Das Landgut der russischen Seele

Museumsdorf Burgowo. Foto: Ilja Brustein

Museumsdorf Burgowo. Foto: Ilja Brustein

Wer dem russischen Nationaldichter Alexander Puschkin auf die Spur kommen will, sollte das Alexander-Puschkin-Museum in Puschkinskije Gory im Pskow-Gebiet besuchen. Das nahegelegene Dorf Bugrowo ist heute ein Freilichtmuseum und bietet nicht nur Literaturliebhabern interessante Einblicke in das Leben des Dichters.

Der russische Nationaldichter Alexander Sergejewitsch Puschkin (1799-1837) wurde zwar in Moskau geboren, doch als seine geistige Heimat bezeichnete er sein Landgut Michajlowskoje im Pskow-Gebiet in Nordwestrussland. Heute liegt Michajlowskoje verwaltungsmäßig in der Kleinstadt Puschkinskije Gory, 120 Kilometer südöstlich der Gebietshauptstadt Pskow. Touristen können dort nicht nur die malerisch gelegene Heimstätte des Begründers der modernen russischen Literatur besichtigen, sondern auch die benachbarten Gutshöfe Trigorskoje und Petrowskoje sowie das Museumsdorf Bugrowo.

 

In Puschkins Dorf Bugrowo

„Das Frühstück wird bei uns von 10 bis 12 Uhr serviert", erklärt eine Mitarbeiterin der Pension „W Bugrowo", die sich auf dem Gelände des Museumsdorfs Bugrowo befindet. „Warum frühstückt man hier so spät?",

Anreise

 


Die Stadt Pskow, Hauptstadt der gleichnamigen Oblast, liegt 291 Kilometer südwestlich von Sankt Petersburg und 732 Kilometer nordwestlich von Moskau.

Von Sankt Petersburg aus erreicht man die Stadt in wenigen Stunden mit dem Auto. Auch Züge und Busse verkehren regelmäßig. Die bequemste Art Pskow von Moskau aus zu erreichen, ist der Nachtzug, der jeden Tag um 18.30 Uhr vom Leningrader Bahnhof abfährt und nach 13 Stunden gemächlicher Fahrt um 7.30 Uhr in Pskow ankommt.

In Pskow angekommen, erreicht man Puschkinskije Gory in zwei Stunden mit dem Bus oder mit dem Taxi. Eine Taxifahrt kostet umgerechnet 50 Euro, eine Busfahrt lediglich 5 Euro.

fragt verwirrt ein neu angekommener Gast. „Naja, früh brauchen Sie hier wirklich nicht aufzustehen... Auf einem Landgasthof wollen die müden Städter ja auch so richtig ausschlafen. Das ist doch der Sinn Ihrer Reise!", antwortet die Dame mit resoluter Stimme.

Der Wunsch auszuschlafen, die Ruhe und die Natur zu genießen, ist zwar ein wichtiger, aber doch nicht der einzige Grund, der die Besucher nach Bugrowo zieht. Das Dorf ist seit einigen Jahrzehnten ein Freilichtmuseum und Bestandteil des Alexander-Puschkin-Museums. Das kleine Dorf liegt direkt an der Grenze zu Puschkins Landgut Michailowskoje. Bis zur Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahr 1861 waren die hiesigen Bauern die Leibeigenen seiner Familie.

Der adlige Dichter suchte Kontakt zum einfachen Volk und war oft in Bugrowo zu Gast. Als Sammler von Märchen, Liedern und Sagen interessierte er sich nicht nur für die Folklore, sondern auch für die wirtschaftliche Lage der Menschen. Puschkin verstand sich nicht als Revolutionär, sondern als Volksfreund. In seinen Briefen und privaten Notizen betonte er immer wieder, dass die Regierung und der Adel sich ihrer Verantwortung für die leibeigene Bauernschaft bewusst sein sollten. Es machte ihn traurig und wütend, wenn er erfuhr, unter welch erbärmlichen Bedingungen die Bauern leben mussten. Mit großer Besorgnis schrieb er in seinem Notizbuch nach einem Besuch in Bugrowo, dass die Bauern nicht genug Holz zum Heizen haben und sich nicht einmal Glasfenster für ihre Hütten leisten können.

„Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, dass das Alexander-Puschkin-Museum auch die Freilichtanlage Bugrowo beinhaltet", berichtet die

Unterkunft und Verpflegung

 

Mehrere Hotels und Pensionen in Puschkinskije Gory, die sich unmittelbar in der Nähe des Alexander-Puschkin-Museums befinden, stehen den Touristen zur Verfügung. Die Preise sind zwischen 30 und 150 Euro für Übernachtung und Frühstück angesiedelt.

Die private Unterbringung bei den Einheimischen wird schon ab 25 Euro pro Tag und Person angeboten.

Informationen, auch in deutscher Sprache, bietet das Fremdenverkehrsamt des Pskow-Gebietes: Stadt Pskow, Lenin-Platz 3, Telefon: 007 953 242 57 00.

wissenschaftliche Mitarbeiterin Marija Timofeewa. „Touristen können Bauernhäuser und Hofeinrichtungen wie eine Dreschtenne, eine Scheune und einen Viehstall besichtigen, deren Außen- und Innengestaltung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entspricht. Auf diese Weise wird verständlich, welche Eindrücke Alexander Sergejewitsch Puschkin haben musste, als er seinen leibeigenen Bauern begegnete."

Es bleibt aber nicht nur bei den Besichtigungen. Man kann auch selbst in die Rolle des Bauern des 19. Jahrhunderts schlüpfen. Die Gäste können zum Beispiel das Korn mithilfe der alten Dreschflegel dreschen – eine Beschäftigung, die nicht nur junge Besucherinnen und Besucher begeistert. Auch alte Spinnräder und Webstühle sind in Betrieb und können von neugierigen Gästen unter fachkundiger Anleitung ausprobiert werden.

Für das leibliche Wohl ist in Bugrowo bestens gesorgt. Der Pension „W Bugrowo" ist das zünftige Gasthaus „Traktir" angeschlossen. Gekocht, gebacken und gebraten wird in einem traditionellen, russischen Backofen, der mit Holz geheizt wird und mit dessen Hilfe eine erstaunliche Vielfalt von Gerichten auf den Tisch kommt. Besonders beliebt sind die Rote-Beete-Suppe „Borschtsch", die Kohl-Suppe „Schtschi", der Fleischeintopf „Soljanka", die Kartoffelpuffer „Draniki", die Pfannkuchen „Blini" sowie die Quarktaschen „Syrniki". Auch die Ferienanlage „Arina R", die sich ebenfalls in Bugrowo befindet, verwöhnt russische und internationale Gäste mit landestypischen Spezialitäten.

 

Das Landgut als nationales Heiligtum

Das Herzstück des Alexander-Puschkin-Museums ist das Landgut Michailowskoje. Seit 1742 gehörte dieses Landgut der Puschkin-Familie, der Dichter besuchte es des Öfteren. In den Jahren 1824 bis 1826 lebte er hier in der Verbannung, als er wegen regierungs- und kirchenkritischer Äußerungen in Ungnade fiel und die Hauptstadt Sankt Petersburg verlassen musste.

Museumspost im Gut Michajlowskoje. Foto: Ilja Brustein

In diesen Jahren durfte der Verbannte das Pskow-Gebiet nicht verlassen und stand unter ständiger polizeilicher Beobachtung. Er empfand seine Lebensumstände als eine große Erniedrigung und Demütigung. Nichtsdestoweniger versuchte der Schriftsteller, das Beste aus seiner Situation zu machen und die Zeit in Michajlowskoje für die Erkundung der Umgebung zu nutzen.

„Heutzutage ist Michajlowskoje nicht nur ein Museumsort, sondern auch das nationale Heiligtum für viele Russinnen und Russen", erzählt Museumsmitarbeiterin Olga Urjadnikowa. „Die Verehrung und die Hochachtung, die unsere Landsleute für Puschkin empfinden, kann man besonders am 6. Juni jedes Jahres nachvollziehen. Dann feiert man im Museum den Geburtstag des Dichters und Tausende Menschen aus allen Landesteilen Russlands und auch aus dem Ausland kommen hierher."

Nach dem Besuch in Michajlowskoje lohnt es sich, auch die benachbarten Gutshöfe Trigorskoje und Petrowskoje zu besichtigen, die ebenfalls zum

Alexander-Puschkin-Museum gehören. Zu Zeiten seiner Verbannung besuchte Puschkin fast jeden Tag Trigorskoje, wo einer seiner besten Freunde, Alexej Wulf (1805-1881), wohnte. Wulf selbst behauptete, er sei Vorbild von Wladimir Lenskij gewesen, einer der Hauptfiguren in Puschkins Verseepos „Eugen Onegin".

Das Landgut Petrowskoje gehörte den Verwandten Puschkins mütterlicherseits, der Familie Hannibal. Auch hier war der Dichter oft zu Gast. Sein Urgroßvater Abraham Petrowitsch Hannibal (1696-1781) war Sohn eines lokalen afrikanischen Fürsten sowie Patenkind und Weggefährte des Zaren Peter dem Großen. Puschkin war stolz auf die Leistungen seines Vorfahrens und fühlte sich mit ihm geistig verbunden.

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