Angarsk: Sankt Petersburg in Sibirien

Foto: Lori / Legion Media

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Angarsk ist eine einzigartige Mischung aus Sibirien und Sankt Petersburg. In der Stadt gibt es viel zu sehen – vom einzigen Uhrenmuseum Russlands über seltene Mineralien bis hin zu ungewöhnlichen Denkmälern.

Angarsk ist eine Stadt mit sehr vielen und zugleich gegensätzlichen Facetten: schmale Gassen mit gestrichenen Holzhäuschen in allen Farben des Regenbogens, an denen quietschende Straßenbahnen vorbeifahren, eine zauberhafte Taiga-Landschaft und brausende Bergflüsse auf der einen Seite, die größten erdölverarbeitenden Unternehmen Russlands und Gefängnisse auf der anderen.

Um zur Stadt zu gelangen, kann man die Strecke von Moskau nach Irkutsk mit dem Flugzeug in fünfeinhalb Stunden zurückzulegen. Vom Flughafen aus erreicht man die 50 Kilometer entfernte Stadt Angarsk mit dem Bus.


Die Anfänge der Stadt

Dem Bau des großen petrochemischen Werks verdankt Angarsk seine Entstehung. Nach dem Krieg lieferte Deutschland als Wiedergutmachung für die Kriegsverluste eine besondere Anlage zur Herstellung synthetischen Flüssigkraftstoffs. Ab 1947 wurden einige Jahre lang die mehrteiligen Maschinen mit der Transsibirischen Eisenbahn zum Fluss Angara und seinen Nebenfluss Kitaja transportiert. Dieses Gebiet war von einem dichten Kiefernwald bewachsen, der Wild, Beeren und Pilze zu bieten hatte und daher ein beliebtes Naherholungsgebiet der Verwaltungsbeamten von Irkutsk war. Nach einem Befehl von Stalin wurde der Ort zu einem Werksgelände umfunktioniert.

Die Bauarbeiter und Industrieexperten unternahmen lange Dienstreisen in die neue Siedlung, wo man ihnen Wohnraum zur Verfügung stellte und individuell festgelegte Löhne zahlte. Viele Architekten aus Leningrad wurden in die Bauprojekte einbezogen. Das erklärt auch, warum einige Gebäude in Angarsk aussehen wie Kopien aus Sankt Petersburg, so etwa die Zufahrt zur Stadt über die Lenin-Straße, von der Seite des Eisenbahn-Bahnhofs, das sogenannte Angarski-Tor. 

Die zwischen den Stadtvierteln verlaufenden Straßen sind von zahlreichen kiefernbewachsenen Parkanlagen durchzogen. Die Parks trennen die Stadt von den Industriezonen, die sie von allen Seiten umgeben. Der grünste Bezirk, der an das echte Sibirien erinnert, ist die Siedlung Kitaja. Sie erstreckt sich entlang des gleichnamigen Bergflusses. Sandstrände, Zedern und Kiefern säumen hier die Ufer. Der Kitaja ist voller Stromschwellen und grobem Geröll und nicht schiffbar. Das nutzen Kanufahrer, die aus ganz Russland kommen, um hier zu trainieren. Der Kitaja ist auch ein Mekka für Angler. Er beherbergt Gräslinge, Lenoks, Taime, Hasel, Hechte, Gründlinge, Flussbarsche und Aale. 

An den Ufern erheben sich schroffe Felsen, aus denen klare Quellen sprudeln, und man findet auch echte Höhlen. Die bekannteste unter ihnen ist die Höhle Kosij dwor, zu Deutsch „Ziegenhof“. Sie ist eine beeindruckend tiefe Senke, deren Boden ganzjährig mit Eis bedeckt ist. Benannt ist die Höhle nach Ziegen und Gämsen, die die steilen Felswände hinabstürzten und deren Knochen man in der Höhle fand.


Das einzige Uhrenmuseum Russlands

Wie in Sankt Petersburg fahren auch in Angarsk viele Straßenbahnen. Das Schienennetz erstreckt sich heute über insgesamt 77,7 Kilometer. Die schönste Straßenbahnroute führt über die Hauptstraße von Angarsk, die Karl-Marx-Straße. Man fährt an der polytechnischen Fachhochschule vorbei, dem längsten Gebäude von Angarsk. Zu sehen ist auch ein Haus, aus dessen Fenstern Ofenrohre herausführen – diese waren notwendig für die Ofenheizung, bevor die Zentralheizung eingeführt wurde. Auch das Haus des Künstlers, in dem sibirische Maler ihre Arbeiten ausstellen, liegt auf dieser Strecke, und direkt daneben das in ganz Russland bekannte Uhrenmuseum.

Das Uhrenmuseum sollte das wichtigste Museum von Angarsk und das einzige in Russland werden. Es besitzt über 1 300 Exponate. Seine Gründung im Jahr 1968 ging auf die Initiative von Pawel Kurdjukow zurück, einem Schlosser und Werkzeugbauer, der sich seit seiner Kindheit für Uhrwerke interessierte.

Neben den einfachsten Sonnen-, Wasser,- Sand- und Feueruhren sind hier auch ausgefallene Konstruktionen ausgestellt, zum Beispiel Uhren in Form einer Dampflok oder eines Dampfmotors. Manche Uhren wurden speziell für Flugzeuge, Panzer, Autos oder Weltraumstationen angefertigt – ein besonderes Geschenk des Weltraumfahrers Georgi Gretschko.  

Das Museum für Mineralien, das zweitbedeutendste Museum in der Stadt, verfügt heute über eine wertvolle Sammlung von Steinen aus allen Regionen der ehemaligen UdSSR und der Mongolei. Zunächst war das Museum aus einer wertlosen Sammlung von Steinarten, die Geologen aus Angarsk zusammengetragen hatten, entstanden. Einige bunte Halbedelsteine sind einzigartig in ihrem Vorkommen. Den Tscharoit etwa findet man an nur einem Ort der Welt, im Grenzgebiet zwischen der Oblast Irkutsk und Jakutien. Der sowjetische Geologe Jurij Rogow, der Entdecker des Steins, weigerte sich sogar, es dem Mineralienmuseum des Louvre zu verkaufen, das die weltweit umfassendste Sammlung von Mineralen bietet.


Die Stadt der ungewöhnlichen Denkmäler

Die bekannteste Attraktion von Angarsk ist die Uhr am Gebäude des Postamts im Stadtzentrum. In der Stadt mit dem einzigen Uhrenmuseum Russlands musste schließlich eine große Turmuhr gebaut werden. Das Uhrwerk entwarf Kurdjukow. Es war ihm wichtig, dass die Uhren schlagen und ihre eigene Melodie spielen. Die Konstruktion einer so großen Turmuhr erwies sich als relativ kompliziert. Das Ziffernblatt wurde aus Blattgold hergestellt, die römischen Ziffern goss man aus Dural und bestrich sie mit Bronzefarbe. Die Uhr arbeitet mit Elektroantrieb, dessen komplexen Mechanismus nach dem Tod des Meisters niemand mehr in Gang bringen konnte.

Foto: Uhrenmuseum von Angarsk

Ein wichtiges Denkmal der Stadt ist den politischen Gefangenen gewidmet. Es befindet sich am Anfang der Moskauer Straße, der Zufahrt in die Stadt vom Westen her. Von dort brachte man die Häftlinge in die sibirischen Gefängnisse. Das Denkmal ist das einzige seiner Art auf der Strecke vom Ural zum Pazifik. Diese Fernstraße diente einst nicht nur als Handelsweg, der den europäischen Teil Russlands mit China verband, sondern stellte auch einen verzehrenden Abschnitt im Leben von politischen Häftlingen, Gefangenen und Dekabristen dar. Sie wurden über den Trakt nach Sibirien gefahren, zu je 200, manchmal 500 Personen in Ketten gelegt. Gequälte

Lieder und das Klappern der Ketten begleiteten diese grausame Prozession. Gelang einem Gefangenen die Flucht, konnten die Begleitposten jeden beliebigen anderen Menschen auf diesem Weg greifen und anstelle des Flüchtigen ausliefern.

Angarsk hat sich durch seine ausgefallenen Denkmäler den Ruf einer ungewöhnlichen Stadt erworben. Nur hier wurde zum Beispiel dem Sibirischen Murmeltier ein Denkmal gesetzt. Dieses Tier rettete das Gebiet Irkutsk in den schweren Zeiten der Wirtschaftskrise der achtziger und neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Aus seinem Fell wurden die in ganz Russland begehrten Mützen genäht. Jede zweite Familie verdiente hier an der Herstellung von Mützen aus Murmeltier-Fell.

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