Mit dem Fahrrad von Wladiwostok nach Moskau

Trotz Gegenwind, übler Krankheit und dank hilfsbereiter Russen haben zwei Amerikaner es geschafft, Russland mit dem Fahrrad zu durchqueren. Foto: Lewi Bridges

Trotz Gegenwind, übler Krankheit und dank hilfsbereiter Russen haben zwei Amerikaner es geschafft, Russland mit dem Fahrrad zu durchqueren. Foto: Lewi Bridges

Während ihnen die Straßen, gesundheitliche Probleme und auch die schier gewaltige Strecke zu schaffen machten, schlug ihnen neben Gegenwind auch Nächstenliebe entgegen: Viele der Einwohner Russlands halfen den beiden Abenteurern Levi und Ellery, so gut sie konnten, bei ihrem Versuch, Russland auf dem Fahrrad zu durchqueren.

Es war der 15. April 2009: Mein Freund Ellery Althaus und ich starteten unsere Fahrradtour, die uns von Wladiwostok nach Portugal führen sollte. Das Ziel unserer langen Reise war, auf unseren Fahrrädern ganz Russland zu durchqueren und danach weiter durch Europa nach Portugal zu fahren.

Davon hatte ich schon mein ganzes Leben lang geträumt. In meiner Fantasie hatte ich ständig ein bestimmtes Bild vor Augen: Ich beginne meine Reise an einem ruhigen Strand, der von grauen Kieselsteinen bedeckt ist, und bevor ich aufbreche, atme ich noch einmal tief die frische Meeresluft ein.

Nach sieben Jahren Planung befanden sich Ellery und ich nun endlich an einem kalten Frühlingstag am Sandstrand der Bucht Sportiwnaja Gawan in Wladiwostok, wo bereits eine Horde Journalisten auf uns wartete. Sie stürzte sich auf uns und drückte uns Mikrofone ins Gesicht, während wir zähneklappernd auf alle Fragen antworteten.

Wir schleppten unsere Fahrräder zum Japanischer Meer, wo wir die Hinterreifen ins Wasser tauchten. In acht Monaten wollten wir dasselbe noch einmal tun, nur diesmal sollten die Vorderreifen unserer Räder den Atlantik berühren. Die Medien machten Fotos. Trotz der Vielzahl an Menschen, die anwesend waren, ließ ich mir die Freude dieses Moments nicht nehmen und genoss den Augenblick so, als wäre er nur für mich da. Fast.

„Könnten Sie den Hinterreifen nochmals ins Wasser tauchen?“, schrie ein Fotograf und zerstörte die Symbolik des Moments. „Ich brauche noch einen Schnappschuss.“

Während wir am gleichen Tag aus Wladiwostok hinaus über die Berge fuhren, blickte ich noch ein letztes Mal auf das Meer zurück. Immerhin erwartete uns eine lange Reise: etwa 15 996 Kilometer durch elf Zeitzonen und zwei Kontinente.

Wir fuhren los.

Die Idioten

Bevor Ellery und ich unsere Reise antraten, ließen wir uns noch Visitenkarten mit unserer Webseite drucken. Auf ihnen stand geschrieben: „Die Idioten.“ Der Titel sollte an Fjodor Dostojewskis klassischen Roman „Der Idiot“ erinnern. Zudem sollte er noch vermitteln, dass es für die Durchquerung Sibiriens auf dem Fahrrad einer gesunden Portion Wahnsinn bedarf.

Doch die Russen sahen uns ganz und gar nicht als Idioten an. Im Gegenteil. Der Kameramann, der uns in Wladiwostok gefilmt hatte, erstellte Fernsehbeiträge, die von Moskau bis nach Magadan ausgestrahlt wurden, sodass am nächsten Morgen jeder wusste, wer wir waren. Viele wohlwollende Menschen, die mit ihren Autos an uns vorbeifuhren, kurbelten ihre Fenster herunter, um uns lächelnd zu grüßen und zuzuwinken.

„Hallo, meine amerikanischen Freunde“, rief man uns am zweiten Tag unserer Reise aus einem mit Jugendlichen besetzten Auto zu. Der Fahrer verlangsamte das Fahrtempo, um mit uns auf gleicher Höhe zu sein. „Sdrawstwujte. Hallo“, sagte ich halb erstickt durch die Abgase, als wir Seite an Seite fuhren. „Ist euer Vorhaben ein Teil der Olympischen Spiele 2014 in Sotschi?“, fragte der junge Fahrer Iwan mit strahlenden Augen. „Nein“, antwortete Ellery, „es ist nur ein Abenteuer.“

Einer der hinteren Insassen schob einen Kugelschreiber und einen Block aus dem Fenster und fragte: „Könnten wir ein Autogramm von euch bekommen?“ Nachdem wir angehalten hatten, um auf seinem Block zu unterschreiben, schrieb uns Iwan seine Telefonnummer auf und meinte: „Wenn ihr etwas braucht, ruft mich an!“

Und so erging es uns während unserer gesamten Reise durch Russland. In Städten und kleineren Ortschaften boten uns die örtlichen Einwohner sogar Essen und die Möglichkeit an, bei ihnen zu übernachten. Wohin auch immer wir in Russland fuhren, wir fanden ständig neue Freunde.

Gegen den Wind

Wenn man in Sibirien auf dem Fahrrad unterwegs ist, sollte man sich über so manche Dinge Sorgen machen: Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt, schlechte Straßen, wilde Bären, sibirische Tiger und betrunkene Autofahrer.

So hatte uns auch Mark Jenkins, ein Autor, der für National Geographic schreibt und Russland mit dem Fahrrad bereits 1989 durchfahren hatte, geraten, unsere Reise quer durch Russland nochmals zu überdenken. Noch bevor wir losfuhren, schrieb er uns in einer E-Mail, dass uns der „Westwinddrift“, die starke, von Westen nach Osten verlaufende Luftströmung, entgegenwehen würde. Für uns bedeutete dies also eine weitere Erschwernis auf unserer ohnehin schon anstrengenden Expedition – wir fuhren gegen den Wind.

Tatsächlich jedoch bestand unsere größte Schwierigkeit darin, gegen die Zecken anzukämpfen. In Ostsibirien übertragen nämlich manche der Blutsauger die sogenannte Frühsommer-Meningoenzephalitis (FMSE), eine Krankheit, die, wenn sie durch einen Zeckenbiss übertragen wird, beim Menschen zu Übelkeit, Nervenschäden und sogar Lähmungen führen kann.

Ellery und ich bekamen unsere ersten Teilimpfungen gegen diese Krankheit noch in Wladiwostok, die zweiten in Chabarowsk, der ersten großen Stadt, die wir erreichten. Ein Nachteil der Impfungen: Sie schwächen für kurze Zeit das Immunsystem, sodass selbst eine einfache Erkältung einen Menschen sehr krank machen kann.

Foto: Lewi Bridges

Das musste auch Ellery bitter erfahren: Ungefähr eine Tagesfahrt von Chabarowsk entfernt fing sich Ellery eine schwere Lebensmittelvergiftung ein. Er musste sogar ins Krankenhaus, um medizinisch versorgt zu werden. Die ständige Übelkeit fügte seinem Magen derartige Schäden zu, dass er während der restlichen Reise durch Sibirien jeden Monat einmal krank wurde. Als Ellery später wieder zurück in den USA war, stellte sein Arzt bei einer Blinddarmoperation fest, dass sein Darm bereits schwere Vernarbungen aufwies. Der Arzt meinte: „Sie haben Glück, noch lebend von Ihrer Reise zurückgekommen zu sein.“ 

Der Weg nach Moskau

Auf unserem Trip nach Moskau, einer 805 Kilometer langen Strecke, sind wir auf einem Teil der russischen Autobahn – die Hauptader zwischen Wladiwostok und Moskau – gefahren, der nicht asphaltiert war. Die Schotterstraße der Autobahn schien, wenn man sie auf einer Karte betrachtete, wie eine kurvenreiche, rote Linie, die abgelegene, kleine Ortschaften miteinander verband. Sie bog sich um die Nordspitze Chinas und verlief so wie der Griff des Großen Wagens.

Die Schotterstraße war in einem derart schlechten Zustand, dass wir für etwa 80 Kilometer oft zehn Stunden benötigten. Wir fuhren auch oft per Anhalter in regionale Hauptstädte, um für Ellery einen Arzt zu finden, wenn er wieder krank wurde. Die Ärzte verschrieben ihm Medikamente, doch diese halfen ihm nicht und er wurde immer wieder krank. Aber wir blieben hart und fuhren weiter.

Trotz aller Hürden hatten wir Gelegenheit, den kulturellen Reichtum der Regionen und die natürliche Schönheit Russlands zu erleben. So führte uns die Schotterstraße durch das atemberaubend schöne Stanowogebirge. Als wir außerhalb der Stadt Tschita wieder auf Asphalt fuhren, erreichten wir Burjatien, die Heimat des dort lebenden indigenen Volkes, den Burjaten. Unsere Reise durch die autonome Republik führte uns durch massive Gebirgszüge, die voll mit buddhistischen Klöstern waren, und endete am Baikalsee, dem größten Süßwassersee der Erde.

Vom Baikalsee aus nach Moskau begannen wir, die Distanzen in Schritten von 1 497 Kilometern zu messen. Den Süßwassersee trennen nämlich genau 1 497 Kilometer majestätisch anmutender Berge von der Stadt Krasnojarsk. Weitere 1 497 Kilometer flacher sibirischer Steppe verliefen zwischen den Städten Nowosibirsk und Jekaterinburg, wo wir mit genau dem starken Gegenwind zu kämpfen hatten, vor dem uns Mark Jenkins gewarnt hatte.

Trotz aller Hürden hatten wir Gelegenheit, die natürliche Schönheit Russlands zu erleben. Foto: Lewi Bridges

Auf einer flachen Ebene westlich von Nowosibirsk machten Ellery und ich Halt, um den an diesem Tag bereits vierten platten Reifen zu wechseln – in etwa der 16. Reifen auf unserer gesamten Reise. In der Zwischenzeit braute sich in Ellerys gurgelndem Magen der nächste Schub Übelkeit zusammen. Egal in welche Richtung man blickte, das Einzige, was man sah, waren hier und da ein Baum oder ein Zaunpfahl. Ich bückte mich in der Hitze hinunter, um den Hinterreifen zu wechseln. Dieser musste repariert werden, da das Heck schließlich 4 500 Kilometer zurückgelegt hatte.

In der Zwischenzeit sah ich zu, wie Ellerys lockiges Haar rauf- und runtersprang. Er hatte einen Graben gefunden, in dem er sich erleichtern konnte. Doch plötzlich fuhr ein Auto, vollbesetzt mit begeisterten Russen, rechts heran, um die furchtlosen Abenteurer zu begrüßen, die sie zuvor im russischen Fernsehen gesehen hatten. Während ich mit ihnen sprach, war ich darum bemüht, die aufgeregten Fans von meinem Weggefährten abzulenken, der indes im Wassergraben von Durchfall geplagt wurde.

Da waren sie – ihre Helden

Außerhalb von Jekaterinburg überquerten wir das Uralgebirge und fuhren so auf einem weiteren 1 497 Kilometer langen Streckenabschnitt, der dieses Mal von regem Verkehr gekennzeichnet war.

Wir machten in Kasan Halt, der Hauptstadt von Tatarstan. Die Einwohner dieser autonomen Republik, die Tataren, gehören dem Islam an. Plötzlich sah man Moscheen statt orthodoxer Kirchen, an die wir uns auf unserer Reise schon gewöhnt hatten.

Mitte September kamen wir schließlich in Moskau an, wo die Blätter bereits ihre für den Herbst typische, rote Farbe bekommen hatten. Der Winter stand vor der Tür.

Wir fuhren weiter in Richtung Ukraine. Plötzlich wurden all die Dinge weniger, die Russland zu meinem Zuhause machten: der Titelsong der russischen Abendnachrichten, die Redensarten, die ich benutzte, wenn ich mich mit Jugendlichen unterhielt, oder die alten Damen, die ich immer in der Schlange vorließ.

Als wir an der ukrainisch-russischen Grenze standen und ich nochmals zurück auf die vom Wind gepeitschten Hügel Russlands blickte, überkam mich plötzlich ein Gefühl des Triumphes, aber auch der Nostalgie. Denn Ellery und ich hatten etwas geschafft, das vor etlichen Monate noch unmöglich schien: Wir hatten es geschafft, nun zu jener Handvoll Menschen zu gehören, die Russland, das größte Land der Welt, mit dem Fahrrad durchquert haben.

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