schlag acht Ökologen und Naturschutzmitarbeiter entließ.

Der neue Direktor wolle die Nehrung nun vollends für die Baulobby und den Tourismus öffnen, wetterte Greenpeace und forderte die Absetzung Kalinas. Der 36-jährige ließ sich nicht beirren. Bald begann er ebenso energisch gegen die illegale Bebauung vorzugehen, setzte Investitionen in Infrastruktur und Besucherservice durch.

Im vorigen Jahr wiederum brachte er die Kaliningrader Touristikbranche gegen sich auf, als er die Akkreditierungspflicht für Reiseleiter einführte mit dem Ziel, die ausufernden Zahl der Nehrungs-Reisegruppen zu begrenzen und zu kontrollieren, wie er sagt. „Wir müssen den Tourismus im Nationalpark besser organisieren, damit die Nehrung keinen Schaden nimmt", sagt er.

Natur-Campingplatz entsteht

Kalina, von Beruf Jurist und Absolvent der Kaliningrader Polizeihochschule, versteht sich als Verwalter. Wie ein Biologe oder „Grüner" zu wirken, die Mühe gibt der Mann sich erst gar nicht. Auf seinem Schreibtisch steht kein Fernglas, sondern ein Karate-Pokal.

Kalina sieht den Nationalpark in einer „komplexen Entwicklung", will mit seinem Team auf der Halbinsel der Wanderdünen einen Tourismus fördern, der Flora, Fauna und eine einzigartige Küstenlandschaft bewahren hilft – was schwer genug ist in einem so fragilen Ökosystem.

Derzeit bauen seine Arbeiter einen kleinen Naturcampingplatz am alten Möwenbruch nahe des Fischerdorfes Rybatschi, einst als Rossitten berühmt für seine Vogelwarte. Der Zeltplatz, mit dem Nehrungsbaustoff Holz erreichtet, wäre nicht nur der erste seiner Art im Gebiet Kaliningrad, er soll auch ein Beispiel sein für einen sanften, gelenkten und umweltverträglichen Tourismus.

Und so ziemlich das Gegenteil jenes von Moskau und der Kaliningrader Wirtschaftslobby protegierten Großangriffs namens „Touristisches Erholungszone Kurische Nehrung", die auf die Landzunge vor allem große Hotelkomplexe vorsah, einige höher als die Wanderdünen, dazu luxuriöse Vergnügungstempel für eine zahlungskräftige Großstadtklientel mit Swimmingpools und Spielautomaten. Das Thema sorgte auch auf litauischer Seite für Unruhe, der Status des UNESCO-Weltnaturerbes wäre für die Nehrung mit solchen Hotelburgen ernsthaft in Gefahr gewesen.

Hotel-Gigantomanie ist Geschichte

Das Projekt „Erholungszone", als Projekt 2007 vom damaligen Gebietsfürsten Georgi Boos ausgerufen, hat man im vorigen Jahr endgültig zu Grabe getragen – ähnlich ging es zuvor bereits der Schnapsidee von einer Casino-Stadt an der Bernsteinküste, als „Las Vegas an der Ostsee" bekannt geworden. Es fanden sich keine Investoren.

Anatoli Kalina fiel ein Stein vom Herzen, als die Regierung in Moskau das großtouristische Experiment im Nationalpark für gestorben erklärte. „Es passte in keiner Phase der Planungen zum Charakter der Kurischen Nehrung und hätte allein durch die erwartenden Gästezahlen das ökologische Gleichgewicht ernsthaft gefährdet. Schon heute haben wir durch die steigende Zahl von Touristen und Badegästen große Probleme, den Schutz der Natur zu gewähren."

In der Tat: Die Kurische Nehrung wird immer beliebter, nicht nur unter Touristen aus Kernrussland, sondern auch bei den Kaliningradern selbst. Die Zahl der Besucher hat sich seit 2007 fast verdreifacht. Das Problem: Die meisten kommen per Auto.

Daran ändert auch das „Eintrittsgeld" nichts, das am Schlagbaum bei Selenogradsk und am Grenzübergang als ökologische Gebühr zu entrichten ist – derzeit sind pro Auto 300 Rubel fällig, etwa 7,50 Euro. Trotzdem bilden sich im Sommer vor allem an den Wochenenden lange Warteschlangen vor den Kassenhäuschen, bis zu 1.500 Autos pro Tag säumen die Nehrungsstraße kilometerweit.

„Viele Besucher kommen zum Baden", weiß der Nationalpark-Direktor. „In den Kurorten Selenogradsk und Swetlogorsk gibt es wegen der Stürme und dem mangelnden Küstenschutz kaum noch Strand, auf der Nehrung ist er breit und sauber. Das lockt natürlich."

Tourismus und seine Schattenseiten

Kalina kann das verstehen. Seine Verwaltung verdient ganz ordentlich dran. Doch er sieht auch die Folgen des Besucheransturms. Die Leute liegen nicht nur in der Sonne, auch die Schönheiten der Natur haben sich herumgesprochen und locken ein neugieriges Publikum auf die insgesamt sieben ausgeschilderten Wanderwege zwischen dem Königswald und der berühmten Epha-Düne.

Nicht jeder Besucher verhält sich so, dass es gut ist für die Küstenwildnis. Der „Tanzende Wald" etwa, skurril und mit nicht recht erklärbar verdrehten Kiefernstämmen, hat unter den Touristen derart gelitten, dass der Nationalpark-Chef schon ernsthaft erwog, den Lehrpfad zu sperren.

„Die meisten Leute sind vernünftig, aber einige eben nicht, die klettern auf die Bäume und lassen sich mit den Stämmen fotografieren, obwohl wir das untersagen und Absperrungen aufgestellt haben. Auf die Dauer richtet dieser Unsinn großen Schaden an, man kann sagen, dass der Tanzende Wald inzwischen zum Teil zerstört ist. Das ist traurig, aber wahr", sagt Kalina.

Mehr Kontrollen, mehr Ranger

Darum will er in diesem Jahr die Kontrollen verschärfen und speziell ausgebildete Ranger einstellen, wie es sie auf der litauischen Seite des Parks längst gibt. Die Nationalpark-Ranger sollen nicht nur die ausgewiesenen Wege im Auge haben, sondern vor allem auch die abseits der Routen selbst mitten in den Schutzzonen wild durch die Botanik wandernden Naturfreunde.

Besonders beliebt, trotz strengen Verbots, ist diese Unsitte auf den Wanderdünen – doch gerade da wirkt das wilde Getrampel besonders zerstörerisch: Jeder Schritt entlang der Dünenhänge lockert mehrere Tonnen Sand. Aber auch in den Kernzonen des Nationalparks wie zwischen Rybatschi und der Epha-Düne sollen die Ranger darauf achten, dass Adler und die letzten Nehrungselche dort ihre Ruhe haben. Die so genannten „Sapowedniki" sind für Menschen tabu.

Zugleich sieht Anatoli Kalina die Ranger auch als Ansprechpartner für Besucherfragen, sie sollen spezielle Exkursionen leiten und praktische Naturschutzarbeiten können – so wie das etwa in deutschen Nationalparks praktiziert wird.

Kalina hat sich etliche Reservate zwischen Rügen und dem Bayerischen Wald angesehen. „Wir wollen hier nicht alles über Kontrollen und Verbote regeln, aber ohne geht es eben auch nicht." Auch die Sanktionen würde er gern auf europäisches Niveau anheben, „über die Geldstrafen, die wir hier bei Verstößen kassieren dürfen, lächeln doch viele unserer Landsleute nur. Bewirken können wir damit leider nichts."

Schiffstouren zu den Wanderdünen

Gelenkte Angebote für ein Naturerlebnis aus nächster Nähe und doch mit gebotenem Abstand – so soll die Balance zwischen Tourismus und Ökologie gelingen. In diesem Jahr plant der Nationalpark die Ausflugsschifffahrt auf der Haffseite auszubauen, von Rybatschi aus sollen im Sommer Dampfer zu Fahrten entlang der Haffküste ablegen – für den schönsten Blick auf die „schlafenden Riesen", die Wanderdünen. Die Touren waren schon in der Vorkriegszeit beliebt.

Auch eine weitere Tradition will Kalina auf die Nehrung zurückholen, zumindest in der Erinnerung: die große Zeit des Segelflug. Der russische Parkdirektor hatte großen Anteil daran, dass am 11. August vorigen Jahres ein historischer Gleiter vom Typ SG-38 auf der Nehrung abheben durfte und ein Stück längs der Dünenkämme flog – zum ersten Mal seit 1945 und in die Luft gebracht via Gummiseilstart, wie vor 80 Jahren.

Museum soll an Flugschule erinnern

Die Gemeinschaftsaktion deutscher, russischer und litauischer Segelflug-Enthusiasten, maßgeblich initiiert vom deutschen Vintage Glider Club (VGC), fand ein großes Echo in den regionalen Medien und brachte Kalina auf eine Idee: An historischer Stelle der alten Fliegerschule nördlich von Rybatschi soll nun ein Museum entstehen, das die Erinnerung an die großen Erfolge und Dauer-Weltrekorde der Segelflugpioniere auf der Nehrung lebendig hält.

Im Museum bei Lesnoj hat der Nationalparkchef bereits eine neue Abteilung einrichten lassen zur Segelfluggeschichte auf der Nehrung. Mitten im Saal, von Wand zu Wand reichend, steht dort das schönste Exponat, überreicht im vorigen Sommer von VGC-Präsident Harald Kämper: das „Grunau Baby", eins der legendären Segelflugzeuge der Vorkriegszeit.

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