Per Anhalter durch Russland

Foto: PhotoXPress

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Trampen im größten Land der Welt kann ein aufregendes Erlebnis sein. Russland HEUTE hat russische Autostopp-Profis befragt und tiefere Einblicke in die lokalen Gepflogenheiten des kostenfreien Reisens gewonnen.

Seit einigen Jahren breitet sich unter der Stadtbevölkerung der reicheren Länder ein Reisewahn aus: Günstige Tickets und Hotels lassen immer mehr Menschen häufig reisen. Neben den Gelegenheitsreisenden, die gerne auf All-inclusive-Unterbringungen und standardmäßige Touristenprogramme zurückgreifen, gibt es auch Leute, die unabhängige Reiseformen bevorzugen. Die sind in der Regel weniger komfortabel, ermöglichen ein hautnahes Kennenlernen des Reiselandes.

Trampen vermittelt noch das ursprüngliche Gefühl, „on the road" zu sein, und ist auf jeden Fall die preiswerteste und aufregendste Art des Reisens. Im Internet findet man jede Menge Geschichten europäischer Tramper in Osteuropa, russischer Tramper in Indien und Afrika und vieler anderer „Daumen"-Reisender. In letzter Zeit erscheinen immer mehr Erfahrungsberichte von Russland-Trampern in englischer Sprache.

 

Kurzer Ausflug in die Geschichte

Trampen kam in der Sowjetunion in den frühen 60er-Jahren auf. Einer Anekdote nach lernte Nikita Chruschtschow diese Art des Reisens 1959 in den USA kennen und beschloss, diese Kultur in seine sowjetische Heimat zu verpflanzen.

1965 führte der Zentralrat für Tourismus das sogenannte „Awtostop-Programm" ein, das dieser Fortbewegungsart für die folgenden Jahre ihren Namen gab. Dem Programm nach sollte jeder Reisende ab einem Alter von 16 Jahren awtostop- Tickets erwerben können, die von den Fahrern, die einen Tramper zu seinem Ziel brachten, auszufüllen waren. Dabei wurde ein mehr oder weniger symbolischer Betrag von einem Rubel je 500 Kilometer berechnet. Die Fahrer konnten mit diesen Tickets an Lottospielen teilnehmen und eine Reihe von Preisen gewinnen. Es wurden Meisterschaften im Trampen ausgetragen und eine Art spezieller Straßenuniform für awtostop-Reisende verkauft.

Drei Sowjetrepubliken mit touristischem Potenzial setzten das Programm um: Belarus, die Ukraine und Lettland. Nach zwei Jahren wurde es eingestellt, das Trampen aber lebte fort und entwickelte sich zur beliebtesten Form des Reisens sowjetischer Studenten und Hippies.

Die Tramper-Community wuchs und brauchte mit der Zeit eine Art von Organisation, um Erfahrungen teilen und Straßenkarten austauschen zu können. So entstand 1978 der Leningrader Autostopp-Verband. Er sollte der erste Tramper-Klub in Russland werden. Sein Gründer, Alexej Worow, fuhr über 900 000 Kilometer rund um den Globus. Einen anderen Klub, die Moskauer Autostopp-Schule, gründete Walerij Schanin im Jahr 1994. Der jüngste und bekannteste Tramperverband, die Akademie für freie Reise, wurde 1995 von Anton Krotow ins Leben gerufen, einem 37-jährigen Guru der russischen Tramperkultur, der seit seinem 14. Lebensjahr per Anhalter durch die Welt reist. Außer Einzelreisen organisierten die Mitglieder dieser Organisation Tramper-Expeditionen durch Russland und auch in andere Länder, etwa in den Iran, nach Afrika oder China. Russland ist heute das weltweit einzige Land, in dem es mehrere aktive Tramperklubs gibt.

 

Per Anhalter durch Russland

Der Vielreisende Anton Krotow hat einige Ratschläge, die ausländischen Trampern die Erkundung russischer Straßen erleichtern dürften.

Der erste Tipp: Bring Zeit mit! Russland ist ein riesiges Land mit sehr unterschiedlicher Straßenqualität. Während föderale Fernstraßen mehrheitlich in einem guten Zustand sind, muss man in einigen Regionen mit maroden Straßen rechnen. Die Reise könnte daher länger ausfallen als geplant. Wem es auf Geschwindigkeit beim Reisen ankommt, sollte Routen zwischen großen Städten wählen, die immer befahren sind. Man sollte eine Karte griffbereit haben und dem Fahrer sagen, dass man Tramper ist und kein Geld hat.

Paare kommen oft schneller ans Ziel als Einzeltramper. Foto: PhotoXPress

Es ist nahezu ein Frevel, Autostopp nur als kostenlose Art des Reisens zu betrachten. Das Trampen verschafft dem Mitreisenden die Möglichkeit, gratis ans Ziel zu kommen – der Fahrer wiederum bekommt Gesellschaft und Unterhaltung, die er benötigt, um wach zu bleiben. Während dessen tauschen beide Seiten ganz besondere Erfahrungen und Gedanken aus. In Russland wie überall auf der Welt ist es undenkbar, zu trampen und sich dabei nicht mit dem Fahrer zu unterhalten. Ein altes Sprichwort besagt: „Die Sprache kann bis Kiew führen" – das Trampen scheint diese Weisheit zu bestätigen.

Hippies waren die Pioniere der russischen Tramperkultur. Sie gaben der auf der Fahrt erzählten Geschichte einen eigenen Namen. Die „tjelega" (wörtlich: „Fuhrwerk") ist eine wahre oder erfundene, aber in jedem Fall spannende Geschichte, die dem Fahrer erzählt wird, um die gemeinsame Zeit möglichst anregend zu gestalten.

Die alten Hasen des Autostopps raten, den Fahrer dazu zu bringen, seine eigene Geschichte zu erzählen, sodass man sich selbst zurücklehnen und entspannen kann. Man sollte nicht erwarten, in Russland auf einen Englisch sprechenden Fahrer zu stoßen. Wenn man also alleine reist, so Krotow, sollte man sich zumindest ein wenig auf Russisch unterhalten können. Oder mit einem russisch sprechenden Begleiter unterwegs sein.

Paare übrigens, vor allem Frau-Mann-Paare, kommen oft schneller ans Ziel als Einzeltramper. Viele Fahrer sorgen sich um ihre Sicherheit und schrecken davor zurück, zwei erwachsene Männer mitzunehmen.

In den USA erlitt das Trampen einen Imageverlust, nachdem Nachrichten über Kriminalität auf Autostraßen massenhaft verbreitet wurden. In Russland ist das Trampen immer noch eine Praxis in eigener Regie. Jeder

ist hier für sich selbst verantwortlich. Um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen, sollte man sich nicht zu gut kleiden und die teure Kamera zu Hause lassen.

Die schrecklichen Geschichten über die russische Mafia und ähnliche Gefahren aber kann man getrost vergessen, sagt Krotow. Es empfiehlt sich, den Fahrer eines Autos, in das man einsteigen möchte, genau anzuschauen und sein Angebot abzulehnen, wenn er einem nicht gefällt.

Nächtliche Stadtspaziergänge gilt es zu vermeiden. Die gute Nachricht ist: Als Auswärtiger sind einem Respekt und Interesse gewiss, mit denen Russen auch heute noch Reisenden aus dem Ausland begegnen. Manche Fahrer werden in der russisch-orthodoxen Tradition der Gastfreundschaft ihren Wegbegleitern Verpflegung und sogar Übernachtungen bei sich zu Hause anbieten. Alkohol aber sollte man besser nicht annehmen. Nüchtern zu bleiben ist die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche Reise.

 

Russische Tramper-Tipps

Einige lokale Besonderheiten sollten Tramper bei einer Russlandreise berücksichtigen. Die wichtigsten von ihnen sind:

  • In Russland kennt man das international geläufige „Daumen-Raushalten" meist nicht. Strecke einfach Deine Hand aus.
  • Halte Deine Ausweise griffbereit und bewahre sie in einer wasserdichten Plastikhülle
  • Wenn Dein Fahrer von der Verkehrspolizei zu einem Bußgeld verknackt wird, dann beteilige Dich daran. Das gleiche gilt für die Benzinkosten
  • Achte auf reflektierende Kleidung, um in der Dunkelheit sicher trampen zu können
  • Leider gibt es in Russland kein entwickeltes Hostel-Netz. Such im Internet nach Unterkünften. Man sollte allerdings einen Schlafsack dabei haben für den Fall, dass man draußen übernachten muss. An der Straße zu schlafen ist ungefährlich, vorausgesetzt, man ist nicht sichtbar
  • Das Wichtigste: Reise mit offenem Herz und Verstand – die Menschen, denen Du begegnest, helfen Dir nicht aus finanziellem Interesse. Trampen ist eine großartige Möglichkeit, nicht nur das Land, sondern auch seine Bewohner kennenzulernen.

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