Die gefährliche Magie des Kaukasus

Foto: Timur Agirow

Foto: Timur Agirow

Dagestan ist für Einzelreisende eine gefährliche Region, dennoch birgt sie unverwechselbare Reize. Malerische Regionen, eine lebendige Hauptstadt, köstliche Spezialitäten und eine einzigartige Gastfreundschaft – das alles ist der Kaukasus.

Wir stehen auf einem schwindelerregenden Felsvorsprung. Wasserfälle stürzen in einen Fluss, der sich seinen Weg durch das Tal in Richtung der weit entfernten, schneebedeckten Berge bahnt. Steppenadler mit Flügelspannweiten von zwei Metern gleiten unter unseren Füßen durch die Luft. Das Dorf Chunsach auf der Spitze einer Klippe, nur drei Stunden von Dagestans Hauptstadt Machatschkala entfernt, liegt zwischen den Ausläufern des Kaukasusgebirges und dem Kaspischen Meer. Die überwältigende Natur, Sandstrände, legendären Kochkünste und literarischen Bezüge sollten Besucher in großer Zahl anlocken. Doch wo sind sie, die Touristen?

Der Jahrzehnte andauernde Krieg im benachbarten Tschetschenien hat ein gewaltvolles Erbe in dieser Region hinterlassen. Immer wieder eskalieren Konflikte zwischen radikal-islamistischen Gruppierungen und örtlichen Sicherheitskräften. Aktuelle Karten des britischen Außenministeriums kennzeichnen die Region durchgängig mit roter Farbe. Es wird „abgeraten von jeglichen Reisen" in diesen Teil Russlands. Andere offizielle Stellen weisen auf die potenziellen Gefahren von Entführungen und Terroranschlägen hin.

Die malerischsten Gebiete sind nicht selten die gefährlichsten. Unsere Gruppe ist auf Einladung einer gemeinnützigen Stiftung zur Förderung der dagestanischen Kultur unterwegs. Von einer Polizeieskorte begleitet fahren wir eine Gebirgsstraße entlang. Die überall anzutreffenden bewaffneten Wachposten sind ein beunruhigender Anblick, doch die Haarnadelkurven über den Schluchten voll rostender Autowracks bieten eine gute Ablenkung.

 

Tolstoi und der awarische Widerstand

In unbeschreiblichen Höhen, die atemberaubende Ausblicke eröffnen, schlängelt sich der Kleinbus durch die Herbstwälder an den nebelumhüllten Klippen vorbei zum abgelegenen, vor Jahren geplanten Skiressort Matlas. Eine befremdlich anmutende und halb zerstörte Festung ist alles, was von dem 40 Milliarden schweren Bauprojekt übrig blieb. Eine abenteuerlich an den Fels geheftete Freitreppe führt durch tropfenden, im Nebel stehenden Farn in die Tiefe. Auf der Spitze der Steilwand steht neben einer steinernen Kapelle ein Denkmal von Leo Tolstoi. Die in Umrissen erkennbaren Berge und das Rauschen eines Wasserfalls sind ein schwacher Widerschein ihrer Präsenzen in der endlosen Tiefe eines Tals voller Wolken.

Ein Friedhof in der Stadt Derbent. Foto: Timur Agirow

Das Tolstoi-Denkmal ist mit einem Buch aus Bronze, einem Schwert und einer goldenen Inschrift in russischer und awarischer Sprache ausgeschmückt. Es ehrt Beide: den großen Schriftsteller und den awarischen Widerstandskämpfer, den Tolstoi in seinem Roman „Hadschi Murat" verewigte. Der Krieg ist im Kaukasus keine neue Erfindung.

Hadschi Murat kämpfte unter dem legendären Führer im Widerstand gegen die russische Eroberung des Nordkaukasus, dem Imam Schamil, dessen Kriegergeschichte ebenfalls in den Bergen fortlebt. In Dagestan werden neben dem Russischen über 30 Sprachen gesprochen, darunter Darginisch, Kumykisch, Lesgisch und Lakisch.

 

Für Stadtmenschen und Kulturfreaks: Machatschkala

Machatschkala mit seiner schäbigen Sowjetarchitektur erstreckt sich entlang der Küste wie ein zerzauster Sonnenanbeter. Ein üppiges Mahl in einem der hiesigen Restaurants ist der perfekte Abschluss eines Tages nach einem Ausflug in die Berge.

Zu den regionalen Spezialitäten gehören verschiedene Arten von Klößen, gefüllt zum Beispiel mit Nesselgemüse, die Teigtaschen Chinkali, die zu gekochtem Lamm mit Knoblauchsoße gereicht werden, oder die legendären Tschudu, Teigfladen mit Kürbis oder zerlassenem Käse. Auf Tafeln werden große Tomaten und gesalzener Frischkäse aus Schafsmilch, gewürzt mit frischem Koriander, rotem Basilikum, Frühlingszwiebeln, Dill und Senf-Kraut aufeinandergeschichtet.

Das alles und noch mehr gibt es in dem Restaurant Teremok in der Nähe des Museums für Schöne Künste in der ul. Gorkogo. In den sanierten ebenerdigen Sälen des Museums werden Ausstellungen gezeigt, während die obere Etage lokalen Handwerkstraditionen gewidmet ist. Dort ist auch die Tafel einer jahrtausendealten holzgeschnitzten Wiege zu sehen.

Ein Blick auf die Stadt Machatschkala. Foto: Timur Agirow

Verschiedene Kaukasusdörfer sind spezialisiert auf die Herstellung von Keramiken, Teppichen, Metallarbeiten und zeremoniellen Waffen. Ein Saal präsentiert die dagestanische Goldschmiedekunst, mit Filigranarbeit und Türkisen, Bernstein und Karneol versehene Schmuckstücke. Wer sich darüber hinaus für angewandte Kunst interessiert, sollte das Zentrum für Ethnische Kultur auf dem Pjotr I.-Prospekt besuchen. Dort gibt es einen Museums-Shop und eine schöne Ausstellung kaitagischer Stickereien in der darüber liegenden Galerie. Besucher können hier sogar traditionelle Gewänder anlegen.

Am Ufer des von Möwen bevölkerten Sees Ak-Gel wacht ein altes Denkmal des „Russischen Lehrers" über das Stadtmuseum. Dieses runde Marmorgewölbe wird für Vorführungen und Dokumentarfilme genutzt.

 

Das Nachtleben in Machatschkala

Langweilig wird es an den Abenden in Machatschkala nie. In Theatern gibt es Aufführungen in russischer, awarischer, kumykischer oder lagischer Sprache. Noch einfacher ist es, in den Genuss eines Puppenspiels zu kommen. Zudem laden unzählige Bars und Cafés ein, vom weichen Cognac der Region zu kosten.

Zum Tanzen bietet sich die atmosphärisch beeindruckende First Gallery in der benachbarten Küstenstadt Kaspijsk an. Die großen Fenster des Lokals führen hinaus auf das Kaspische Meer. Das an der Uferpromenade

gelegene Restaurant Breeze ganz in der Nähe kombiniert auf originelle Weise maritimes Flair mit Lichteffekten. Über der Tanzfläche leuchtet ein Sternenhimmel. Die Männer lassen ihre Waffen vor der Türe und präsentieren kunstvolle regionale Tänze. Die Tische sind beladen mit regionalen Weinen, gegrilltem Fleisch und gewürzten Auberginen.

Gastfreundschaft ist im Kaukasus eine heilige Tradition. Die großzügigen Mahlzeiten und warmherzigen Menschen machen die Region für Reisende außerordentlich attraktiv. Wer bei seiner Ankunft noch keine dagestanischen Freunde hatte, wird welche haben, wenn die Abreise naht. Eine Reise in dieses zauberhafte Land birgt eine bisher meist unerwähnte Gefahr: Die Zeit dort könnte so wunderbar sein, dass man für immer bleiben möchte.

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