Mit dem „Nordlicht“-Zug in die Arktis

Der Vollkomfort-Zug „Nordlicht“. Foto: Anton Agarkow, strana.ru

Der Vollkomfort-Zug „Nordlicht“. Foto: Anton Agarkow, strana.ru

Eine Reise in die russische Arktis im Vollkomfort-Zug bietet Touristen ein Schauspiel der besonderen Art. Kaum vorstellbar, dass sich hier, in Workuta, nördlich des Polarkreises, eines der größten GULAG-Lager befand.

Die Fahrgäste reisen im Zug „Licht des Nordens“ in Zweierabteilen mit eigenen sanitären Einrichtungen, Fernseher und Steckdose, Klimaanlage und W-LAN. Der Zug startet in der Hauptstadt der Republik Komi Syktywkar und endet in Workuta. Zwischendurch unternehmen die Reisenden Stadtspaziergänge, besuchen begleitet von einem Stadtführer Sehenswürdigkeiten und kehren danach in aller Ruhe zurück zum Zug. Es geht fast zu wie auf einer Flusskreuzfahrt, nur eben auf Schienen.

Entgegen weit verbreiteter Mythen zur Weite Russlands braucht das Flugzeug für die Strecke Moskau – Syktywkar ganze zwei Stunden. Die eigentlichen Abenteuer beginnen erst nach der Landung. Die Zeiten, in denen Hubschrauber quasi im Linienverkehr den Luftraum von Komi bevölkerten, sind lange vorbei. Heute kostet eine einstündige Hubschrauber-Tour an die 100.000 Rubel (etwa 2.350 Euro) und zählt zu den teuren Vergnügen einer erlesenen Kundschaft. Die Fernverkehrsstraßen von Komi haben sich den nicht gerade rühmlichen Ruf als die „marodesten Straßen von ganz Russland“ erworben. Das einzige der Allgemeinheit zugängliche und zuverlässige Verkehrsmittel ist somit die Eisenbahn, deren Schienennetz die gesamte Republik von Nord nach Süd durchzieht.

Der Nationalpark Jugyd Wa. Foto: Anton Agarkow, strana.ru

Die Züge verkehren exakt nach Plan – wie die sprichwörtlichen Schweizer Uhren. Sie garantieren die Verbindung der Verkehrsknotenpunkte der Republik, an denen Touristen umsteigen können in den Bus, in Geländewagen bzw. Geländebusse oder eben in den Hubschrauber. In dieser Verkehrskette ist der touristische Reisezug das zentrale Glied.

Die Hauptattraktion der Republik Komi sind ihre Naturschönheiten wie etwa die schwer zugängliche Gesteinsformation Manpupunjor. Der Weg des Zuges jedoch führt weiter und höher – durch das Gebirge des subpolaren Urals. An der Station Inta beginnt eine aufregende Exkursion. 

Der LKW „Ural“ schaukelt schon fast zwei Stunden die von den Geländewagen zerfurchte Straße entlang. Links Taiga, rechts Taiga, am Horizont Taiga. Es ist weit und breit kein anderes Fahrzeug in Sicht. Die dichte Taiga lichtet sich allmählich, verwandelt sich in Waldtundra und wird später zur Tundra. Das Dickicht der nicht hoch wachsenden Moltebeere, sich aneinanderreihende Felsformationen, silbrige Schneisen der Gebirgsbäche, die die karge nordische Landschaft zu durchschneiden scheinen. Das ist nur ein kleiner Teil des Nationalparks Jugyd Wa, des größten Naturschutzgebiets in Russland.

Die Orte sind unwirtlich und von uriger Schönheit. Die menschliche Zivilisation vermochte es nicht, die Natur des subpolaren Urals zu bändigen. Die in dieser Region beheimateten Mücken schaffen es innerhalb weniger Stunden, das Blut eines Elches restlos auszusaugen, das Wetter schlägt hier dreimal täglich um, im Juni kann es passieren, dass man bis zu den Hüften im Schnee versinkt.

Der Nationalpark Jugyd Wa: Der Balbanju-Fluss. Foto: Anton Agarkow, strana.ru

Der „Ural“ befördert die Touristen und Arbeiter über die mit Schlaglöchern überzogene Straße zum Stützpunkt „Schelannoe“. In der jungfräulichen Natur von Komi nimmt sich selbst eine solche Straße aus wie eine Autobahn. Außer den LKW stehen Touristen Geländewagen mit Rädern menschlichen Ausmaßes zur Verfügung, um sich durch das kaum erschlossene Gelände kutschieren zu lassen.

Die Haltepunkte während der Fahrt im subpolaren Ural und hinter dem Polarkreis verlaufen an Bergfüßen, Flüssen, Seen, Findlingen und Feldern blühender Pfingstrosen entlang. Echte Erlebnisse mit bleibenden Erinnerungen sind der Nationalpark Jugyd-Wa, die Lager von Rentierzüchtern und Nomaden, die Lappland-Suppe, die Taiga und das Lager-Museum VorkutLag.

Licht des Nordens“, so die Planungen, wird sein Streckennetz zur interregionalen Route „Russkij Sewer“ (russischer Norden) ausbauen. Dann werden auch einige einzigartige Kultur- und Naturdenkmäler, die teilweise zum UNESCO-Erbe gehören, erreichbar sein. Russische und ausländische Touristen, die aus Moskau anreisen, erreichen Komi mit dem Zug über Jaroslawl, Archangelsk und das Gebiet Wologda.

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Dieser Beitrag erschien zuerst bei strana.ru.

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