Datschenurlaub bei Dichtern und Denkern

Die Datsche von Komarowo. Foto: Ewgenij Lissizyn

Die Datsche von Komarowo. Foto: Ewgenij Lissizyn

Einst auf finnischem Gebiet gelegen sind die Orte Komarowo und Selenogrosk längst der Traum für ein Sommerhäuschen vieler Russen geworden – kein Wunder, denn die Nachbarschaft ist prominent.

Die Stadt Selenogorsk und der Datscha-Ort Komarowo, auf Finnisch auch Kellomäki, gehören zu den bekanntesten Sommerhausorten in der Karelischen Landenge. Genau wie Repino, ein Vorort Sankt Petersburgs, assoziiert man hierzulande diese beiden Kurorte vor allem mit Kultururlaub. Denn einerseits befinden sich die Orte auf ehemaligem finnischem Gebiet und andererseits wohnten hier vor der Oktoberrevolution und später zu Zeiten der Sowjetunion unzählige Schriftsteller, Künstler, Architekten und andere bedeutende Intellektuelle in ihren Datschas oder Ferienhäusern.


Komarowo – der Glockenhügel

Die Gründung des Ortes Komarowo geht auf den Erbau der Eisenbahnstation Kellomäki im Jahre 1901 zurück. Bevor der Ort entstand und der Sommerhausboom auf der Karelischen Landenge anfing, war

diese Region nur sehr dünn besiedelt. Damals nannte man die Gegend auf Finnisch „Hirvisuo“, was zu Deutsch „Elchsumpf“ bedeutet. Irgendwann begann man, auf einem Hügel zwischen den Kieferbäumen Glocken aufzuhängen. Damit wurde die Mittagspause für die Bauarbeiter, die die vielen Datschas erbauten, eingeläutet. So entstand die russische Bezeichnung „Kolokolnaja gorka“, was auf Finnisch „Kellomäki“ und auf Deutsch „Glockenhügel“ bedeutet.

15 Jahre nach der Gründung des Kurorts zählte die Ortschaft bereits etwa 800 Sommerhäuser. So befanden sich hier unter anderem das Sommerhaus der berühmten Ballerina Matilda Kschessinskaja und das des weltberühmten Goldschmieds Peter Carl Fabergé, des Hofjuweliers der russischen Königsfamilie. Auch der berühmte Architekt und Vertreter des frühen Jugendstils Gawriil Baranowskij besaß eine kunstvoll mit handgeschnitzten Holzornamenten geschmückte Datscha, genannt „Arfa“, zu Deutsch „Harfe“. Diese hatte er selbst entworfen und in Komarowo erbaut. Bedauerlicherweise ist sie nicht erhalten geblieben. Darüber hinaus gibt es in der Ortschaft seit Anfang des 20. Jahrhunderts das Theater Riz, wo vorbeiziehende Theatergruppen ihre Vorstellungen darboten.

Eine mit handgeschnitzten Holzornamenten geschmückte Datsche in Komarowo. Foto: Ewgenij Lissizyn

Aus diesem Grund gilt Komarowo traditionellerweise als der begehrteste Datschenort in der Umgebung von Sankt Petersburg. Viele träumen bis heute davon, einmal hier ihr Sommerhaus bauen oder kaufen zu können. Immerhin verbringen hier auch einige Kulturschaffende und Politiker ihren Urlaub. Nichtsdestoweniger ist Komarowo ein eher ruhiger Ort, in dem mehr auf Erholung als auf Unterhaltung gesetzt wird.


Freizeitbeschäftigungen

In Komarowo hat man die Möglichkeit, entspannende Spaziergänge vorbei an Sommerhäusern und Kieferbäumen zu machen. Man kann zum malerischen, kristallklaren Gletschersee Schutschje wandern und den bekannten Friedhof von Komarowo besuchen. Dort ist unter anderem auch die russische Dichterin Anna Achmatowa begraben, die hier einst eine kleine Datscha besaß.

Zudem kann man das kleine Heimatmuseum besuchen, wo man die drei wichtigsten Entwicklungsetappen der Ortschaft bestaunen kann: das Silberne Zeitalter, das Zeitalter der finnischen Emigranten und die Sowjetzeit. Ein Teil der Museumsausstellung besteht aus der nostalgischen Nachbildung einer Datscha aus den 1950er- und 1970er-Jahren.

Die Datsche von Anna Achmatowa. Foto: Ewgenij Lissizyn

Wenn man einen Ausflug zum Finnischen Meerbusen macht, dann sollte man es sich auf keinen Fall entgehen lassen, den einzigartig schönen Hang des einstigen Meerufers herabzusteigen. Denn dabei kann man auf beiden Seiten des Weges fast ein Jahrhundert alte, aufwendig geschnitzte hölzerne Höfe und düstere Steinhäuser bewundern. Leider sind diese größtenteils verlassen und verödet, trotzdem faszinieren sie mit einer geheimnisvollen Schönheit.


Selenogorsk

Die Nachbarstadt Komarowos – einst unter dem finnischen Namen Terijoki bekannt – ist für ihre gepflegten und im Sommer stets feierlich gestalteten, bunten Wiesen bekannt. Wie jede Kleinstadt verfügt auch Selenogorsk über eine Hauptstraße, die nach dem sozialistischen Revolutionär Lenin benannt ist.

Auf der rechten Seite der Hauptstraße befinden sich zwei Kirchen. Eine davon ist als die Lutherische Kirche in Terijoki bekannt. Sie wurde von 1907 bis 1908 vom Architekten Josef Stenbäck erbaut. In den 1940er-Jahren befand sich ein Kino in der Kirche. In den 2000ern wurde die Kirche restauriert und in neuem Glanz wieder der Gemeinde übergeben. Neben der Lutherischen Kirche befindet sich noch ein kleiner finnischer Friedhof im Ort. Wer im Sommer gerne Konzerte besucht, der kommt bei dem Musikfestival „Leto w Terijokach“, das die Kirche jeden August veranstaltet, voll auf seine Kosten.

Die Lutherische Kirche in Selenogorsk. Foto: Ewgenij Lissizyn

Die andere Kirche ist die orthodoxe Muttergotteskirche, die 1910 anstelle des hölzernen Gotteshauses erbaut wurde. Im 20. Jahrhundert wurde die Kirche jedoch von zahlreichen Ereignissen erschüttert: Sie überstand einen Orkan, eine Überschwemmung, einen Brand, einen Raub, den Krieg und sogar mehrmaligen Beschuss. Die Kirche wurde eine Zeit lang als Lager verwendet. Danach wurde sie unter der Leitung des Heimatmuseums von Komarowo restauriert und neu eingerichtet. 1988 entschloss man sich dazu, die Kirche der orthodoxen Gemeinde zurückzugeben.

Die Stadt Selenogorsk ist zudem ein Ort, an dem man viele Skulpturen bestaunen kann, so beispielsweise „Die lesende Ameise“, den „Dackel“, den „Sessel der Großmutter“ und noch viele mehr.

Das eigentliche Stadtzentrum Selenogorsks ist ein Platz, der sich auf der Lenin-Straße vor einer Schule im neoklassischen Stil auf einem Hügel befindet. Von dort aus kann man wiederum auf die breite Parkallee, die zum Finnischen Meerbusen führt, hinabblicken. Im Zentrum der Stadt steht zudem noch eine Leninstatue auf einem massiven Granitsockel, die mit einer offenen Geste das Meer begrüßt.

Rechts von der Allee gesehen befindet sich direkt in der Bucht der Jachtklub. Es ist ein modernes Bauwerk, das dem historischen Gebäude, das sich Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts dort befunden hat, nachempfunden wurde. Dabei ist zu erwähnen, dass vor der Oktoberrevolution fast alle Datschenbesitzer in Terijoki über eine Jacht verfügten. Der Klub war in dieser Zeit äußerst beliebt und veranstaltete regelmäßig Jachtrennen und Regatten.


Der Jachtklub von Selenogorsk. Foto: Ewgenij Lissizyn

In Selenogorsk besaß außerdem Friedolf von Haartman, ein Jachtenliebhaber und Gründer der Finnischen Schifffahrtsgesellschaft, ein eigenes Sommerhaus. Ihm unterstand lange Zeit fast der gesamte Schiffsverkehr in Sankt Petersburg, Sewastopol, Terijoki und Komarowo, und er nahm die ersten Straßenbahnen in Nischnij Nowgorod in Betrieb. Einige andere malerische, hölzerne Datschen aus der Zeit des Sommerhausbooms blieben zwar bestehen, doch die meisten von ihnen verfielen mit der Zeit.

Wie in allen Städten, die zu Kriegszeiten an der Front lagen, gibt es auch in Selenogorsk eine Gedenkstätte, die an die Gefallenen im Zweiten Weltkrieg erinnert. Dabei handelt es sich um eine massive Granitgedenkstätte mit einer Ewigen Flamme.

Unweit von Selenogorsk, in der Ortschaft Iljitschewo, befindet sich zudem das Museum Jalkala, das 1940, kurz nach der Beendung des Finnisch-Sowjetischen Kriegs, als Gedenkstätte für Lenin gegründet wurde. Das

Haus der Familie Parviainen, in dem sich Lenin damals für einige Zeit versteckt hielt, wurde zu Zeiten der Sowjetunion mit einer modernistischen Überdachung aus Beton ausgestattet. 1993 wurde neben dem Haus der Familie Parviainen auch das Ethnografische Museum der Indigenen Bevölkerung der Karelischen Landenge eröffnet. Dort kann eine Statue, die zu Lenins Ehren errichtet wurde, besichtigt werden: ein aus einem Findling gemeißelter Lenin, der in ein Buch vertieft ist. Um die Statue herum sind zudem noch Kultstätten mit hölzernen, heidnischen Gottheiten aus dem Epos Kalevala errichtet worden, was zwar das Museum Jalkala zu einem äußerst sonderbaren, aber dennoch zu einem auf seine eigene Weise angenehmen Ort zum Entspannen macht.