Oimjakon – der gefrorene Jungbrunnen

Auf den meteorologischen Karten der ganzen Welt ist Ojmjakon als Kältepol der Nordhalbkugel verzeichnet. Foto: RIA Novosti

Auf den meteorologischen Karten der ganzen Welt ist Ojmjakon als Kältepol der Nordhalbkugel verzeichnet. Foto: RIA Novosti

Bei den frostigen Temperaturen führt man kein Leben wie jeder andere. Ungeachtet der unmenschlichen Bedingungen hat es die Bevölkerung von Oimjakon nicht nur geschafft, einen Kompromiss mit der Natur zu finden, sondern auch eine beeindruckende Langlebigkeit zu entwickeln.

Oimjakon ist einer der kältesten Orte auf der Erde. Im Winter sinkt die Temperatur am Kältepol auf bis zu -60°C. Man kann sich kaum vorstellen, dass unter solchen klimatischen Bedingungen Menschen überhaupt leben können, aber dass die Leute hier dazu noch über 100 Jahre alt werden erscheint komplett unmöglich.

In Oimjakon verhält sich sogar Wasser seltsam: Es gefriert auch bei -60°C nicht auf der Straße. Aber weder Zauberei noch Schamanismus ist der Grund dafür: Die Gesteinsschichten sind in dieser Region bis zu einer Tiefe von 1 500 Metern gefroren. Der gefrorene Boden dehnt sich aus und unter dem Druck wird das Grundwasser an die Oberfläche gedrückt. Deshalb heißt das Dorf auch Oimjakon – in der Sprache der hier lebenden Tungusen bedeutet das „nicht einfrierender Fluss". Hier gibt es kaum Wind, die Sonne scheint den ganzen Tag und im Tal zwischen den Bergen liegt die Tundra-Steppe, in der zottelige Pferde von der Größe von Ponys grasen. Sie haben absolut nichts mit den uns bekannten Reitpferden gemeinsam: Im Winter erreicht ihre dichte Wolle eine Länge von zehn Zentimetern, und die Mähne bedeckt nicht nur den Hals, sondern auch die Schultern. Auf große Entfernung kann man so ein Pferd ohne weiteres mit einem Bären verwechseln. Diese einzigartigen jakutischen Pferde haben wohl schon zu Zeiten der Mammuts gelebt. Für die Einheimischen sind sie treue Verbündete im Überlebenskampf am Kältepol.

Nach Meinung von Wissenschaftlern würden die Mammuts heute in der Gegend von Oimjakon leben, wenn sie denn überlebt hätten. Auf den meteorologischen Karten der ganzen Welt ist das jakutische Dorf als Kältepol der Nordhalbkugel verzeichnet. Anspruch auf den ersten Platz erhebt aber auch Werchojansk, wo im Februar 1892 eine Tiefsttemperatur von ebenfalls -67,8°С gemessen wurde. In Oimjakon wurden damals jedoch noch keine Temperaturbeobachtungen durchgeführt. Den -71,2°С, die auf allen Souvenirs in Oimjakon verzeichnet sind, darf man keinen Glauben schenken: Dies ist nur ein theoretischer Wert, den das Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften Sergej Obrutschew im Jahre 1926 als mögliches Temperaturminimum ermittelt hatte.

Wenn das Gesicht nicht geschützt ist, kann man sich bei diesen Temperaturen binnen weniger Sekunden ernsthafte Erfrierungen zuziehen, sogar eine Windböe ist schon gefährlich. Das Quecksilber im Thermometer

gefriert, und wenn man abgekochtes Wasser in einen Becher gießt und in die Luft schwappt, verwandelt es sich sofort in eine Wolke aus Schnee. Um den Automotor bei solchen Minusgraden zu starten, bedarf es auch etwas mehr Arbeit als bei normalen Temperaturen: Ausländische Fahrzeuge springen bei einem solchen Frost gar nicht erst an, und einen russischen Ural oder UAZ kann man nur starten, nachdem man den Motor mithilfe einer Lötlampe aufgewärmt hat. Die ersten paar Kilometer im kalten Wagen muss man strikt geradeaus fahren, ansonsten können in der nächsten Kurve die Reifen platzen.

Ungeachtet der unmenschlichen Bedingungen hat es die einheimische Bevölkerung nicht nur geschafft, einen Kompromiss mit der Natur zu finden sondern auch eine beeindruckende Langlebigkeit zu entwickeln. Wahrscheinlich wirken sich vor allem traditionelle Faktoren auf die Lebensdauer der Einheimischen aus: saubere Luft und Wasser, eine aktive Lebensweise und gesunde Ernährung. Die Grundnahrungsmittel sind Fisch, Pferdefleisch und Milchprodukte. Den Mangel an Früchten gleichen die einheimischen Bewohner durch wilde Beeren aus.

Der Tunguse Andrej Danilow, der sein gesamtes Leben als Rentierhirte gearbeitet hat, ist 102 Jahre alt. Ihre Behausungen fertigen die Tungusen heutzutage nicht mehr aus Rentierfellen an. Deshalb übernachtet Andrej bei Minustemperaturen von fast 70 Grad in einem Zelt aus geteertem Leinwandgewebe und ist dabei immer gut aufgelegt. Sein Vater starb im Alter von 117 Jahren und seine Mutter im Alter von 108. Die Freunde Andrejs, das Ehepaar Arjan und Afrosinja, leben in einer Jurte.

Vor kurzem, im Alter von 90 Jahren, adoptierten sie ein Mädchen – eigene Kinder hatte das Paar nie. Arjan und Afrosinja arbeiten in der Viehzucht. Ihren Worten nach waren sie kein einziges Mal im Leben krank. Das Paar ist sich sicher, dass der Grund ihrer Gesundheit bei zwei einheimischen Milchprodukten zu suchen sei – Chajak und Kjortschech. Chajak erinnert in seiner Farbe und in seinem Geschmack an Speisefett. Das Rezept von Kjortschech ähnelt dem uns bekannten Speiseeis: Frischmilch wird dabei zusammen mit verschiedenen Beeren geschlagen und diese wird dann abgekühlt und zu Fladen geformt.

Die beliebteste Speise in Oimjakon ist jedoch Stroganina. Das Gericht wird aus unter dem Eis gefangenen Edelfischen zubereitet – aus Stör, Omul und

Maräne. Die Tungusen enthaupten die Fische und frieren sie ein, wobei sie ständig darauf achten, dass die Fische gerade liegen, weil es ansonsten später schwer fällt, sie zu hobeln. Stroganina wird ähnlich hauchdünn wie Serrano-Schinken geschnitten: Der gefrorene Fisch wird von draußen in die Behausung gebracht und unverzüglich „gehobelt". Der Fisch muss so gehobelt werden, dass auf jeder Scheibe eine dünne Schicht Hautfett verbleibt – gerade dieses Fett ist besonders wertvoll, da es viel Omega-3-Säure enthält, die das Herz stärkt und den Alterungsprozess verlangsamt.

All diese Speisen können nicht nur nicht in südlichen Regionen zubereitet werden, man kann sie auch nicht dort hinbringen. Es gibt sie ausschließlich im hohen Norden, wo die Sonne die ganze Zeit scheint, Hundertjährige die Rentiere hüten und Ponys Bären ähneln.

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