Banjas und Badehäuser: Schätze von Sankt Petersburg

Die berühmte antike Galerie wurde Anfang der 1770er-Jahre für Katharina der Große in ihrer Residenz in Zarskoje Selo gebaut. Foto: B. Manjuschin / RIA Novosti

Die berühmte antike Galerie wurde Anfang der 1770er-Jahre für Katharina der Große in ihrer Residenz in Zarskoje Selo gebaut. Foto: B. Manjuschin / RIA Novosti

Der Besuch von Badehäusern und Banjas war für jeden Russen ein Muss. Zaren und Fürsten haben dabei für ihre Vergnügungsorte keine Kosten gescheut. Einzigartige Museen bei Sankt Petersburg laden ein, die Geschichte der russischen Bäderkultur zu entdecken.

Peter der Große führte 1704 die Steuer auf private und öffentliche Bäder ein, um das Budget für die Armee und Flotte im Großen Nordischen Krieg aufzustocken. Sie war eine Abgabe, die es verdient hat, in die Liste der zehn absurdesten Steuern der Menschheitsgeschichte aufgenommen zu werden.

Von dem Zeitpunkt der Einführung dieser Bädersteuer an mussten für private Bäder Angehörige des Senats und Kaufleute jährlich drei Rubel, einfache Adlige, Händler und Stadtbewohner ohne Adelstitel einen Rubel abführen. Die Bauern mussten lediglich 15 Kopeken aufbringen. Nach historischer Überlieferung befolgte der Zar mit dieser Regelung den

Ratschlag seines engsten Gefolgsmanns Alexander Menschikow. Die Überlegung dahinter war einfach: Ein Russe kann ohne Dampfbad nicht leben, also wird ihn auch eine Steuer von dieser Gewohnheit nicht abhalten. Die Beziehung zur Banja, dem russischen Dampfbad, galt außerdem als Prüfung der Beziehung eines Russen zur russischen Nation – ein Mann, der nicht in die Banja ging, war zumindest verdächtig.

Einen Einblick in den Aufbau und die Traditionen der höfischen Banjas und Badehäuser für die Ritter des 18. und 19. Jahrhunderts vermitteln die Vorstädte von Sankt Petersburg. Im Katharinenpark der Stadt Puschkin gibt es drei anschauliche Banjas: die Pavillons „Oberes Bad“ und „Unteres Bad“, welche im 18. Jahrhundert das Badehaus der Ritter war, sowie die neben dem Katharinenpalast gelegenen Thermen des Architekten Charles Cameron, die sogenannten „kalten Banjas“. In Peterhof, einer anderen Residenzstadt der Zaren, befindet sich im Unteren Park das Lustschloss Monplaisir, an dessen östlichem Flügel ein Badehaus grenzt.

 

Badehaus in Peterhof

Vor Kurzem eröffnete in Peterhof nach einer Restaurierung ein weiteres Museum, das den Gepflogenheiten des Banjabesuchs von Zaren und Fürsten in Russland Mitte des 18. Jahrhunderts gewidmet ist.

Das Museum der Banja-Kunst in Peterhof. Foto: Lori/LegionMedia

Das eingeschossige Badehaus, ein Backsteingebäude, wurde 1866 nach einem Entwurf von Eduard Gan gebaut, der sich mit seinen Bauwerken in den Parkanlagen im Süden des Finnischen Meerbusens einen Namen gemacht hatte. Der erste Teil des Komplexes war für die Baderäume Maria Alexandrownas, der Frau von Zar Alexander II., bestimmt. In einen anderen Teil des Museums war das frühere Badehaus für die Ritter und Hofdamen

untergebracht. Im Jahr 1800 wurde die Banja nach Plänen von Giacomo Quarenghi umgestaltet. Diese waren den Bedürfnissen der Zarin Maria Fjodorowna, der Gattin von Paul I., angepasst, die mit einer schwachen Gesundheit zu kämpfen hatte. Im 19. Jahrhundert wurde das Badehaus den Rittern und Hofdamen gewidmet. Heute kann man dort einen Erholungsraum, eine Sauna und einen Raum mit Wasserbecken besichtigen. Der Erholungsraum diente zudem dazu, alle möglichen Heilverfahren, zum Beispiel den Aderlass, durchzuführen. Die dafür vorgesehenen Messer sind im Museum ausgestellt.

 

Die Bäder für Zaren und Ritter in Zarskoje Selo

Katharina die Große war ihrer Herkunft nach zwar Deutsche, nahm aber auch leidenschaftlich gerne Saunabäder. Zeitgenossen der Zarin berichteten, dass sie sich diesem Vergnügen nicht alleine, sondern in Begleitung ihrer Liebhaber hingab. Auch Getränke und Speisen durften in der Banja nicht fehlen.

Im Pavillon „Oberes Bad“ in Zarskoje Selo konnte Katharina der Große nicht nur saunieren, sondern auch baden. Dieses Bad wurde ausgerechnet für sie errichtet. Foto: Lori / LegionMedia. 

Zarskoje Selo entstand im Jahr 1717 mit dem Bau der „Steingemächer“ für Katharina I. etwa 25 Kilometer entfernt vor Petersburg. Der erste Palast war ein nicht sehr großer einstöckiger Bau. Aus hygienischen Gründen baute man mit dem Palast zugleich ein Badehaus für die Zarin und ein eigenes für die Hofdamen und Ritter. 1779 wurden die alten Holzbäder nach den Plänen des Architekten Ilja Nejelow durch moderne Anlagen aus Stein im Stil des Frühklassizismus ersetzt. Für Katharina die Große entstand am Ufer des Spiegelteichs der Pavillon „Oberes Bad“, wo die russische

Herrscherin nicht nur saunieren, sondern auch baden konnte. Das russische Wort „wanna“, vom deutschen Wort „Wanne“, kam bezeichnenderweise unter Katharina der Großen in Russland in Gebrauch.

Das „Untere Bad“ beziehungsweise das „höfische Schwimmbad des 18. Jahrhunderts“ ließ Nejelow, damals Hauptarchitekt der Geschäftsräume von Zarskoje Selo, im Jahr 1779 errichten. Außer diesen Pavillons entwarf und baute Ilja Wassiljewitsch in Zarskoje Selo unter anderem das Chinesische Theater und die Manege an der ul. Sadowaja, den Seitenbau des Großen Palastes, in dem später das Lyzeum untergebracht war.

 

Die Thermen von Cameron

Anfang der 1770er-Jahre kam Katharina die Große auf die Idee, in eine ihrer Lieblingsresidenzen, dem Zarskoje Selo, das Flair des antiken Roms einziehen zu lassen. Jahre später setzte Charles Cameron diese Idee mit dem Bau luxuriöser römischer Bäder um. Er orientierte sich mit seinen Entwürfen an den Thermen Konstantin des Großen, jenes römischen Herrschers, der das Christentum im Römischen Reich zur herrschenden Religion machte.

Dieser neue Komplex entstand neben den persönlichen Gemächern der Zarin und dem Seitenbau, in dem der letzte Geliebte der 60-jährigen Katharina, der Graf Platon Alexandrowitsch Subow, damals 22 Jahre alt, lebte. Die Anlage von Cameron besteht aus mehreren Gebäudeteilen – dem Baderaum selbst (einer kalten Banja), den Achatzimmern im ersten Stock sowie der berühmten, von der Zarin für Spaziergänge und philosophische Gespräche gewünschten antiken Galerie. Außerdem hatte der Gebäudekomplex einen hängenden Garten, der eine Brücke zu den oberen Räumen bildete. Die Komposition vollendete eine Wegerampe, die von der ersten Etage in den Katharinenpark hinabführte.

 

Unbeschwerte Anreise

Die beschriebenen Badehäuser erreicht man am besten mit dem Auto. Eine direkte Verbindung zwischen Puschkin und dem 46 Kilometer entfernten Peterhof gibt es nicht. Vom Katharinenpark in Puschkin folgt man der Parkowaja ul., die zur Wolchonskoje schosse führt. Von dort aus fährt man bis zur Kreuzung der Staropetergofskoje schosse.

Die beiden berühmten Museen lassen sich auch öffentlich mit zwei Linienbussen oder zwei Vorortzügen erreichen. In jedem Fall muss man in Sankt Petersburg umsteigen. Die Fahrt mit dem Bus beginnt an der Metrostation „Moskowskaja" und geht weiter in die Stadt Puschkin mit den Linien 286 oder 299. Wieder in Sankt Petersburg fährt man bis zur Haltestelle „Baltijski woksal" und weiter mit den Buslinien 350, 351 oder 352 bis zur Station „Fontany" in Peterhof.

 Vom „Baltijski woksal" fahren Vorortbahnen zur Station „Nowyj Petergof". Die Fahrt dauert 40 Minuten. Die Vorortbahn in die Stadt Puschkin (Haltestelle „Detskoje Selo") startet vom „Witebski woksal" (Metrostation „Puschkinskaja"). Die Fahrtzeit beträgt 30 Minuten.

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