Öltourismus in Sibirien

Der durchschnittliche Preis einer eintägigen „Öl-Tour" liegt bei 25 Euro pro Person. Foto: Pressebild

Der durchschnittliche Preis einer eintägigen „Öl-Tour" liegt bei 25 Euro pro Person. Foto: Pressebild

Im Autonomen Kreis der Chanten und Mansen, der über große Öllagerstätten verfügt, erfreuen sich „Öl-Touren“ einer wachsenden Beliebtheit. Ausgangspunkte der Ölexkursionen für Touristen sind Surgut, Nischnewartowsk, Neftejugansk und Chanty-Mansijsk.

Die Touren schließen den Besuch von Erdölförderbetrieben großer russischer Konzerne, wie Surgutneftegas, Rosneft oder Lukoil, die Besichtigung von Bohrtürmen sowie einen Schnellkurs in einer Schule für das Bohrpersonal mit ein. Dort lernen die Touristen Grundbegriffe der Erdölkunde kennen, machen sich mit dem Prozess der Gewinnung des „schwarzen Goldes" vertraut und erfahren zugleich Wissenswertes über die Geschichte der Erschließung Sibiriens. Nach dem „Lehrgang" dürfen die Touristen eine Pumpe in Betrieb setzen oder einen Hebel betätigen. Die Teilnehmer sind außerdem eingeladen, Workshops zu besuchen, ein improvisiertes „Mittagessen für Erdölarbeiter" zu sich zu nehmen oder auch einschlägige Souvenirs, wie etwa ein Fläschchen „echtes" Erdöl zu erwerben.

Im Autonomen Bezirk der Chanten und Mansen leuchten hunderte Fackeln. In den Lagerstätten wird das bei der Erdölförderung austretende Erdgas verbrannt. Nach dem Prinzip der Gasherde: damit das Gas sich nicht staut und explodiert, muss es brennen. Es wäre logisch, das Erdgas zu verkaufen, aber bislang kosten seine Trennung und Reinigung mehr, als es einbringen könnte. So wird potentielles Geld buchstäblich durch den Schornstein hinausgejagt. Spektakulär und majestätisch.


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Zu Besuch in der Bohrmeisterschule

Auf dem Lehrgelände der Bohrmeisterschule TNK-WR in Nischnewartowsk gibt es praktisch alles. Von einer gigantischen 1000 Tonnen schweren Bohranlage bis zu Pumpen, Tiefpumpen und Ölleitungen. Alle hier zur Schau gestellten Mechanismen lassen sich „einschalten", so dass beobachtet werden kann, wie sie funktionieren.

„Das Abteufen eines Bohrloches kann zwei Wochen bis zu einem Jahr lang dauern. Das hängt von der Tiefe der Erdöllagerung und weiteren Faktoren ab. Bei uns in Jugorien lagert das Öl etwa 2,5 Kilometer unter der Erde. Um

1965 brach im Gebiet des Sees Somotlor eine Ölfontäne an die Oberfläche. Das war der Beginn einer neuen Epoche Jugoriens, Westsibiriens und der Sowjetunion.

Es gibt Länder mit größeren Ölvorkommen, aber Russland ist nach wie vor der Spitzenreiter hinsichtlich des Umfangs der Förderung.

57% des russischen „schwarzen Goldes" kommt aus Jugorien. In dieser Region werden 7% des weltweit geförderten Erdöls gewonnen.

nicht mehrere Löcher zu bohren und jedes Mal den ganzen Bohrturm versetzen zu müssen, wird oft horizontal gebohrt", erläutert ein Mitarbeiter der Schule den Prozess knapp.

Die Schule selbst ist kein touristisches Objekt, sondern eine echte Schule für zukünftige und bereits ausgebildete Erdölarbeiter. Die einen lernen hier das ABC des Berufes, die anderen qualifizieren sich weiter. Auf dem Lehrgelände finden Praxiskurse statt, es ist praktisch ihr „Labor". Normalbürger kommen hier nicht hin. Die Chanty-Mansijski AG jedoch hat ein exotischs Geschäftsfeld entdeckt – den Öltourismus. Auf speziell zusammengestellten Routen kann auch der einfache Bürger mit eigenen Augen Objekte sehen, die der Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich sind.

„Im Ausland gibt es diese Art des Tourismus schon lange. In Jugorien waren wir jedoch die ersten Anbieter von Öltouren. Wir haben damit schon 1999 angefangen. Eine solche Exkursion erstreckt sich über einen halben Tag. Sie beginnt mit der Anreise, dann geht es in die Bohrmeisterschule, danach fahren wir zu dem erdölhaltigen See Samotlor, wo wir eines unserer Labore besuchen. Dort wird den Touristen demonstriert, wie man Öl von Wasser trennt", erklärt Wassilij Sotschilin, stellvertretender Leiter eines großen Reiseunternehmens aus Nischnewartowsk. Sein Unternehmen ist das einzige im Land, dass Außenstehenden Einblicke in die sonst hermetisch abgerigelte Welt der Erdölarbeiter verschafft.

„Um ein solches Labor besuchen zu können, muss man die Exkursion mindestens einen Monat vorher buchen", fährt Wassilij fort. „Sie wird von keinem Reiseführer geleitet, sondern von einem wirklichen Meister. Er erzählt, was das für Tanks sind, wo welcher Prozess gerade abläuft – die Trennung von Öl und Wasser, die Spülung des Öls etc. Dann werden die Touristen in das Chemielabor geführt. Es ist außerordentlich schwer in ein solches Objekt zu gelangen. Nach der Exkursion fahren wir in die Kantine im Industriegebiet von Nischnewartowsk. Es handelt sich um eine gewöhnliche Kantine, das besondere an ihr ist jedoch, dass dort echte Erdölarbeiter verköstigt werden. Die Touristen bekommen ein schmackhaftes Mittagessen und können sich dabei mit Menschen unterhalten, die mehrere Millionen Tonnen Öl im Jahr fördern.

 

Planet Samotlor

Aus der Luft sieht der See Samotlor wie ein mit Gefäßen durchzogenes Menschenherz aus. Die Gefäße des Samotlor sind von Menschenhand geschaffen — es sind Dämme, aufgeschüttete Wege und „Cluster".

„Die Cluster übrigens sind ein besonderes Merkmal der Lagerstätten von

Lokalen Reiseveranstaltern zufolge ist in den vergangenen zehn Jahren die Nachfrage nach Ölexkursionen um mehr als das zwanzigfache gestiegen.

Der durchschnittliche Preis einer eintägigen „Öl-Tour" liegt bei 1000 Rubeln (etwa 25 Euro) pro Person. Zweitätige Exkursionen sind etwas teurer.

Jugorien. Die Region ist ein Sumpfgebiet, man darf nicht bohren. Daher wird der Sumpf als erstes trockengelegt. Danach wird eine Plattform mit Sand aufgeschüttet – die Cluster genannt wird. Bei uns gibt es diese Cluster überall, auf ihnen stehen mehr Schilder zur Bezeichnung der Trassen als in bewohnten Gebieten Wegweiser", behauptet Wassilij Sotschilin, dessen Worte immer wieder in eisigen Windböen untergehen.

Wir stehen neben der wichtigsten historischen Sehenswürdigkeit des Sees — dem Denkmal für das erste Bohrloch. Die Bohrturm-Nachbildung, im Vergleich zu den echten sehr klein, erinnert bescheiden daran, dass hier 1965 die Erschließung einer der weltweit größten Erdöllagerstätten begann.

Für einen Bewohner des „Großen Landes", wie Erdölkumpel den europäischen Teil Russlands nennen, fallen diese Informationen in die Kategorie „faszinierende Tatsachen". Bis er mit eigenen Augen gesehen hat, wie die schwarze Brühe sich in „schwarzes Gold" verwandelt und wieviel harte Arbeit in dem geruchsneutralen Petrodollar steckt.

Über die künstlichen Wege des Samotlors ziehen Lasttransporter ihre Bahnen, ringsherum heben und senken sich die Köpfe der Tiefpumpen in gleichbleibendem Takt. Die Gasfackeln lodern und aus den Rohren steigt Qualm auf.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei strana.ru

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