Tschum, Rentiere und Tee: Überleben in der Tundra

Die Tschuktschen messen ihr eigenes Kapital in Rentieren. Foto: Ramil Sitdikov / RIA-Novosti

Die Tschuktschen messen ihr eigenes Kapital in Rentieren. Foto: Ramil Sitdikov / RIA-Novosti

Welche acht Dinge braucht man neben Freunden und einer Rentierherde noch, um in der Tundra zu überleben? RBTH begab sich in den kargen und schneereichen Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen und lernte zu überleben.

Die russische Tundra ist eine der unwirtlichsten Regionen unseres Planeten. Im Winter erreichen die Temperaturen hier Spitzenwerte von bis zu minus 50 Grad Celsius. Trotz der polaren Kälte wird dieser Teil Russlands von Menschen bewohnt: den Nenzen. Dieses Volk lebt dort bis heute nach den antiken Traditionen ihrer Vorfahren. Wer sich nun fest vorgenommen hat, die Heimat der Nenzen zu erkunden, sollte die folgenden Tipps unbedingt auf seine Reise mitnehmen.


Wie man ein Tschum baut

Erstens: Bauen Sie ein Tschum. Die Männer unter Ihnen können diesen Tipp ruhig überspringen, da sie sich mit dem Bau dieser Spitzjurte nicht befassen müssen. Denn laut den alten Traditionen der Nenzen sind alle Arbeiten, die im und rund um das Haus anfallen, Frauensache – auch dessen Errichtung. Die älteste Frau unter diesen beaufsichtigt dabei sämtliche Arbeiten und verteilt die Aufgaben.

Für ein gut befestigtes Tschum muss zunächst ein großer kreisförmiger Graben ausgehoben werden. Wundern Sie sich dabei aber nicht, wenn Sie unter dem Schnee nochmals Schnee finden und darunter noch eine dicke Eisschicht finden. Immerhin befinden Sie sich in der Permafrost-Zone, was bedeutet, dass Sie in den darauffolgenden Tagen Schnee, der hier nur schwer taut, sogar unter Ihren Betten finden werden.

Im Zentrum des Kreises positionieren Sie nun einen Kanonenofen. Entlang des ausgehobenen Kreises vergraben Sie schließlich lange Holzbalken, die Sie an der Spitze mit einem Seil zusammenbinden, sodass ein kegelförmiges Gestell entsteht – das Grundgerüst Ihres Tschums ist somit fertig. An dieser Stelle soll man allerdings gewarnt sein: Seien Sie nicht zu

übereifrig und vergraben Sie die Balken nicht zu tief in den Boden, denn dann würde Ihr Tschum mit der Zeit einsinken und mit dem einhergehenden Herabsinken der Decke würde das Wohnen darin unangenehm werden. Allerdings sollten Sie die Holzbalken auch nicht zu oberflächlich eingraben, da sonst der starke Wind Ihr Tschum einfach umwehen wird. Wenn das Gerüst der Spitzjurte gut befestigt ist, bespannen Sie es mit einer Plane, die Sie mit Hirschfellen bedecken. Diese gut gepolsterten Wände werden Sie selbst bei starkem Wind zuverlässig schützen. Nun fehlen noch Bretter und Felle, die Sie im Innern Ihrer Spitzjurte verlegen – Ihr Apartment ist fertig.


Zu Gast bei den Nenzen

Frauenalltag in der Tundra: den Tschum in Ordnung halten und für den nächsten Umzug packen. Foto: Alexej Babuschkin / RIA-Novosti

Zweitens: Lernen Sie, wie man ein Tschum richtig betritt. Wenn Sie in eine dieser Spitzjurten hineingehen, drehen Sie sich einmal um Ihre eigene Achse. Dies ist Tradition bei den Nenzen und wohl der einzige Weg, sich nicht in dem Fell zu verfangen, das die Türöffnung verdeckt.

Drittens: Gewöhnen Sie sich daran, bei eisiger Kälte zu schlafen. In einem Tschum schläft man direkt auf dem mit Hirschfellen ausgelegten Boden. Am Abend sollten Sie gut einheizen. Der Ofen wird aber dennoch bis zum Morgen kalt werden und mit ihm die Luft in Ihrer Spitzjurte. Gegen Morgen gleicht sich die Temperatur im Innern des Tschums nahezu an die Außentemperatur an. Es empfiehlt sich daher, einen wintertauglichen Schlafsack zu beschaffen. Dieser sorgt für erholsamen Schlaf, auch wenn dieser nur einige Stunden andauert.

Viertens: Freunden Sie sich mit den Nachbarn an. Denn alleine in der Tundra zu überleben, ist sehr schwierig. Daher bestehen die Siedlungen der Rentierzüchter immer aus mehreren Tschums. Ihre Besitzer sind im Großen und Ganzen freundliche Menschen, doch wenn sie Sie zu sich nach Hause einladen, sollten Sie dennoch einige einfache Regeln beachten. Zunächst halten Sie sich in der Spitzjurte auf der rechten Seite vom Eingang aus gesehen auf, da dies die Gästeseite ist. Der Wohnraum im Tschum ist nämlich in zwei Teile aufgeteilt: Links neben dem Eingang lebt der Hausherr mit seiner Familie und rechts befindet sich die Gästeseite. Sollten Sie dennoch einmal auf die Seite des Hausherrn wechseln, gehen Sie immer am Eingang vorbei. Denn die gegenüberliegende Seite des Eingangs ist für die Nenzen ein heiliger Ort, den man nicht betreten sollte. Ist man zu Gast bei den Nenzen, so kann man zudem beispielsweise Früchte wie Orangen oder Äpfel als Geschenk mitbringen. Dafür werden Ihnen die Gastgeber sehr dankbar sein, weil in der Tundra weder Obst noch Gemüse wächst.


Kaum Netz und nichts für Vegetarier

Alleine in der Tundra zu überleben, ist sehr schwierig. Freunden Sie sich mit den Nachbarn an. Foto: Oleg Pashuk / RIA-Novosti 

Fünftens: Bleiben Sie stets in Verbindung mit der Außenwelt. Da die Mobilfunknetzabdeckung in der Tundra nicht gerade die beste ist, man aber dennoch mit jemandem telefonieren möchte, muss man auf die meistens bis oben hin mit Säcken bepackten Hundeschlitten steigen, sich auf die Zehenspitzen stellen und dabei in das Telefon schreien, um verstanden zu werden. Wenn man danach sein Handy aufladen möchte, dann kann man das an Generatoren machen, von denen fast jeder Rentierzüchter einen besitzt. In manchen Tschums findet man sogar Fernseher oder Notebooks – wenn auch ohne Internetzugang.

Sechstens: Trinken Sie fünf Mal am Tag „Tee“. Bei den Nenzen wird jedes

Mahl als „Teetrinken“ bezeichnet. Dabei werden zum Tee eine Flasche Wodka und etwas zu Essen serviert. Das Essen besteht zudem zu 99 Prozent aus Rentierfleisch, was bedeutet, dass man vier bis fünf Mal am Tag Tee trinken und Rentierfleisch essen wird. Doch ob man es glaubt oder nicht, man wird es nicht satt haben, im Gegenteil: Gegen Abend wird man nur noch von einem sechsten Mal Tee und Rentierfleisch träumen. Denn bei den Nenzen heißt es für jeden von früh am Morgen bis spät in die Nacht, harte Arbeit zu verrichten, und das draußen in der Kälte der Tundra.

An Feiertagen werden bei den Nenzen gefrorene Forellenschnitzel und eingemachte Heidel- sowie Preiselbeeren gegessen. Doch was tatsächlich für manche gewöhnungsbedürftig sein könnte, ist das wenige Geschirr, das einem zur Verfügung steht. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sich, wenn man ständig seinen Wohnort wechselt – die Nenzen sind Nomaden, die mit ihren Rentierherden durch die Tundra ziehen – Geschirr nur schwer transportieren lässt. Daher essen alle gemeinsam aus einigen, wenigen Tellern.


Die Rentiere sind das Kapital

Die Hoffnung stribt zuletzt: Es gibt kein Wi-Fi in der Tundra. Foto: Sergey Eshenko / RIA-Novosti.

Siebtens: Lernen Sie, die Rentiere voneinander zu unterscheiden. Wenn bei den Nenzen ein Kind seinen ersten Milchzahn bekommt, dann wird diesem ein Rentierkitz geschenkt. Weitere Anlässe, zu denen ebenfalls Jungtiere verschenkt werden, sind beispielsweise Geburtstage. Dann kann es sein, dass eine Großmutter ihrem Enkelkind als Geburtstagsgeschenk oder zum Abschluss des Schuljahres ein Rentierkitz überreicht. Auf diese Weise erhalten Kinder bis zur Vollendung ihres 18. Lebensjahres ihr eigenes Kapital, das in Rentieren gemessen wird.

Die Rentierkitze werden meistens in der Nähe des Tschums gehalten. Wenn die Tiere dann ausgewachsen sind, werden sie in die gemeinschaftliche Herde integriert, die oft aus mehreren tausend Tieren bestehen kann. Doch keine Angst: Jeder Rentierzüchter kann seine Tiere schon aus der Weite erkennen.

Achtens: Hörner absägen nicht vergessen. Dies ist keinesfalls ein Witz, da rechtzeitig gestutzte Geweihe einem das Leben retten können. Denn bevor man einem Rentier das Gespann anlegt, ist es sehr wichtig, dass ihm vom Geweih sorgfältig ein Horn abgesägt wird, damit das Tier seinen Herren nicht so einfach verletzen kann. Der Rest vom Geweih wird deswegen nicht gestutzt, damit sich die Rentiere in der Herde verteidigen können, sollten sie jemals in eine Auseinandersetzung mit anderen Rentieren geraten.

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