Fünf schwindende Natur- und Architekturwunder

Eine verfallene Kirche in der Stadt Kem nahe Archangelsk. Foto: Geo Photo

Eine verfallene Kirche in der Stadt Kem nahe Archangelsk. Foto: Geo Photo

Alte Holzkirchen, mittelalterliche Städte, glasklare Seen und unberührte Waldgebiete – wer diese touristisch ansprechenden Ziele in den Weiten Russlands besuchen möchte, muss sich beeilen, denn ihr Verfall schreitet mit großen Schritten voran.

Russlands Denkmalschützer führen einen beinahe aussichtslosen Kampf. Das rasante wirtschaftliche Wachstum des Landes hat leider auch zu einem erhöhten Schadstoffaufkommen geführt, hinzu kommt der weltweite Klimawandel. Infolge der Landflucht verwaisen ganze Landstriche. Russlands einstige Prachtbauten leiden unter dieser Entwicklung und verfallen zusehends. Die folgenden Architektur- und Naturwunder sollte man unbedingt noch gesehen haben, bevor sie endgültig verschwinden. 

 

1. Die Urwälder von Komi

Diese unberührten Wälder gehören zu den letzten ihrer Art und wirken geradezu märchenhaft. Sibirische Tannen, Lärchen und Fichten mit samtigen Baumkronen und ein undurchdringliches Unterholz prägen die Urlandschaft. Die Urwälder von Komi waren die erste Naturlandschaft, die in die Liste des Unesco-Weltnaturerbes aufgenommen wurde. Denn in dem wohl prächtigsten „Schatz“ der russischen Taiga sind mehr als 40 Säugetier-, 16 Fisch- und Hunderte seltene Vogelarten beheimatet. Die Urwälder von Komi sind mit einer Fläche von etwa 32 800 Quadratkilometern in etwa so groß wie Belgien. Sie gehören zum Taiga-Naturschutzgebiet des Uralgebirges.

Die Urwälder von Komi waren die erste Naturlandschaft, die in die Liste des Unesco-Weltnaturerbes aufgenommen wurde. Foto: Geo Photo

Doch illegale Abholzung und unerlaubte Minenarbeiten bedrohen das Gebiet. Als Folge der zahlreichen Bohrungen und Sprengarbeiten wurden einige der einzigartigen Landschaften bereits vernichtet und viele Flüsse und Seen verseucht. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace setzt sich daher aktiv dafür ein, die Urwälder von Komi auf die Rote Liste des Unesco-Welterbes zu setzen. Auch der Ökotourismus in die Waldgebiete wird gefördert. Für diejenigen, die sich für einen Ausflug zu diesem Naturwunder interessieren, gibt es hier Informationen zur Anreise und zu Unterkunftsmöglichkeiten. 

 

2. Die Insel Staritschkow

Dieses Naturwunder Russlands ist eine kleine felsige Insel in der Awatscha-Bucht nahe der Halbinsel Kamtschatka im Fernen Osten des Landes. Sie ist ein Naturreservat, das voller Leben steckt. So beherbergt die Staritschkow-Insel insgesamt elf Meeresvogelarten, deren 44 Kolonien weit über 50 000 Individuen zählen. Die kleine Insel, deren Name wörtlich übersetzt „alte Leute“ bedeutet, ist seit 1981 Naturschutzgebiet. Damals kam erstmals eine Gruppe Ornithologen von der Russischen Akademie der Wissenschaften zum Forschen auf die Insel und entdeckte den beeindruckenden Artenreichtum.

Die Insel Staritschkow beherbergert insgesamt elf Meeresvogelarten, deren 44 Kolonien weit über 50 000 Individuen zählen. Foto: Geo Photo

Doch die Insel Staritschkow wurde durch die industrielle Fischerei vor ihrer Küste schwer in Mitleidenschaft gezogen. Ihre Gewässer wurden zudem als Mülldeponie missbraucht: Die russische Militärflotte entsorgte hier ihre alten Munitionsteile. Als Folge dieser starken Wasserverschmutzung wurde die Balance des empfindlichen Ökosystems gestört, sodass zahlreiche Fisch- und Krabbenarten bereits ausgestorben sind, was sich wiederum negativ auf den Vogelbestand der Insel auswirkt. Dennoch lohnt ein Besuch der Insel. Reiseinformationen zur Awatscha-Bucht bietet die offizielle Webseite.

 

3. Die Holzbaukunst von Malye Korely

Für viele Touristen sind sie typisch russisch, die alten, rustikalen Dörfer mit ihren hölzernen Kirchen und kleinen Holzhäusern, die mit kunstvollen, bunten Fensterrahmen geschmückt sind. Zu diesen typisch russischen

Orten zählt auch das nahe Archangelsk gelegene Freilichtmuseum Malye Korely. Manche Touristen nutzen ihre Ausflüge dorthin jedoch auch dazu, um von den ohnehin schon stark in Mitleidenschaft gezogenen Holzhäusern die stilvollen Fensterrahmen und Türen abzumontieren und mitzunehmen, was für viel Aufregung im Land gesorgt hat.

Dieser Vandalismus ist jedoch nichts im Vergleich zu jenen Schäden, die die massive Abwanderung der Bewohner aus der nordrussischen Provinz verursacht hat. Die Abwanderung bewirkte beispielsweise den Verfall von zahlreichen Holzkirchen, die, nutzlos geworden, entweder vermoderten oder durch Unwetter und Vernachlässigung zerstört wurden.

Manche Gebäude dieses typisch russischen Architekturstils konnten glücklicherweise von Denkmalschützern gerettet werden. Auch in Freilichtmuseen konnten einige Gebäude, die in diesem einzigartigen Stil erbaut wurden, erhalten werden. Bei der Vielzahl an verfallenden Gebäuden gleicht der Einsatz der Freiwilligen allerdings einem Kampf gegen Windmühlen.

Das nahe Archangelsk gelegene Freilichtmuseum Malye Korely zählt zu den typisch russischen Orten. Foto: Alamy / LegionMedia

Touristen, die sich für diese Art der Holzarchitektur in entlegenen Gebieten Russlands interessieren, können das Freilichtmuseum Malye Korely nahe Archangelsk besuchen, wo man beispielsweise die mit fünf Zwiebeltürmen bestückte Himmelfahrtskirche und andere Architekturschätze aus dem 17. Jahrhundert bewundern kann. Doch das ist lange nicht alles: Dort gibt es auch märchenhafte Windmühlen, eine artenreiche Tierwelt, Volksfeste und traditionelle Konzerte zu bestaunen.

Ein weiteres spannendes Reiseziel inmitten einer berauschenden naturgebundenen Umgebung bildet das Freilichtmuseum Witoslawizy, das

nur einige Kilometer von Welikij Nowgorod entfernt liegt. Dort wurden restaurierte Holzgebäude aus der ganzen Region entlang des sumpfigen Flusses Wolchow neu arrangiert. Eine weitere Sehenswürdigkeit ist das Kirchenensemble auf der Insel Kischi. Im Russischen wird dieses Ensemble „Kischi Pogost“ genannt, was „Kirchhof von Kischi“ bedeutet. Das Ensemble wurde als eine der ersten russischen Sehenswürdigkeiten in das Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen. Für viele Russen stellt die Insel den Inbegriff der mittelalterlichen Holzarchitektur dar.

 

4. Der Baikalsee und der Fluss Angara

Der Baikalsee ist mit seinen 636 Kilometern Durchmesser, was der Distanz zwischen Moskau und Sankt Petersburg entspricht, eine Welt für sich. Im Schutz des Baikalgebirges bietet der weit abseits der Zivilisation gelegene älteste und tiefste Süßwassersee der Welt Tausenden Vogel-, Tier-, Fisch- und Pflanzenarten sowie unzähligen Mikroorganismen einen einzigartigen Lebensraum. Zwei Drittel aller Lebewesen und Pflanzenarten, die im und rund um den Baikalsee beheimatet sind, finden sich in keinem anderen Gewässer der Welt.

Zwei Drittel aller Lebewesen und Pflanzenarten, die im und rund um den Baikalsee beheimatet sind, finden sich in keinem anderen Gewässer der Welt. Foto: Lori / LegionMedia

Den einzigen Abfluss des Baikalsees bildet der Fluss Angara mit einer Länge von 1 229 Kilometern. Das Wasser des Flusses galt bis vor Kurzem noch als eines der reinsten Gewässer der Welt. Doch innerhalb kürzester Zeit ist das Flusswasser derart verschmutzt worden, dass es nun gar nicht mehr trinkbar ist, wird es vorher nicht gut abkocht. An manchen Stellen

musste sogar der Fischfang verboten werden, da die Fische aufgrund der schlechten Wasserqualität ungenießbar waren. Die Hauptursache für die Verschmutzung findet sich in den Abwässern der Wasserkraftwerke, die in der Sowjetzeit entlang des Flusses erbaut worden waren. Derzeit sind noch vier dieser Kraftwerke in Betrieb, vier weitere befinden sich allerdings ebenfalls im Bau. Laut Angaben des World Wildlife Fund (WWF) könnten die Abwässer aus den Kraftwerken nicht nur das Wasser und die Fauna des Baikalsees nachhaltig schädigen, sondern auch die Sibirischen Tannenwälder entlang der Ufer.

Wer das Naturwunder rund um den Baikalsee noch erleben möchte, kann auf der offiziellen Webseite detaillierte Informationen über Reiseangebote finden.

 

5. Wyborg

Die Stadt Wyborg, die in der Region Leningrad liegt, war lange Zeit Grenzgebiet zwischen Russland und Skandinavien und wechselte mehrfach ihre „Staatsangehörigkeit“. Der letzte Wechsel fand im Jahr 1944 statt, als die Sowjetunion Wyborg im Zweiten Weltkrieg von den Finnen eroberte. So finden sich in der Architektur der Stadt russische, schwedische und finnische Einflüsse.

Alte, historische Gebäude in der Stadt Waborg verfallen und werden unbewohnbar. Foto: Geo Photo

Die Jahre, die seit der Besatzung von Wyborg durch die Sowjetunion vergangen sind, haben tiefe Wunden in die einst blühende Stadt gerissen. Alte, historische Gebäude verfallen und werden unbewohnbar. Investoren haben ihre Chance gewittert und lassen die einsturzgefährdeten Gebäude niederreißen, um an ihrer Stelle moderne zu errichten. Architekten und

Denkmalschützer haben es in den vergangenen Jahren zwar geschafft, diesem Prozess entgegenzuwirken und die Zerstörung des architektonischen Erbes der Stadt zu verlangsamen. Nichtsdestoweniger ist derzeit beinahe jedes Gebäude in Wyborg abrissgefährdet – sowohl schwedische Häuser aus dem 15. Jahrhundert als auch finnische Wohnhäuser aus den 1930er-Jahren. Wer die architektonischen Besonderheiten von Wyborg also noch besichtigen möchte, sollte alsbald eine Reise in diese Stadt planen, bevor ihre frühere Schönheit vollends verblasst. Informationen zu Reisemöglichkeiten finden Sie hier.

 

Waren Sie schon einmal in Kamtschatka?

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