Tote Orte in Russland

In den entlegensten Winkeln Russlands haben zerstörerische Naturereignisse, aufgegebene Ortschaften und „tote Projekte“ aus Zeiten des Kommunismus Orte entstehen lassen, die schon heute den Eindruck vermitteln, die Menschheit wäre untergegangen.

1.      Fort Alexander im Herzen von Sankt Petersburg


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Die als Wehranlage auf einer künstlichen Insel in der Mitte des Finnischen Meerbusens gebaute Festung „Zar Alexander I.“ spielte nie eine militärische Rolle. Am Anfang des 20. Jahrhunderts, während der dritten europäischen Pestepidemie, wurde sie in ein Labor für die Herstellung eines Impfstoffs gegen die Erkrankung umgerüstet. Die Wirksamkeit des Impfstoffs testete man an Pferden. Zu diesem Zweck wurde die Festung mit einem Aufzug für die Beförderung der Tiere in das Labor, mit einer Dampfheizung für die Pferdeställe und einem Krematorium für die Verbrennung ihre Kadaver ausgestattet. Trotz sehr strenger Kontrollen kam es innerhalb der Festung zu zwei Pestausbrüchen. Heute ist Fort Alexander ein Ausflugsziel. Hier soll in absehbarer Zeit ein Freizeitzentrum entstehen.

2.      Schiffsfriedhof im Nordpolarmeer


Foto: cr2.livejournal.com

Teriberka ist eine kleine Siedlung am nördlichen Ufer der Halbinsel Kola. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts als saisonal bewohntes Fischerdorf gegründet, entwickelte sich der Ort bald zu einem wichtigen Fischereizentrum. In den 1960er-Jahren des 20. Jahrhunderts, als die Hochseefischerei aufkam, ging dieser Wirtschaftszweig in Teriberka allmählich ein. Es gab keinen Hafen für die Abfertigung von Industrieschiffen. Die Fischer mussten in das nahe gelegene Gebietszentrum Murmansk abwandern. Die touristische Hauptattraktion der Siedlung ist heute ein am Ufer der Barentssee, einem Randmeer des Nordpolarmeeres, gelegener Schiffsfriedhof.

3.      Toter Wald auf Kamtschatka


Foto:Ivan Dementievsky

Der Vulkanausbruch am Tolbatschik auf der Halbinsel Kamtschatka im Jahr 1975 zog sich über ganze eineinhalb Jahre hin. In dieser Zeit brannte die Lava die an den Berghängen stehenden Taigawälder restlos nieder. Über das angrenzende Gebiet legten sich kilometerweit Asche und Schlacke. Die Vulkanwüsten ähnelten einer Marslandschaft so verblüffend, dass hier die ersten sowjetischen Mond- und Marsfahrzeuge getestet wurden. Ganze Wälder versanken in einer sieben Meter hohen Ascheschicht, auf der auch 39 Jahre später nichts mehr wächst.

4.   Entvölkerte Siedlung auf Spitzbergen

Foto: elnarperm.livejournal.com

Die Siedlung Pyramiden auf dem Breitengrad von Zentral-Grönland entstand einst als Bergarbeitersiedlung am weltweit nördlichsten Kohlebergwerk. Das Attribut „nördlichst“ passt hier zu allem – vom „nördlichsten Lenindenkmal“ bis zum „nördlichsten Revier der Welt“. In Zeiten des sowjetischen Wirtschaftsaufschwungs schaffte man einige Tonnen Schwarzerde nach Pyramiden. Den Rasen, der aus dieser „russischen Erde“ wuchs, durfte man nicht betreten. Neben diesem ungewöhnlichen Verbot ist auf der Inselgruppe ein weiteres bemerkenswertes Gesetz in Kraft. Auf Spitzbergen ist es verboten zu sterben, es gilt ein juristisches Sterbeverbot. Ereilt einen Menschen dennoch der Tod auf einer der Inseln, werden seine sterblichen Überreste auf dem Festland beigesetzt. Das ewige Eis würde die Verwesung nach dem Begräbnis verhindern und das Interesse von Eisbären und anderen Raubtieren wecken. 

Pyramiden wurde 1998 von seinen Bewohnern verlassen, nachdem der Kohlebergbau stillgelegt wurde.

5.      Ring der toten Städte in Sapoljare

Foto:varandej.livejournal.com

Das auf ewigem Eis gebaute Workuta war Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem Zentrum des Gulag-Lagersystems. Bis in die 1980er-Jahre wurden massenhaft Häftlinge hierhin verbannt. Dennoch arbeitete man daran, der Stadt eine andere Bestimmung zu geben. Die Arbeitersiedlung Workuta entstand an einem Ort, an dem Geologen Steinkohlevorkommen entdeckt hatten. Heute ist die Stadt von einem ganzen System an Vororten umgeben, Siedlungen in der Nähe der Gruben, in denen insgesamt 130 000 Menschen leben. Sie bilden den Ring von Workuta. Eine festgelegte Verkehrslinie mit einem Radius von 50 Kilometern schloss die sieben Städte ein und fuhr auch durch Workuta. Heute, im Zuge der Umsiedlung von Bewohnern des Hohen Nordens und der Grubenschließung, sind von den einst 13 Bergwerken nur noch fünf in Betrieb. Nur noch in zwei der sieben Siedlungen wohnen Menschen. Die übrigen entvölkerten Orte haben sich in Geisterstädte verwandelt, sie sind buchstäblich „eingefroren“ inmitten der schneebedeckten Tundra.

6.      Die Knochenstraße in Sibirien

Foto:tolstyakov.livejournal.com

Die verwahrloste Fernstraße Magadan-Jakutsk, einst von Gulag-Häftlingen gebaut, trägt den vielsagenden Namen „Knochenstraße“. Der Bau dieser Straße fand unter rauen Lagerbedingungen statt, häufig in extremer Kälte, die Zehntausenden Menschen das Leben kostete. Die Straße ist nicht mehr befahrbar, seit die noch in den 1930er-Jahren gebauten Brücken brüchig wurden. Das Lager Inlag, Erziehungs- und Arbeitslager am Indigirka, ist eines der kaum bekannten Lager des Todessystems Gulag.

7.      Polarkreiseisenbahn

Foto:ecotourist.net

Der Bau einer Bahntrasse entlang des Polarkreises von Salechard nach Igarka war ein gigantisches Gulag-Vorhaben. Ungeachtet der erschwerten natürlichen Bedingungen – Moore, Temperaturen bis minus 50 Grad Celsius und unwegsames Gelände – schritt der Bau zügig voran. Die Häftlinge erschlossen jährlich hundert Kilometer der Strecke. Im Unterschied zu anderen Großbauten des Kommunismus blieb die Polarkreiseisenbahn als „totes“ Projekt erhalten. Obwohl ihre Spuren teilweise beseitigt wurden, findet man entlang der Trasse fast unberührte Baracken, Häuser, Bahnstationen und vom Rost zerfressene Lokomotiven. Über Einzelheiten informiert das Museum der Polarkreiseisenbahn in der Stadt Salechard.

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